BERGHEIM/TURNOW-PREILACK / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesverband der Erneuerbaren Energien fordert nach Angriffen auf das Stromnetz ein Backup-System für Notfälle. Bioenergie und Wasserkraft sollen als schwarzstartfähige Quellen das Netz nach einem Ausfall schneller wieder hochfahren können. Batteriespeicher können kurzfristig einspringen und in der Übergangsphase Strom bereitstellen. Gleichzeitig macht der Verband klar: Einen vollständigen Schutz vor Sabotage gibt es nicht, aber die Risiken ließen sich reduzieren.

Angriffe auf das Stromnetz in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen haben die Diskussion um Resilienz und Wiederanlauf im Energiesystem neu angefacht. Der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE) fordert deshalb ein „Backup-System für Notfälle“ – also eine technische und organisatorische Fähigkeit, das Netz nach einem Totalausfall oder schwerwiegenden Störungen ohne externe Versorgung möglichst zügig wieder in Gang zu bringen. In dem Zusammenhang werden insbesondere Energiequellen adressiert, die nach einem Blackout nicht auf einen funktionierenden Vorabzustrom angewiesen sind, sondern ohne Netzspannung „von sich aus“ starten können.
Im Zentrum der Forderung steht der Begriff der Schwarzstartfähigkeit: Bioenergie und Wasserkraft werden vom BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser als Beispiele genannt. Das bedeutet technisch, dass diese Anlagen nach einem Netzausfall ohne externe Stromversorgung schnell wieder hochgefahren werden können, um Frequenz und Spannung schrittweise zu stabilisieren. Ergänzend nennt Heinen-Esser auch Batteriespeicher: „Auch Batteriespeicher können im Ernstfall kurzfristig einspringen und günstigen Strom bereitstellen.“ Damit verschiebt sich der Fokus weg von einer reinen Erzeugungsgleichung hin zu einem Betriebsmodell, in dem mehrere Energieträger wie Bausteine für den Wiederanlauf funktionieren – nicht nur für den Normalbetrieb.
Die gleiche Einordnung macht aber auch die Grenzen deutlich. Heinen-Esser räumte ein, dass es „keinen vollständigen Schutz vor derartigen Angriffen“ gebe. Stattdessen geht es aus Sicht des BEE darum, die Risikolage in der laufenden Energiewende bewusst zu minimieren. Genannt wird vor allem der Sicherheitsgewinn durch bessere Früherkennung und geringere Auswirkungen: „Wir können in der aktuellen Phase der Energiewende bewusster darauf achten, die Risiken zu minimieren und unsere Energieversorgung so aufstellen, dass mögliche Angriffe früher entdeckt werden und geringere Auswirkungen haben.“ Gerade weil Netztechnik und Erzeugungsstrukturen heterogener werden, steigt der Wert eines Systems, das nicht ausschließlich auf dem „keine Störung tritt ein“-Prinzip beruht.
Dass das Thema nicht akademisch ist, zeigen zwei konkrete Vorfälle in kurzer Zeit. In der Nähe von Turnow-Preilack in Südbrandenburg gab es laut Angaben der Behörden einen Angriff auf die Stromversorgung eines Umspannwerks. Zeitlich parallel wurde bei Bergheim nahe Köln eine Störung an einem Umspannwerk bekannt. Ermittelt wird in beiden Fällen auf Basis der Spurenlage, wobei in der Umgebung Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden worden sein sollen, die möglicherweise bereits länger installiert waren. Nach Angaben der Ermittler werden beide Vorfälle auf verfassungsfeindliche Sabotage zurückgeführt, womit die Debatte stärker in Richtung Schutz kritischer Infrastruktur rückt als in Richtung rein technischer Betriebsstörungen.
Parallel zur Netztechnik diskutiert der BEE auch Informations- und Sicherheitspraktiken. Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, fordert nach den Angriffen, dass detaillierte Informationen und Pläne zu kritischen Infrastrukturen potenziellen Angreifern nicht frei zugänglich sein dürfen. Zudem setzt Andreae auf eine Anpassung von Datenschutzanforderungen, damit Überwachung nicht nur rechtlich zulässig, sondern auch praktisch wirksam werden kann: „Datenschutzbestimmungen müssen so angepasst werden, dass auch angrenzende öffentliche Bereiche rechtssicher per Kamera überwacht werden können.“ Das ist sicherheitstechnisch relevant, weil viele Anlagen in der realen Welt an öffentlich zugängliche Flächen grenzen; ohne rechtssichere Überwachungslücken entstehen gerade dort erhöhte Angriffsfenster.
Technisch lässt sich die BEE-Forderung als Kombination aus Wiederanlauf-Logik und Betriebsvorbereitung verstehen. Im Ernstfall zählt nicht nur, dass einzelne Erzeuger „starten können“, sondern wie schnell sich ein Verbund aus verschiedenen Quellen wieder zu einem stabilen Betriebszustand formen lässt. Schwarzstartfähige Anlagen liefern dabei einen Startimpuls, Batteriespeicher können kurzfristige Engpässe überbrücken und die Frequenzstabilität unterstützen. Marktseitig passt das zudem zu einem breiteren Muster: Seit der zunehmenden Kopplung dezentraler Erzeugung an das Netz werden Betriebsprozesse stärker software- und steuerungsgetrieben. Für Betreiber bedeutet das, dass Netzzustände, Schutzkonzepte und Wiederanlauf-Szenarien nicht nur in Dokumenten vorliegen sollten, sondern in Trainings, Simulationen und technischen Steuerungsabläufen tatsächlich getestet werden müssen.
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