LONDON (IT BOLTWISE) – Langfristige Bitcoin-Inhaber verkaufen zwar, aber deutlich langsamer als bei früheren Hochphasen. Daten von CryptoQuant zeigen durchschnittliche Gewinne von rund 72% statt etwa 350% im Dezember 2024. Gleichzeitig deuten Zuflüsse in Bitcoin-ETFs und ein Anstieg mittelgroßer Wallets darauf hin, dass nicht jede Rally allein durch Abverkauf gebremst wird. Entscheidend wird nun, ob sich die Verkaufsdynamik wieder auf das Niveau früherer Spitzen verlagert.

Bitcoin: Langfristige Anleger verkaufen langsamer – wer treibt den Kurs?
Bitcoin: Langfristige Anleger verkaufen langsamer – wer treibt den Kurs? (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Bitcoin-Rally wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Während langfristige Inhaber gerade beginnen, Gewinne mitzunehmen, steigt der Kurs weiter. Genau diese Diskrepanz macht die Situation „anders“ als frühere Marktspitzen – denn nicht nur der Umfang des Verkaufs, sondern vor allem, wer verkauft und wie stark die Gewinne bereits ausgereizt sind, entscheidet über die Stabilität eines Aufwärtstrends. Laut CryptoQuant liegen die durchschnittlichen Gewinne bei langfristigen Haltern derzeit bei etwa 72%. Zum Vergleich: In Dezember 2024 waren es noch rund 350% – ein Unterschied, der die Verkaufsanreize messbar verschiebt.

Um diese Dynamik einzuordnen, lohnt ein Blick auf Kennzahlen, die Verkaufsdruck indirekt sichtbar machen. Glassnode nutzt dafür den „Sell-Side Risk Ratio“-Ansatz, der Gewinne und Verluste realisierter Coins ins Verhältnis zum Gesamtwert aller gehaltenen Bestände setzt. Zur Hochphase im Juli 2025 sprang dieser Wert auf 35 Basis-Punkte pro Tag, beim Peak im Oktober 2025 lag er bei 23 Basis-Punkten pro Tag. Anfang September 2026 fiel er dagegen auf nur noch 7 Basis-Punkte pro Tag. Das signalisiert: Die typischen Abverkaufsphasen langfristiger Akteure laufen nicht im gleichen Takt wie in früheren Zyklen.

Auch die Zusammensetzung der realisierten Gewinne spricht eine klare Sprache. In der frühen Phase September 2026 entfielen laut der vorliegenden Aufbereitung nur noch 47% der realisierten Profite auf langfristige Halter – nach zuvor 88% am August-Top. In der Praxis bedeutet das weniger: Nicht zwingend, dass weniger Coins bewegt werden, sondern dass der potenziell „verkaufsbereite“ Anteil am Marktgeschehen kleiner ist. Zudem stützen externe Käufer die Lage: Bitcoin-ETFs verzeichneten am 21. September laut dem Bericht 999 Millionen US-Dollar an Zuflüssen. Selbst wenn die On-Chain-Seite auf Gewinnmitnahmen hindeutet, kann diese Gegenkraft Abwärtsdruck begrenzen.

Parallel dazu wächst ein Marktsegment, das viele Anleger als „naheliegenden“ Treiber vermuten würden: Wallets mit 100 bis 1.000 BTC. Santiment zufolge stieg deren Gesamtbestand in der Zeit vom 15. Juli bis Ende September um 113.950 BTC auf rund 5,24 Millionen BTC, was einem Plus von 2,2% entspricht. Allerdings zeigt der Bericht auch die Fallstricke solcher Ableitungen: Eine Institution kann BTC auf mehrere Adressen verteilen, und Börsen können große Bestände von Kundengeldern in wenigen Adressen konsolidieren. Deshalb liefert der Zuwachs zwar Indikatoren für Aktivität, bestätigt aber nicht automatisch, dass neues Kapital in den Markt „hineinströmt“ – ein Wachstum kann ebenso aus Umschichtungen oder Transfers zwischen Wallets resultieren.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Kursanstieg nicht in einem „klassisch“ günstigen Makroumfeld schwimmt, zumindest nicht für Risikoassets. Der Bericht stellt den Zusammenhang zu den Renditen von US-Staatsanleihen her: Am 15. September erreichte die 10-jährige Treasury Rendite 5%, den höchsten Stand seit 2007. Diese Entwicklung erhöht grundsätzlich die Attraktivität von risikofreien Alternativen, weil Anleger dort planbare Erträge erhalten, während Bitcoin keine Zinsen zahlt. Trotzdem legte Bitcoin in der Woche bis zum 26. September um 3,3% zu. Das spricht dafür, dass die Nachfrage nach BTC aktuell nicht ausschließlich durch die Opportunitätskosten der Zinsen erklärt wird.

Technisch betrachtet passt auch der Verlauf in das Muster eines verbesserten „Haltemotivs“, wie es Glassnode mit der realisierten Preislogik beschreibt. Bitcoin fiel demnach nicht unter den realisierten Preis – also den durchschnittlichen Preis, zu dem Coins zuletzt gehandelt wurden. Zudem war das Juni-Tief als bear-market bottom relativ flach, gemessen an früheren Phasen seit 2017. Diese Kombination erleichtert es engagierten Haltern, durchzuhalten, statt in einer Verlustsituation „zwangszuliquidieren“. In der Summe entsteht damit ein Marktbild, in dem Gewinnmitnahmen zwar stattfinden, aber weniger aus „Notwendigkeit“ als aus selektiven Entscheidungen heraus wirken.

Für die weitere Entwicklung stellt sich damit vor allem eine Frage: Bleiben es bei den aktuell moderaten Abverkäufen langfristiger Inhaber, oder kippt die Dynamik in Richtung früherer Muster? Der Bericht nennt konkrete Schwellen, die Anleger beobachten können: Langfristige Halter hätten rund 1,07 Millionen BTC in einem Kurskorridor zwischen 83.000 und 86.000 US-Dollar gekauft. Falls der Preis unter 83.000 US-Dollar fällt, könnten diese Käufer näher an Verlustsituationen geraten und im Extremfall eher zu Verkäufen gezwungen oder zumindest motiviert werden. Gleichzeitig bleibt möglich, dass sich der Druck verlagert – etwa wenn mittelgroße Wallets ihre seit Mitte Juli aufgebauten Bestände in größerem Stil wieder reduzieren. Bis dahin spricht das Zusammenspiel aus schwächerem Sell-Side-Risiko, ETF-Zuflüssen und dem Kursverhalten trotz steigender Treasury-Renditen dafür, dass der aktuelle Rally-Impuls weniger durch panikartige Liquidität abgewürgt wird als in früheren Peaks.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen „On-Chain-Wallet-Wachstum“ und „nachweislich neuem Netto-Kapital“. Wenn Trading-Mechanik vor allem innerhalb von Börsenorderbüchern stattfindet, können Wallet-Daten steigen, ohne dass ein signifikanter Zufluss in den Markt stattfindet. Für Unternehmens- und Investment-Teams bedeutet das: Wer Entscheidungen auf Basis einzelner Wallet-Cluster trifft, sollte zusätzlich die Qualität der Gegenbewegungen prüfen – etwa über ETF-Flows, über aggregierte Realisierungsdaten und über das Verhalten langfristiger Halter in Verlust- versus Gewinnzonen. Genau diese mehrschichtige Betrachtung ist derzeit entscheidend, weil der Bericht zwar Verkaufstätigkeit zeigt, die Intensität aber „diesmal“ nicht mit den historischen Tops deckt.


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