LONDON (IT BOLTWISE) – Wintermute erwartet, dass der Bitcoin-Boden noch nicht erreicht ist, obwohl der Markt bereits extrem pessimistisch wirkt. Der Grund: Es fehlen weiterhin frische Kaufimpulse von großen Akteuren, während makroökonomische Faktoren wie Zinssorgen, ein fester US-Dollar und der Auslauf des „AI-Trades“ zusätzlich Druck erzeugen. Besonders kritisch seien die anhaltenden Abflüsse bei Spot-Bitcoin-ETFs und die abnehmende Verlässlichkeit des „permanenten Bids“. Für Investoren kann das heißen, dass weitere Volatilität bis in den Spätsommer hinein realistisch bleibt.

Bitcoin zeigt zwar klassische Anzeichen einer späten Baisse-Phase, doch laut dem Krypto-Market-Maker Wintermute ist der „Boden“ wahrscheinlich noch nicht erreicht. Der Markt habe zwar in Richtung Kapitulation gedreht, zugleich aber mehrere Stresssignale aufgebaut, die typischerweise erst später in eine Erholungsphase münden. Besonders wichtig ist für Wintermute die Frage, ob nach dem Abverkauf genug neue Nachfrage entsteht. Ohne frische Zuflüsse von großen Wallets, institutionellen Produkten und OTC-Desks bleibt die Trendwende eher ein Szenario als ein bestätigter Kurswechsel. Das macht die kurzfristige Planung für Unternehmen und Treasury-Teams heikel.
Ein zentraler Trigger, den Wintermute in den Kontext stellt, ist die Gleichzeitigkeit des Crypto-Selloffs mit dem Ende des sogenannten „AI-Trades“ an den US-Börsen. In einer Phase, in der der Nasdaq laut Bericht um 4,5% fiel und diese Schwäche bereits am fünften Handelstag anhielt, gerieten auch Chip-Werte besonders stark unter Druck. Für Krypto ist diese Korrelation nicht neu: In risk-off-Phasen werden Liquidität und Risikoexposition oft gleichzeitig reduziert. Hinzu kommt makroökonomischer Druck durch anhaltende Zinssorgen, ausgelöst durch einen PCE-Anstieg auf 4,1% im Mai. Der US-Dollar stieg dabei auf ein Ein-Jahres-Hoch bei 101.
Technisch betrachtet lässt sich das als „fehlende Unterstützung“ im Orderflow beschreiben: Wintermute argumentiert, dass Stimmungsdaten zwar bereits nach extremem Pessimismus aussehen, aber der Markt noch keine belastbare Nachfragekurve aufbaut. Der Fear-&-Greed-Index liege nahe an Extremwerten, und der Anteil des BTC-Angebots, der „unter Wasser“ ist, nähere sich früheren Zyklus-Tiefständen. Doch selbst wenn On-Chain-Enttäuschung und Verlustrealisationen historisch oft einen Boden ankündigen, braucht es danach Käufer, die das Angebot absorbieren. Genau daran setzt die Kritik an: Es fehle derzeit ein spürbarer Kaufdruck.
Dieser Punkt wird besonders an institutionellen Zuflüssen messbar. Wintermute verweist darauf, dass die „Kapitulierung“ allein nicht ausreicht, solange ETFs und OTC-Desks keine Netto-Nachfrage liefern. Berichten zufolge war Juni der schwächste Monat für Spot-Bitcoin-ETFs seit dem Start im Januar 2024. Datenanbieter wie SoSoValue zeigten dabei mehr als 4,5 Milliarden US-Dollar an Nettoabflüssen. Solche Abflüsse wirken wie ein strukturelles Gegenmoment zur On-Chain-Kapitulation: Selbst wenn der Markt lokal „billig“ erscheint, verhindert der negative Fluss über die Vehikel eine nachhaltige Bodenbildung. Für Treasury-Strategien bedeutet das: Risiko-Modelle sollten Orderflow und Produktflüsse getrennt betrachten.
Als weiterer Stressindikator wird die Verhaltensänderung in Bitcoin-Treasuries diskutiert. Strategy, das von Michael Saylor geführte größte Bitcoin-Treasury-Unternehmen, steht in der Wahrnehmung als zyklischer Barometerwert. Wintermute beschreibt, dass der Aufschlag von MSTR gegenüber dem reinen Bitcoin-Bestand zeitweise Richtung 1,0x komprimierte. Gleichzeitig habe STRC, das bevorzugte Vehikel, ein Allzeittief nahe 72 US-Dollar erreicht, bevor das Unternehmen eine neue Vorgehensweise ankündigte, um mehr als 1 Milliarde US-Dollar an Bitcoin veräußern zu können. Wintermute bewertet die Entscheidung als nachvollziehbar, weil sie das Risiko ungeordneter Preisstürze verringern kann.
Doch Wintermute setzt den Fokus auf die Makro-Signatur: Eine Treasury-Gesellschaft, die sich das Recht einräumt, Bitcoin zu verkaufen, um Dividenden zu bedienen, ist nicht nur ein internes Cash-Management-Thema. Die Interpretation lautet, dass der „permanente Bid“ weniger dauerhaft wird und eher zu einer „Bedingungsgröße“ wird. Damit entsteht ein anderes Risiko-Setup als in früheren Zyklusphasen, in denen große Halter in Stressphasen oft als stabilisierender Anker galten. Experten weisen zudem darauf hin, dass sich die Liquidität in Krypto im Zusammenspiel aus TradFi-Zinsnarrativ und On-Chain-Mechanik oft erst verzögert stabilisiert. Das macht die Prognose „noch nicht unten“ plausibel, auch wenn die Stimmung bereits dreht.
Für den Markt liegt die nächste Überprüfung bei konkreten Zeitmarken und technischen Triggern. Wintermute erwartet laut Argumentation „mehr Schmerz“ bis September oder Oktober. Als nächste Tests nennt das Setup zum einen die Veröffentlichungslinie rund um Payroll-Daten, die typischerweise die Zinswartung für den US-Markt neu bewertet. Zum anderen steht die Frage im Raum, ob Bitcoin den 200‑Wochen‑Moving‑Average verteidigen kann – ein Niveau, das viele systematische Ansätze als langfristigen Trendfilter nutzen. Wenn dieser Filter bricht, verschiebt sich die Erwartung von „Durchhangeln“ zu „Trendwechsel nach unten“, was Derivate-Positionen und Liquidationsketten schnell beschleunigen kann.
Der Wettbewerb im Krypto-Sektor spiegelt diese Unsicherheit ebenfalls. Galaxy Digital wird in ähnlichem Kontext als strategischer Akteur genannt, etwa wenn Zins- und Risikosignale den Bestand und die Hedging-Aktivitäten beeinflussen. Der größere Brancheneffekt betrifft nicht nur Trader, sondern auch Produktanbieter und Plattformen: Je schwächer ETF-Zuflüsse und je stärker das Makro an Risikoappetits zieht, desto wichtiger werden Liquiditäts-Management, Kontrahentenrisiko und effiziente Absicherung. Für Regulierung und Datenschutz bleibt dabei entscheidend, dass krypto-nahe Analytics und Monitoring-Lösungen klar zwischen Markttransaktionsdaten und personenbezogenen Informationen unterscheiden. Auch wenn Krypto technisch „transparent“ wirkt, sollten Unternehmen rechtssicher arbeiten, insbesondere bei der Verarbeitung von Metadaten.
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