ESRANGE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Stratosphärenballons BEXUS 38 und BEXUS 39 sind vom Raumfahrtzentrum Esrange in Nordschweden gestartet. An Bord arbeiten fünf Experimente deutscher Universitäten – inklusive Mikroplastik-Monitoring, Positronenmessung und einem Pilzkonzept als Strahlenschutz. Die Ballons können bis zu 35 Kilometer Höhe erreichen und bleiben je nach Wind zwei bis fünf Stunden in der Luft. Nach der Bergung werden die Messdaten nun von den Teams ausgewertet.

Beim Blick auf die letzten beiden BEXUS-Starts fällt vor allem eine Zahl ins Auge: Insgesamt nahmen elf Teams einen der Startplätze wahr, und fünf davon kamen aus Deutschland – so viele wie zuvor. BEXUS steht damit erneut als Experimentierfeld für Studierende im Fokus, bei dem sie nicht nur einzelne Messbausteine testen, sondern den kompletten Zyklus eines Raumfahrtprojekts durchlaufen. Vom Design über die Vorbereitung bis zum Flug und zur Auswertung spielt die Stratosphäre die Rolle des realen Laborraums, in dem sich Technik und Methodik unter echten Bedingungen bewähren müssen. Abflug war am 14. und 17. Oktober 2026, gestartet wurde vom Raumfahrtzentrum Esrange in Nordschweden.
Technisch betrachtet ist der Rahmen für alle Experimente ungewöhnlich kompakt: Die Stratosphärenballons von BEXUS können bis zu 35 Kilometer Höhe erreichen, und die nutzbare Experimentzeit hängt vom Wind ab und liegt typischerweise zwischen zwei und fünf Stunden. Das bedeutet, dass sich die Messketten nicht „auf Vorrat“ ausdehnen können. Sensorik, Datenaufnahme und die Stromversorgung müssen zuverlässig funktionieren, bevor der Ballon wieder zur Erde zurückkehrt. Genau deshalb ist es für viele Teams wertvoll, dass die Studierenden in BEXUS eng begleitet werden, also nicht im rein akademischen Blindflug arbeiten, sondern nach einem Raumfahrt-ähnlichen Muster vorgehen. Für die Projekte wird damit ein realistischer Takt vorgegeben: Launch-Window, Durchführung, Bergung und anschließend die Auswertung der Messdaten.
Auf der Nutzlastseite zeigt der Start eine breite Mischung aus Atmosphären-, Grundlagen- und Strahlungsforschung. ALBEDO widmet sich der Frage, wie viel Sonnenstrahlung die Erde reflektiert – also wie sich sichtbares Licht und Infrarotanteile im Zusammenspiel von Atmosphäre und Erdoberfläche verteilen. Für die Bewertung der Albedo ist dabei wichtig, dass die Messung sowohl im sichtbaren Spektrum als auch im Infrarotbereich erfolgt, weil sich daraus unterschiedliche Beiträge zur Gesamtbilanz ableiten lassen. Das Experiment soll außerdem verdeutlichen, dass kosteneffiziente Sensorsysteme in der Atmosphärenforschung praktikabel sind – eine relevante Perspektive, wenn man an größere Messnetze oder wiederholbare Kampagnen denkt.
Während ALBEDO eher die Energieflüsse im Blick hat, adressieren CLOUDS und DOPAMINS direkt das Thema Strahlungswirkung durch Partikel in der oberen Atmosphäre. CLOUDS betrachtet Kalkaerosole, also Calciumcarbonat als Staub aus Kalk, der Licht reflektieren kann. Damit verknüpft das Projekt die Frage, ob solche Partikel grundsätzlich für Solar Radiation Management geeignet wären: SRM beschreibt technologische Ansätze, die einen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung in Richtung Weltraum zurückreflektieren könnten, um die Erde künstlich abzukühlen. DOPAMINS wiederum knüpft an die kosmische Strahlung an und verfolgt Positronen aus der oberen Atmosphäre. Sobald Positronen auf Elektronen treffen, kommt es zur gegenseitigen Vernichtung; in der Natur „überleben“ Positronen dem Text zufolge nur extrem kurz, bevor sie auf passende Gegenpartikel treffen. DOPAMINS testet daher ein Messkonzept für die spätere Erfassung von Antiteilchen im Weltraum und macht aus dem kurzen Zeitfenster der Stratosphäre eine Trainingsumgebung für die Antiteilchen-Diagnostik.
Ergänzend rückt PHILEAS Umwelt- und Verteilungsfragen in den Fokus: Mikroplastik gilt nicht nur als Problem in der Meeresumwelt, sondern wird auch in der Atmosphäre vermutet. PHILEAS sammelt und analysiert Mikroplastikpartikel in hohen Atmosphärenschichten, um daraus ein Modell zur Verbreitung dieser Schadstoffe abzuleiten. Praktisch interessant ist dabei die eingesetzte Systembasis: Elektronik und Software beruhen auf MOVE Beyond (Munich Orbital Verification Experiment), das von Studierenden der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (WARR) entwickelt wurde. Damit zeigt sich ein wiederkehrendes Muster in solchen Programmen: Die Strukturen und Werkzeuge aus vorangegangenen Projekten werden weiterverwendet und an neue Messziele angepasst, statt jedes Mal bei null anzufangen.
Den Abschluss der Themenkette bildet SHROOM, das Strahlenschutz über einen biotechnologischen Ansatz adressiert. Kosmische Strahlung stellt auf Weltraumflügen eine Gefährdung für Astronautinnen und Astronauten dar; klassische Abschirmmaterialien sind dabei jedoch schwer, was wiederum den Treibstoffbedarf bei Raketen erhöhen kann. SHROOM untersucht deshalb, ob biotechnologische Schutzschilde aus Pilzen eine Lösung darstellen könnten. Der Text nennt radiotrophe Pilze, die Strahlung als Energiequelle nutzen; dabei soll ein spezielles Pigment Strahlung in chemische Energie umwandeln und zugleich das Erbgut der Pilze schützen. Die zentrale Prüfgröße lautet damit: Können diese Pilze als selbstwachsende Abschirmung funktionieren, oder sind die Effekte in der Stratosphäre zu gering beziehungsweise zu instabil?
Nachdem die Flüge erfolgreich waren und die Ballons geborgen wurden, beginnt für die Teams die zweite Phase des Projekts: die Auswertung der Daten. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist gerade diese Kette aus „Messung unter realen Bedingungen“ und anschließendem Datenhärten ein praktischer Lernprozess, denn viele Fehlerquellen tauchen erst außerhalb des Labors auf – von unerwarteten Temperaturprofilen bis hin zu Datenlücken. Unterm Strich vermittelt der aktuelle BEXUS-Jahrgang ein Bild davon, wie sich Nachwuchs in der KI- und Softwarewelt ebenso wie in der Sensortechnik oder in der Modellbildung einüben kann: nicht als abstraktes theoretisches Training, sondern als durch Zeitfenster und Bergung konkret begrenzte Mission. Und genau darin liegt auch der strategische Wert des Programms für die nächsten Generationen von Raumfahrtteams – sie lernen, Messkonzepte so zu verpacken, dass sie im realen Flugbetrieb bestehen.
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