FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum zählt Frankfurt Main Finance rund 15.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Finanzsektor. Gleichzeitig sollen über 45.000 neue Stellen in Dienstleistungsbereichen wie Recht, Beratung und IT entstanden sein. Die Entwicklung spiegelt eine dauerhafte Neuordnung europäischer Finanzströme wider, die jedoch noch nicht abgeschlossen sei. Entscheidend bleibt, ob Frankfurt seine Rolle im europäischen Finanzsystem weiter ausbaut.

Brexit-Effekt in Frankfurt: 15.000 Jobs im Finanzsektor zehn Jahre später
Brexit-Effekt in Frankfurt: 15.000 Jobs im Finanzsektor zehn Jahre später (Foto: IT BOLTWISE)
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Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum wird in Frankfurt Bilanz gezogen: Der EU-Austritt Großbritanniens hat der Main-Metropole im Finanzsektor nach Einschätzung der Standortinitiative Frankfurt Main Finance zusätzliche Arbeitsplätze beschert. Konkret werden etwa 15.000 neue Stellen im Umfeld von Banken, Kapitalmarkt- und Finanzdienstleistungen genannt. Darüber hinaus sei es zu einer deutlich breiteren Beschäftigungswirkung gekommen, weil zahlreiche angrenzende Funktionen aus London heraus ausgelagert wurden oder in Deutschland neu aufgebaut werden mussten. Damit rückt Frankfurt als sichtbarer Gewinner der Marktneuordnung in den Fokus der Branche.

Wichtig ist dabei die zweite Ebene der Betrachtung: Nicht nur „Front-Office“-Rollen wandern in neue Standorte, sondern ganze Wertschöpfungsketten. Die Initiative spricht von mehr als 45.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Dienstleistungsfeldern wie Recht, Beratung und IT. Genau diese Kombination erklärt, warum Finanzplätze selten nur über reine Handelstätigkeit wachsen, sondern über Infrastruktur im Hintergrund: Verträge, Compliance-Prozesse, Datenplattformen, Risikomodelle und Integrationen in bestehende Systeme müssen in kurzer Zeit in neue regulatorische Rahmenbedingungen überführt werden. Das bindet nicht nur Juristen und Berater, sondern auch Software- und Sicherheits-Teams.

Der Kern des Arguments lautet, dass Frankfurt nicht nur von Verlagerungen aus London profitiert, sondern auch von einer Neuansiedlung von Finanzakteuren. Seit dem Brexit seien zudem rund 360.000 bis 400.000 Quadratmeter zusätzliche hochwertige Bürofläche entstanden oder zumindest in der Planung, heißt es in der Standortbetrachtung. Solche Kennzahlen sind mehr als Standortwerbung: Bürofläche und Nachfrage korrelieren typischerweise mit der Marktwirkung von Backoffice- und Operations-Zentren, die besonders daten- und prozessintensiv sind. Wenn Nachfrage im Spitzensegment steigt und Mieten zulegen, bedeutet das zugleich, dass Unternehmen Planbarkeit über Jahre suchen und Investitionen in Dauerstrukturen umsetzen.

Aus technischer Perspektive lässt sich der Beschäftigungsaufbau gut nachvollziehen. Wenn Banken und Marktteilnehmer Funktionen verlagern, müssen sie Kommunikationswege, Datenzugriffe und Betriebsabläufe in eine neue Zielarchitektur überführen. Das betrifft etwa die Abbildung regulatorischer Anforderungen, die Abgrenzung von Zuständigkeiten in Workflows sowie die Implementierung von Kontrollen entlang der gesamten Pipeline von der Order bis zur Abrechnung. In der Praxis sind dabei oft hybride Ansätze im Einsatz: ein Teil der Systeme bleibt on-premise oder in spezialisierten Rechenzentren, während andere Komponenten cloudbasiert betrieben werden, um Skalierung und Release-Zyklen zu verbessern. Für die Teams vor Ort entsteht dadurch ein Dauerbedarf an Plattformingenieuren, Security Engineers und Compliance-Operations.

