LONDON (IT BOLTWISE) – BNY baut seine Zusammenarbeit mit Ripple aus: Der Bankkunden sollen RLUSD künftig über die eigene Plattform direkt prägen und zurücktauschen können. Parallel wollen die Unternehmen tokenisierte Handelsfinanzierung auf dem XRP Ledger erproben, konkret anhand von Rechnungsvorfinanzierung gegen genehmigte Belege. Das Pilotziel: Working Capital schneller in Umlauf bringen, statt auf die Freigabe von Banküberweisungen zu warten.

BNY und Ripple drehen bei ihrer Krypto- und Tokenisierungsagenda spürbar weiter Richtung „Pay-and-Use“: In der erweiterten Zusammenarbeit geht es nicht nur um das Halten von Assets in Verwahrung, sondern um die operative Nutzung von RLUSD innerhalb eines Börsen- und Zahlungsumfelds. Die Bank ergänzt laut Ankündigung ihr institutionelles Custody-Angebot um XRP sowie den dollar-backed Stablecoin RLUSD. Gleichzeitig bleibt BNY in der Reserve-Custody für RLUSD bereits jetzt als zentrale Instanz eingebunden und verfügt über eine weitere Verwahrbeziehung zu Ripple Prime. Für Unternehmen ist daran vor allem die Brücke zwischen Backoffice-Praxis und On-Chain-Abwicklung interessant: Nicht jede Firma will oder kann direkt an Wallet-Infrastruktur anbinden, aber sie kann über einen Intermediär wie eine Verwahrbank operieren.
Technisch zielt das Setup auf einen deutlich niedrigeren „Operational Friction“-Faktor. Bisher mussten viele Prozesse in der Praxis an mehreren Stellen zusammengefügt werden – von der Ausgabe eines Stablecoins bis zur späteren Verwendung in Settlement- oder Kollateral-Szenarien. In der neuen Vereinbarung wollen BNY-Kunden RLUSD laut Statement direkt bei der Bank minten und redeemieren. Das ist ein klassischer Hebel aus dem Zahlungsverkehr: Sobald ein Asset im Rahmen der Bankprozesse verfügbar ist, wird die Hürde für die Nutzung in nachgelagerten Workflows kleiner. Ripple formuliert den nächsten Schritt dabei als Umstellung von der anfänglichen Onboarding- und Emissionsphase hin zu tokenisierten Assets, die als Zahlungsmittel sowie als Sicherheiten in unterschiedlichen Finanzmärkten „usable“ werden.
Für die geplanten Anwendungsfälle liegt der Fokus auf tokenisierter Trade Finance, konkret auf der Vorfinanzierung von supply-chain receivables. Zusammen mit dem Working-Capital-Anbieter C2FO wollen BNY und Ripple dafür ein Pilotprojekt testen, das auf genehmigten Rechnungen (approved invoices) basiert. Der Mechanismus wird dabei als zweigeteilte Rollenverteilung beschrieben: Kapitalanbieter finanzieren die Zahlung, während die Bedingungen der Rechnung – etwa die Laufzeiten und Fälligkeiten – unverändert bleiben sollen. Der entscheidende Unterschied zur reinen Banküberweisung liegt in der Ausführungszeit: In der Darstellung können Lieferanten die Mittel in Sekunden erhalten, statt mehrere Tage auf die Abwicklung von Banktransfers zu warten. Auch wenn sich „Sekunden“ in der realen Welt immer aus mehreren Prozessschritten zusammensetzen (Prüfung, Freigabe, Onboarding, technische Durchläufe), ist das Versprechen klar auf Liquiditätsbeschleunigung im Working-Capital-Zyklus ausgerichtet.
