LONDON (IT BOLTWISE) – Die BIZ zeigt im Jahresbericht 2026, wie das Zusammenspiel aus steigender Staatsverschuldung und zurückfahrenden Zentralbanken die Anleihemärkte strukturell verändert. Gleichzeitig bauen Hedgefonds große Cash-Futures- und Swap-Spread-Arbitrage-Strategien auf. Das funktioniert vor allem dann, wenn Repo-Finanzierung, Margen und Terminmarktliquidität stabil bleiben. In Stressphasen kann genau diese Abhängigkeit zu abrupten Auflösungen und Folgewirkungen in anderen Anlageklassen führen.

Die große Verschiebung im Finanzsystem wirkt oft leise – aber sie kann im Krisenfall laut werden. Im Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich für 2026 rückt vor allem ein Thema in den Fokus: die Kombination aus hoher Staatsverschuldung und dem wachsenden Gewicht von Nichtbanken in den Anleihemärkten. Staatsanleihen gelten seit jeher als „Sicherer Hafen“ und als technisches Fundament des Systems. Auf ihnen beruhen Zinssätze, Kreditentscheidungen und Bewertungsmodelle für weitere Anlageklassen. Wenn an diesem Anker etwas ins Wanken gerät, kann sich das nach Auffassung der BIZ über mehrere Kanäle fortpflanzen – nicht nur innerhalb des Bondmarkts, sondern auch in Märkten, die scheinbar weiter weg sind.
Ein zentraler Treiber der veränderten Marktstruktur ist der Rückzug öffentlicher Käufer. Der Bericht verweist darauf, dass die öffentliche Verschuldung in fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren gestiegen ist, unter anderem gestützt durch erhöhte zyklisch bereinigte Primärdefizite seit 2022. Gleichzeitig haben mehrere große Zentralbanken ihre Bilanzen im Rahmen von Quantitative Tightening reduziert. Für den Markt bedeutet das: Der „stabilisierende“ Nachfrager, der in der Vergangenheit Teile des Angebots absorbiert hat, ist in kleinerem Umfang präsent. Steigt parallel das Angebot an Staatsanleihen, dann rückt die Frage in den Vordergrund, wer diese Emissionen im Alltag tatsächlich in die Bücher nimmt – und wie robust diese Nachfrage in Stressphasen bleibt.
Genau hier kommt der Teil, der in der öffentlichen Debatte oft als abstrakt gilt: Nichtbanken-Finanzintermediäre. Besonders sichtbar werden Hedgefonds, die nach Angaben der US-Notenbank ihre Positionen in US-Staatsanleihen stark ausgebaut haben. In einem Zeitraum von September 2023 bis September 2025 verdoppelten große Hedgefonds ihre Bruttopositionen in US-Treasuries auf vier Billionen US-Dollar. Davon entfielen 2,4 Billionen auf Long-Positionen und 1,6 Billionen auf Short-Positionen. Auch relativ zum Markt wuchs ihr Gewicht: ihr Anteil an den ausstehenden Treasuries stieg im selben Zeitraum von 4,5 auf 8,5 Prozent. Für Risiko- und Liquiditätsverantwortliche ist weniger die absolute Größe allein entscheidend, sondern die Art der Strategien, die diese Exponierung erzeugen.
Als Mechanismus nennt die Fed-Analyse insbesondere den Cash-Futures-„Basis Trade“. Dabei kombinieren Hedgefonds eine repo-finanzierte Long-Position in Kassaanleihen mit einer Short-Position in Anleihe-Futures, um von kleinen Preisunterschieden zwischen Kassa- und Terminmarkt zu profitieren. Laut der Studie erreichte dieses Geschäft im September 2025 ein Volumen von rund 830 Milliarden US-Dollar – fast doppelt so viel wie am bisherigen Höchststand Anfang 2020. Daneben spielt die Swap-Spread-Arbitrage eine Rolle; für denselben Zeitraum wird ihr Volumen auf etwa 305 Milliarden US-Dollar geschätzt. Auffällig ist zudem die Konzentration: Die 50 größten Fonds gemessen an Treasury-Exposure sollen rund 90 Prozent der gesamten Exponierung abdecken. Das macht den Markt zwar effizienter, aber auch „narrativer“ für Liquiditätsstress – denn wenige Player tragen den Großteil der Risikoposition.
