LONDON (IT BOLTWISE) – Bei „Bares für Rares“ sorgt eine scheinbar unscheinbare Bronze-Figur für einen echten Dreh: Horst Lichter kauft sie zunächst skeptisch ein, merkt dann aber schnell, dass das Werk mehr Potenzial hat, als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Der Experte nennt ein konkretes Exemplar aus einer kleinen Auflage und führt eine Herkunft an, die das Stück in den Kontext moderner Schweizer Bildhauerei rückt. Aus 35 Euro werden in der Schätzrunde schließlich 2.000 bis 2.500 Euro. Damit zeigt die Sendung einmal mehr, wie stark Wahrnehmung und Kontext den Preis im Kunstmarkt beeinflussen.

Wer Kunst nur nach dem ersten Eindruck bewertet, landet bei „Bares für Rares“ leicht im falschen Film. In der Freitagsausgabe stolpert Horst Lichter über eine minimalistische Bronzefigur, die auf den ersten Blick vor allem eins wirkt: ruhig, reduziert, fast schon spröde. Lichter startet mit Skepsis, erkennt dann aber ein Gesicht an der Skulptur und räumt ein, dass sie „ästhetisch“ sei. Der Wendepunkt ist dabei nicht die große Geste, sondern die Frage, ob die Figur einen wiederholt ansieht – und genau das attestiert der Experte dem Objekt: Es sei ein Stück, das „einen nicht gleichgültig lässt“.
Damit wird der Blick auf die technische Einordnung schärfer: Im Gespräch wird klar, dass die Darstellung zwar eine Person zeigt, aber eben nicht im Sinne eines rein realistischen Porträts. Stattdessen beschreibt der Experte eine Mischung aus ungewöhnlicher Ästhetik und einem bewusst individualistischen Stil, der sich gerade durch die vereinfachte Form von „klassischer“ Figurativität absetzt. Auch der Titel spielt mit der Erwartungshaltung: Die Bronze heißt schlicht „Stehende Figur“. Solche nüchternen Benennungen sind bei Sammlern oft ein Signal, dass weniger das Narrativ als vielmehr die formale Handschrift zählt.
Entscheidend für die Preisfindung wird in der Sendung dann die Editionslogik. Der Schweizer Künstler Schang Hutter habe die Bronze bereits 1983 entworfen, und die Signatur am Sockel liefert den Ankerpunkt dafür. Darüber hinaus wird das konkrete Exemplar beziffert: Es handelt sich um das Stück Nr. 5 von insgesamt 30 Exemplaren. Genau diese Kombination aus Entstehungszeit, verifizierbarer Urheberschaft und kleiner Auflage macht aus einer „ungewöhnlichen“ Dekofigur schnell ein sammelwürdiges Objekt. Wenn dann noch ein Kaufpreis von 35 Euro im Raum steht, wirkt das auf einmal wie ein Paradebeispiel dafür, wie stark sich Wert durch Kontext verschieben kann.
Der Experte setzt entsprechend eine Schätzspanne von 2.000 bis 2.500 Euro an. Horst Lichter reagiert darauf sichtlich überrascht; die Luft ist ihm „weg“, wie es sinngemäß in der Sendung heißt. Für den Verkäufer ergibt sich so trotz des vergleichsweise günstigen Einkaufs ein deutlicher Gewinn, und die Szene unterstreicht einen Mechanismus, den man aus dem Handel kennt: Der Markt zahlt weniger für „Status“ als für plausibel begründbare Knappheit und die Anschlussfähigkeit an eine Sammlerlogik. Interessant ist außerdem, dass die Reaktionen der Kandidaten nicht einheitlich ausfallen: Während Händler Wolfgang Pauritsch sofort Zugang findet („sein Stil“), wird gleichzeitig die Haltung eingefordert, dass man moderne Kunst mögen muss.
Doch die Sendung bleibt nicht beim einen Kunstwerk. Parallel dazu taucht mit einer alten Brotschneidemaschine von Zassenhaus ein komplett anderes Segment des Sammlermarkts auf: Hier geht es nicht um Auflagen und Künstlerstil, sondern um Funktion, Gebrauchswert und den Reiz des technisch-zeittypischen Designs. Die Maschine aus den 1930er- bis 50er-Jahren wird auf 100 bis 120 Euro geschätzt, woraufhin direkt gekauft wird – jedoch nicht aus Prestigegründen, sondern für den Eigengebrauch. Dass solche Objekte in derselben Sendung neben moderner Bronze bestehen, zeigt, wie breit „Bares für Rares“ die Definition von Wert anlegt: Ästhetik ist nur eine von mehreren Achsen.
Auch bei grafischen und sammelorientierten Positionen wird der Bewertungsansatz greifbar. Die Ex Libris von Heinrich Vogeler aus den Jahren 1897, 1903 und 1907 werden auf 600 bis 800 Euro geschätzt, während Pauritsch die drei kleinen Bilder auf 750 Euro hochhandelt. Bei einer Trix-Express-Straßenbahn aus den Jahren zwischen 1960 und 1964 liegt die Schätzung bei 150 bis 200 Euro, und selbst dort spielt Verhandlungstaktik eine Rolle: Friedrich Häusser kennt sich offenbar aus, Pauritsch setzt dennoch das höchste Gebot durch. Bei einem Collier mit Diamanten und Perle – datiert um 1910 – steigt die Spannung dann wieder anders: Die Schätzung liegt bei 1.000 Euro, das Interesse ist klar, und am Ende bekommt Susanne Steiger den Zuschlag.
Für Unternehmen und Technik-affine Entscheider lässt sich daraus eine überraschend gut passende Parallele ziehen: Im Kunsthandel entscheidet am Ende selten nur das Objekt, sondern die Kombination aus Metadaten (Urheber, Jahr, Edition), Kontext (welcher Kunststrom passt) und Wahrnehmung (was triggert emotionale Akzeptanz). Die Bronze-Szene zeigt, wie schnell sich Skepsis in Begeisterung drehen kann, sobald die Informationen zur Herkunft und Knappheit greifbar werden. Genau diese „Signalverdichtung“ ist auch im digitalen Markt Alltag: Wer Daten und Interpretation zusammenbringt, kann den Preis nicht nur erklären, sondern oft auch erst möglich machen.
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