Damit rückt der XRP Ledger als Infrastrukturkomponente in den Mittelpunkt, nicht als Selbstzweck. Ripple ordnet die Plattform mit Kennzahlen ein: Seit dem Launch habe das Netzwerk über 4,6 Milliarden Transaktionen verarbeitet, wobei das Settlement innerhalb von drei bis fünf Sekunden erfolgen soll. Ergänzend verweist der Stablecoin RLUSD auf eine bereits erreichte Größenordnung: Seit dem Launch im Dezember 2024 liegt die Marktkapitalisierung laut Angaben bei rund 2,5 Mrd. US-Dollar, davon mehr als 1 Mrd. US-Dollar auf dem XRP Ledger ausgegeben. Solche Zahlen sind für Analysten besonders relevant, weil sie ein Minimum an Netzwerknutzung und Asset-Volumen anzeigen. Für die Trade-Finance-Perspektive heißt das: Je etablierter ein Ledger für Transfers und Settlement im operativen Takt ist, desto eher lassen sich Workflows wie die parallele Prüfung von Rechnungsdaten und die anschließende Zahlungsabwicklung in bestehende Corporate-Prozesse integrieren, ohne dass die On-Chain-Schicht wie ein zusätzlicher Engpass wirkt.
Marktseitig fügt sich das in eine breitere Bewegung ein, bei der Verwahrer und Handelsfinanzierer versuchen, tokenisierte Geldflüsse in vertraute institutionelle Rollen zu bringen. BNY positioniert sich dabei als Zugangsschicht: Wenn Minting und Redeeming über die Bank laufen, können Unternehmen die Tokenlogik so behandeln, wie sie es vom Treasury-Management her kennen. Daneben verknüpfen Ripple und BNY die Initiative mit einem konkreten Test mit C2FO – also mit einem Akteur, der typischerweise bereits die operative Auswahl und Strukturierung von Working-Capital-Angeboten beherrscht. Genau an diesem Punkt entscheidet sich in der Praxis, ob tokenisierte Trade Finance „nur“ technologisch demonstriert wird oder ob sie sich als wiederholbarer Prozess in den Supply-Chain-Finanzierungsmarkt einschreibt.
Ripple erweitert parallel auch die Frontend-Seite für institutionelle Settlement-Use-Cases: Die Firma kündigt eine Partnerschaft mit Robinhood an, die sich auf Stablecoins, Treasury-Operationen und institutionelle Märkte konzentriert. RLUSD soll laut Angaben auf Robinhood Chain und Bitstamp verfügbar sein, wobei eine Verfügbarkeit in der Robinhood-App später in diesem Jahr erwartet wird. Für das XRP-Ledger-Umfeld wird die Integration konkreter: Robinhood soll RLUSD für institutionelles Settlement auf dem XRP Ledger nutzen und Ripple Treasury für Cash Management, Payments und Liquidity-Operationen integrieren. Das unterstreicht, dass RLUSD hier nicht allein als „Asset zum Halten“ gedacht ist, sondern als Baustein in einer Toolchain aus Treasury-, Zahlungs- und Settlement-Funktionen.
Offen bleibt allerdings der wichtigste Punkt für Entscheider: Rollout-Tempo und Produktumfang. Sowohl die BNY-Erweiterung als auch die Trade-Finance-Initiative mit C2FO sollen sich laut Darstellung noch weiterentwickeln. Die Unternehmen nennen zunächst keine genauen Zeitpunkte, wann die proposed custody-related services und die breiteren Trade-Finance-Anwendungen in der Praxis verfügbar sein werden. Für IT- und Operations-Verantwortliche heißt das: Selbst wenn die Kernlogik auf dem Ledger schnell abläuft, hängt der Betrieb in Unternehmen an angrenzenden Faktoren wie KYC/Onboarding-Prozessen, Datenflüssen rund um Rechnungsfreigaben, Schnittstellen zu ERP- und Treasury-Systemen sowie an internen Kontrollmechanismen. Wer heute plant, sollte deshalb nicht nur die On-Chain-Funktionalität bewerten, sondern auch die Integrationsfähigkeit in bestehende Zahlungs- und Abrechnungsprozesse – denn genau dort entscheidet sich, ob „tokenized“ im Alltag tatsächlich weniger Durchlaufzeit erzeugt.
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