Damit diese Strategien dauerhaft funktionieren, brauchen sie eine Infrastruktur aus Finanzierung und Marktmechanik. Der Basis Trade setzt voraus, dass Repo-Finanzierung günstig verfügbar bleibt und dass die Preisunterschiede zwischen Kassamarkt und Terminmarkt gering sowie stabil sind. Genau in solchen Details liegt jedoch die Verwundbarkeit: In Stressphasen können Repo-Sätze steigen, Broker ihre Bilanzkapazität einschränken und Margin-Anforderungen an Terminbörsen kurzfristig erhöht werden. Die Fed betont außerdem, dass viele dieser Geschäfte hoch verschuldet betrieben werden – dadurch verstärken sich Rückkopplungen, wenn sich die Finanzierungsbedingungen drehen. Ein Beispiel liefert März 2020: Die damals beobachteten Marktturbulenzen werden in der Analyse teilweise auf eine schnelle Auflösung solcher Basis-Trade-Positionen zurückgeführt. Wenn sich ein ähnliches Muster erneut anbahnt, könnten sich Liquiditätsengpässe wieder in kurzer Zeit verdichten.
Auch abseits des Repo-Kanals gibt es Auslöser. Für die Swap-Spread-Arbitrage verweist die Fed-Studie darauf, dass Positionen nach US-Zollankündigungen im April 2025 kurzfristig um rund 60 Milliarden US-Dollar reduziert wurden, bevor sie wieder aufgebaut wurden. Der BIZ-Jahresbericht ergänzt diese Perspektive um einen zweiten Risikomechanismus: Ein Abbau gehebelter Positionen im Kassamarkt kann den Stress verstärken, insbesondere wenn Nichtbanken inzwischen einen größeren Teil der Staatsanleihen absorbieren. Damit verschiebt sich das „Stabilisierungszentrum“: Wo früher unter Umständen Zentralbanknachfrage oder breite Marktstabilisatoren den Takt vorgegeben haben, können jetzt die Parameter weniger spezialisierter Akteure stärker dominieren. Diese Verschiebung ist nicht zwangsläufig schlecht – sie verlangt aber ein anderes Verständnis davon, wie sich Liquidität unter Stress verhält.
Die BIZ geht im Bericht noch einen Schritt weiter und beschreibt mehrere Kanäle, über die Spannungen im Bondmarkt auf andere Märkte überspringen können. Ein unmittelbarer Effekt entsteht über Zinsen: Steigen Renditen abrupt, verteuert das die Diskontierung künftiger Unternehmensgewinne. Damit geraten Aktienbewertungen unter Druck. Daneben verschärft ein Liquiditätsengpass im Staatsanleihemarkt die Finanzierungskonditionen insgesamt, weil Staatsanleihen als Sicherheiten in Repo-Geschäften und in Derivatemärkten dienen. Wenn die Werthaltigkeit dieser Sicherheiten aus Sicht der Marktteilnehmer fragiler wird, kann sich die Kreditvergabe im System bremsen. Fällt diese Stützung aus, drohen nach Einschätzung der BIZ Zweitrundeneffekte über den Kreditmarkt, etwa durch Ausweitungen von Risikoaufschlägen bei Unternehmensanleihen.
Interessant ist dabei der Zusammenhang zwischen Kredit und Aktien. Der Bericht verweist auf historische Muster, wonach Kreditaufschläge und Aktienmarktrenditen tendenziell negativ zueinander verlaufen: Wenn es im Risiko-Segment hochgeht, geraten Aktien häufig unter zusätzlichen Bewertungsdruck. Synchrone, große Korrekturen in beiden Märkten seien selten – aber wenn sie auftreten, können sie besonders folgenreich sein. Die BIZ zieht außerdem die Verflechtungslage in die Betrachtung: Eine zunehmende Verknüpfung von Banken mit dem privaten Kreditsektor und mit Versicherungsgesellschaften erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Schocks nicht bei den „direkt betroffenen“ Marktsegmenten bleiben. Stattdessen können sie über den regulierten Bankensektor hinausgetragen werden. So wird aus einem scheinbar technischen Thema – Basis Trades, Repo-Sätze, Margen – eine makro-finanzielle Fragestellung, die Unternehmen und Anleger gleichermaßen betrifft.
Für die Praxis heißt das: Wer Liquiditäts- und Kreditrisiken steuert, sollte nicht nur die Emissionsdaten oder die Kursentwicklung betrachten, sondern auch die Marktmechanik hinter den Sicherheiten und Finanzierungskanälen. Zentralbankbilanzen wirken indirekt, aber ihr Einfluss zeigt sich über die Nachfrage nach Staatsanleihen und damit über die Bedingungen, unter denen Nichtbanken Positionen aufbauen oder abbauen. Die Datenpunkte der Fed zu Volumina und Konzentration liefern einen Rahmen, um zu verstehen, warum Stressphasen schneller in die Breite wirken können, als man aus reinen Preisbewegungen ableiten würde. Genau diese Kopplung – Angebot, Finanzierung, gehebelte Strategien und Sicherheiten – macht den Bericht der BIZ so relevant: Er liefert keine Prognose, aber er benennt die technischen Hebel, an denen sich Instabilität unter Umständen zuerst zeigt.
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