Marktseitig ist Frankfurt jedoch auch ein Wettbewerbsversuch im europäischen Maßstab. London bleibt als Konkurrent weiterhin relevant, vor allem in Bereichen, in denen Liquidität, Talent und historische Marktinfrastrukturen stark gebündelt sind. Gleichzeitig profitieren andere Zentren in der EU ebenfalls von der Neuausrichtung, etwa Paris oder Dublin, je nach Regulierungsschwerpunkt und strategischer Positionierung der jeweiligen Institute. Branchenbeobachter bewerten den Standortwettbewerb deshalb weniger als „Gewinner gegen Verlierer“, sondern als schrittweise Neuverteilung von Zuständigkeiten. Frankfurt kann dabei vor allem dann weiter Boden gutmachen, wenn es nicht nur Räumlichkeiten anbietet, sondern auch Prozesse, Talente und technische Umsetzungsgeschwindigkeit liefert.

Die Stimmen aus der Politik und der Standortinitiative betonen denn auch, dass der Brexit-Effekt nicht automatisch mit dem zehnten Jahr endet. Der Bürgermeister wird sinngemäß als klarer Befürworter der Entwicklung zitiert, der die Verlagerungsdynamik als „klaren Gewinn“ für Frankfurt darstellt. Der Präsident der Initiative wiederum ordnet die Reise als noch nicht vollständig abgeschlossen ein: Entscheidender Erfolgsfaktor sei, ob Frankfurt seine Position weiter ausbauen und zusätzliche Funktionen im europäischen Finanzsystem gewinnen könne. Diese Perspektive passt zur Beobachtung, dass Standortentscheidungen häufig mehrstufig sind; zunächst werden regulatorische Mindestumfänge abgedeckt, später folgen Erweiterungen etwa in Richtung spezieller Abwicklungs- und Unterstützungsfunktionen.

Für die Unternehmen bedeutet das gleichzeitig: Der eigentliche Wettbewerbsvorteil entsteht in der Umsetzung. Wer Prozesse von London nach Frankfurt verlagert, muss die regulatorische Anschlussfähigkeit sicherstellen, zum Beispiel im Kontext von EU-Richtlinien wie MiFID II und den Regeln zur Wertpapier- und Markttransparenz. Auch Datenschutzanforderungen spielen eine wachsende Rolle: Sobald personenbezogene und geschäftsrelevante Daten in neue Systeme wechseln, sind Rollenrechte, Datenklassifizierung, Zugriffsprotokolle und Löschkonzepte entscheidend. Gerade im Finanzumfeld ist das Thema „Privacy by Design“ in der operativen Praxis messbar, weil Auditierbarkeit und Nachvollziehbarkeit in den Kontrollmechanismen verankert werden müssen.

Darüber hinaus wirkt der Effekt auf die regionale Tech- und Dienstleistungslandschaft. Der Aufbau von IT-Teams und Beratungsleistungen steigert die Nachfrage nach Fachkräften, die sowohl Domänenwissen im Finanzbereich als auch technische Fähigkeiten mitbringen. Dazu zählen Kenntnisse in Sicherheitsarchitektur, Netzwerksegmentierung, Identitäts- und Berechtigungsmanagement sowie in der Automatisierung von Compliance-Workflows. Historisch betrachtet ist dieser Mechanismus nicht neu: Schon bei früheren Regulierungswellen oder Marktumbrüchen verlagerten sich Tätigkeiten in Orte, in denen Unternehmen schnell auf neue Standards reagieren konnten. Neu ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der heute auch betriebliche Systeme, Datenplattformen und Sicherheitskontrollen modernisiert werden müssen.

Der Ausblick ist damit zweigeteilt. Einerseits spricht die im Raum stehende Büroflächennachfrage dafür, dass die Investitionsbereitschaft nicht nur kurzfristig war, sondern auf längerfristige Betriebsmodelle setzt. Andererseits bleibt ein Unsicherheitsfaktor, weil Finanzmärkte stark von Handelsvolumen, Kapitalmarktzyklen und politischen Rahmenbedingungen abhängen. Wenn Frankfurt seine Position ausbauen will, wird es besonders darauf ankommen, wie schnell neue Funktionen integriert werden können und wie stabil die Sicherheits- und Datenprozesse im Betrieb bleiben. Für Entwickler und Integrationspartner entsteht daraus eine längerfristige Nachfrage nach belastbaren Architekturmustern, die Skalierung erlauben, ohne regulatorische Kontrolle zu opfern.


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