SENFTENBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Rund 135 Agrarbetriebe öffnen im Rahmen der Brandenburger Landpartie ihre Türen, darunter Höfe in Senftenberg und Umgebung. Im Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft rücken diesmal auch weibliche Führungskräfte in den Mittelpunkt. Besucherinnen und Besucher erleben Tierhaltung, Hofläden, Traktortreffen sowie Programme speziell für Kinder. Die Tour verbindet regionale Produkte mit Einblicken in moderne Praxis wie Agroforst-Forschungsprojekte.

Wer verstehen will, was regionale Lebensmittel in der Praxis leisten, muss sie sehen: Wie sorgfältig gelagert, gefüttert und verarbeitet wird, entscheidet am Ende über Geschmack, Qualität und die Stabilität ganzer Lieferketten. Genau diese Nähe schafft die Brandenburger Landpartie. Von Senftenberg im Landkreis Oberspreewald-Lausitz bis in weitere Regionen Brandenburgs öffnen bis zum Sonntag insgesamt 135 Betriebe ihre Höfe für Ausflüge aufs Land. Neben dem Erlebnischarakter steht damit auch ein Werte- und Wissensansatz im Vordergrund, der Konsumenten stärker mit den Produktionsbedingungen vor Ort verbindet.
Ein Schwerpunkt des diesjährigen Durchlaufs liegt auf Rollenbildern in der Landwirtschaft. Im Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft werden Frauen als Führungskräfte auf Höfen gezielt thematisiert. Laut Angaben aus dem Agrarressort werden in Brandenburg etwa ein Fünftel der Agrarbetriebe von Frauen geführt; bundesweit liege der Anteil bei rund 11 Prozent. Die Initiative macht dabei nicht nur Sichtbarkeit möglich, sondern zeigt auch, wie Management-, Betriebs- und Produktionsentscheidungen zunehmend durch vielfältige Kompetenzen geprägt werden – etwa bei Investitionsplanung, Personalführung oder der Ausrichtung auf neue Vermarktungswege.
Auch bei der Betriebsvielfalt setzt die Landpartie auf konkrete Einblicke statt Werbebotschaften. Im Landwirtschaftsbetrieb Domin in Senftenberg-Peickwitz können Gäste frische Fleisch- und Wurstspezialitäten aus eigener Tierhaltung erleben – vom Tierkontakt bis zur Produktentstehung am Hof. Ergänzend gibt es ein Traktortreffen sowie Kremserfahrten, wodurch sich der Besuch für unterschiedliche Altersgruppen eignet. Der familiengeführte Betrieb engagiert sich zudem in Forschungsprojekten zur Agroforstwirtschaft. Das ist relevant, weil Agroforstsysteme – vereinfacht gesagt – mehrjährige Baum- und Strukturelemente in landwirtschaftliche Flächen integrieren und damit Boden, Mikroklima und Biodiversität beeinflussen können.
In anderen Regionen werden die Hofbesuche noch stärker zum Lern- und Erlebnisraum ausgebaut. Der Spargelhof Kremmen im Landkreis Oberhavel kombiniert einen Hofladen mit Angeboten für Tiere zum Streicheln und damit einem niedrigschwelligen Zugang zu Tierwohl und Saisonproduktion. Im Ökodorf Brodowin in Chorin im Barnim stehen Führungen über den Hof auf dem Programm; solche Formate sind besonders geeignet, um nachhaltige Bewirtschaftung greifbar zu machen. Der Pferdehof Jakobshagen im Boitzenburger Land in der Uckermark lädt wiederum zu Dressurvorführungen ein. Für Kinder existieren auf vielen Höfen eigene Programmbausteine, die die Hemmschwelle senken und die Bindung an regionale Herkunft stärken.
Dass ausgerechnet in diesem Jahr so viele Betriebe mitmachen, ist auch wirtschaftlich ein Signal. Die Landpartie tritt damit gegen vergleichbare Erlebnistouren an, die in Deutschland unter ähnlichen Leitmotiven laufen – etwa „Tag des offenen Hofes“ oder Hofrundgänge im Rahmen lokaler Agrar- und Kulturwochen. Gleichzeitig differenziert sich die Brandenburger Landpartie durch die Kombination aus Betriebs-Transparenz, thematischer Schärfung (Frauen in der Landwirtschaft) und dem Bezug zu moderner Praxis wie Agroforst. Wie Branchenakteure berichten, steigt das Interesse von Unternehmen und Kommunen an Formaten, die regionale Wertschöpfung erzählen, weil sie Vertrauen aufbauen und die Akzeptanz für Investitionen erhöhen können. Damit entstehen indirekte Effekte für Vermarktungskanäle, Direktvermarktung und regionale Partnerschaften.
Technisch und organisatorisch profitieren solche Veranstaltungen zunehmend von digitalen Vorarbeiten, auch wenn der Besuch selbst analog bleibt. Karten, Anmeldelogik, zeitliche Slot-Planung und die Kommunikation von Programmpunkten lassen sich mit einfachen digitalen Werkzeugen steuern, was für Höfe mit knapper Mannschaftsdecke entscheidend sein kann. Besonders bei Touren mit vielen Stationen hilft eine klare Struktur: Wer die Wege und Zeitfenster nachvollziehbar macht, reduziert Wartezeiten und verbessert die Besucherführung. In der Landwirtschaft zeigt sich dieses Muster ohnehin: Datengestützte Dokumentation, Wetter- und Ertragsmodelle sowie Prozessoptimierung werden häufiger genutzt, um Entscheidungen zu beschleunigen – unabhängig davon, ob ein Betrieb primär konventionell oder ökologisch arbeitet.
Für Unternehmen und Entscheider in der Region liegt der Nutzen über den Tag hinaus. Erstens stärkt die Landpartie die Nachfrage nach Produkten „mit Erklärung“, weil Gäste im Gespräch Muster erkennen: warum bestimmte Haltungsformen gewählt werden, wie Saison- und Standortbedingungen wirken und welche Pflege- oder Forschungslogiken dahinterstehen. Zweitens schafft sie Ansatzpunkte für Kooperationen entlang der Wertschöpfung, etwa zwischen Landwirtschaft, Logistik, Gastronomie und Bildungsakteuren. Drittens kann die thematische Fokussierung auf weibliche Führung als Teilsignal für Nachwuchs und Recruiting dienen. In einem Markt, in dem Arbeitskräfte knapp und Betriebsübergaben sensibel sind, kann Sichtbarkeit die Personalplanung unterstützen.
Mit Blick auf die Zukunft zeigt der Agroforst-Bezug eine Richtung, die über den Besuchstag hinausgeht. Systeme, die Ökologie und Ertragspotenzial verbinden, werden zunehmend Teil von Förderlogiken und Betriebsstrategien. Wenn Betriebe solche Themen in ein öffentliches Format übersetzen, wird aus Forschung praxisnahes Storytelling – und aus Storytelling eine Investitionsbereitschaft, etwa für neue Flächenkonzepte, Schnittstellenmanagement oder die Weiterentwicklung von Hofprodukten. Der Wettbewerbsdruck durch andere Regionen und touristische Formate bleibt, doch die Kombination aus lokaler Tiefe und klarer Schwerpunktsetzung gibt der Landpartie eine robuste Position. Besucherinnen und Besucher können so nicht nur einen Ausflug machen, sondern zugleich die nächste Entwicklung in der Landwirtschaft gedanklich mitvorbereiten.
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