SYDNEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Dharug-Künstler Billy Bain nutzt Sand, Wellen und Flusslandschaften, um koloniale Bilder vom „weißen“ Strand zu korrigieren. Mit der Ausstellung „By the River“ (4. Juli bis 8. November) zeigt er neue Landschaftsgemälde der Dyarubbin/Hawkesbury sowie verspielte, figurative Tonarbeiten mit einer vier Meter langen Flussaale-Figur als Totem. Die Werke verbinden kulturelle Rückkehr mit Familiengeschichte und werden zugleich zur Debatte über Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und den respektvollen Umgang mit indigener Kultur.

Wenn Billy Bain als Kind oder Jugendlicher an Australiens Nordstränden unterwegs war, fühlte sich der Ort nicht automatisch „zugehörig“ an. Obwohl er nur Minuten von seinem Zuhause in Avalon entfernt lebte, wurde er wiederholt als Außenseiter markiert – mit Hinweisen wie „Geh rein“ bzw. „du bist nicht von hier“. Heute deutet Bain genau dieses Muster als Ausgangspunkt für künstlerische Rückeroberung: Der Strand sei „und immer noch“ ein Aboriginal Raum, werde aber in populären Bildern vor allem als weiß, sportlich und männlich dargestellt. Seine Ausstellung „By the River“ im Art Gallery of New South Wales verschiebt den Fokus: von Kulisse zu souveränem Kulturraum.
Technisch betrachtet lässt sich Bains Ansatz als eine Art „visuelle Infrastruktur“ für Bedeutung verstehen: Er bringt unterschiedlichste Materialien und Produktionsschritte zusammen, die zusammen eine überprüfbare Erzählung ergeben. In seinem Studio in Granville arbeitet er an neuen Arbeiten, darunter fünf Landschaftsgemälde zur Dyarubbin/Hawkesbury-Region. Die Verbindung ist räumlich wie symbolisch: Der Künstler verknüpft die Flusslogik mit dem Meer und nutzt den Aalfang als Metapher für Rückkehr. Diese Logik wird außerdem in den Skulpturen fortgesetzt, die nicht bloß dekorativ wirken, sondern als narrative Knotenpunkte für Herkunft, Familie und Gegenwart dienen.
Für die neue Präsentation hat Bain 11 humorvolle, figürliche indigene Familienmitglieder (plus einen Hund) aus Ton gestaltet. Die Figuren tragen Badebekleidung, Shorts und sogar Budgie-Smugglers – in Farben, die an Aboriginal Gestaltungstraditionen erinnern: Rot und Schwarz mit einem gelben Akzent. Auffällig ist dabei die Geste: Die Figuren halten einen vier Meter langen Flussaal „aloft“. In Dharug wird dieser Aalfisch als burra beschrieben, als Totem und Symbol für Widerstandskraft. Die weiche Skulptur entsteht aus Stoff auf einem Draht- und Stahlrahmen, ergänzt durch 200 handgewebte textile Elemente von Kathleens Bain, die dadurch nicht nur Handarbeit, sondern kulturelle Weitergabe sichtbar macht.
Der Prozess verankert Bains Werke zudem in gemeinschaftlicher Feldarbeit – ein Element, das in der Kunstwelt oft unterschätzt wird. Laut Interview ist sein Vater Teil der Herstellung: Er fuhren mit einem kleinen „tinny“-Boot die Dyarubbin hinauf, machten sich über Klippenwege durch die Natur auf den Weg und suchten dabei nach alten Aboriginal Handabdrücken in Höhlen. Diese Funde dienten als Grundlage für Zeichnungen, die wiederum in die Landschaftsgemälde einflossen. Gleichzeitig greift Bain eine zweite Ebene auf: Graffiti, das sinngemäß vor dem Verunstalten von Felskunst warnte, wurde von ihm als „übergriffige“ Botschaft beschrieben. Das zeigt, wie eng Kunst, Schutzanspruch und die tatsächliche Praxis des Umgangs mit kulturellem Erbe zusammenhängen.
Im Markt und in der Museumslandschaft konkurriert Bains Ausstellung zwangsläufig um Aufmerksamkeit – nicht nur gegen andere Künstlerinnen und Künstler, sondern gegen den Kalender von Großformaten. Als Referenzpunkt für diesen Wettbewerb kann man etwa vergleichbare Ausstellungsformate wie die Sydney-Biennale (als etablierte Plattform für zeitgenössische Kunst) nennen: Wer dort zeigt, steht unter starker Sichtbarkeitslogik, während kleinere oder stärker lokale Arbeiten besonders von kuratorischer Rahmung abhängen. Ein zentrales Argument in Bains Strategie ist dabei, dass humorvolle Gestaltung („fun, seductive“) ernsthafte Inhalte transportieren kann. In seinen Worten: „It’s been such a massive part of learning to express myself.“ Genau diese Verbindung ist für Sammler und Kuratorinnen oft der Hebel, der aus einer Debatte über Identität eine langfristig anschlussfähige Kunstpraxis macht.
Aus Expertensicht verlagert „By the River“ zudem die Frage, wie Institutionen kulturelles Wissen dokumentieren, vermitteln und schützen. In Australien ist der Umgang mit Indigenous Cultural and Intellectual Property (ICIP) ein zentraler Bezugspunkt: Nicht jedes Bild, nicht jede Geschichte, nicht jede Darstellung darf automatisch „öffentlich“ reproduziert werden. Bains Werke sind offen genug, um mehrere Perspektiven zuzulassen, aber sie bleiben an konkrete Herkunft gebunden – durch Sprache (burra), durch geografische Leitplanken (Dyarubbin/Hawkesbury, Pittwater, Manly) und durch die Mitwirkung seiner Mutter. Für Unternehmen und Tech-orientierte Teams, die etwa virtuelle Ausstellungen, digitale Kataloge oder Bilddatenbanken bauen, liegt darin eine klare Lehre: Governance muss vor Content-Export beginnen.
Der Blick nach vorn macht vor allem deutlich, welche Entwicklung Bains Ansatz wahrscheinlicher macht. Landschaftsmalerei ist für ihn eine neue Phase; zugleich verweist seine Biografie auf frühere Arbeiten, darunter Porträts und sein Bezug zur Archibald-Wahl. Aus dieser Mischung ergibt sich eine Zukunftsoption für die Verbindung von analoger Herstellung und digitaler Sichtbarkeit: Kuratorische Systeme könnten künftig stärker mit nachvollziehbaren Produktionsketten arbeiten – also nicht nur „was“ gezeigt wird, sondern „wie“ das Wissen zustande kommt. Bain selbst beschreibt das Ganze als „healing thing“ und betont zugleich Hoffnung auf menschliche Offenheit. Für die nächste Projektgeneration heißt das: Repräsentation wird zur Prozessdisziplin, nicht nur zum Ergebnis.
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