BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesrechnungshof sieht bei den Korridorsanierungen der Bahn erhebliche Mängel. In einem Bericht an den Haushaltsausschuss kritisiert er, dass bisherige Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen fehlerhaft und nicht belastbar seien. Zudem fordert er ein konsequentes Nachsteuern sowie eine haushaltsrechtskonforme, gesonderte Erfolgs- und Wirtschaftlichkeitsprüfung je Sanierungsabschnitt. Das Bundesverkehrsministerium habe die Kritik laut Bericht nicht entkräftet, sondern Defizite in der Erfolgskontrolle bestätigt.

Der Bundesrechnungshof stellt die Weichenstellung hinter den Korridorsanierungen der Deutschen Bahn in Frage: In einem Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestags heißt es, die ersten Maßnahmen zeigten gravierende Fehlentwicklungen. Konkret richtet sich die Kritik nicht nur gegen einzelne Bauabschnitte, sondern gegen die Grundlage, auf der priorisiert und entschieden werde. So beanstandet der Rechnungshof, dass bisherige Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen „fehlerhaft und nicht belastbar“ gewesen seien. Damit steht weniger die technische Sanierung selbst im Zentrum der Auseinandersetzung, sondern die Frage, ob die Politik und die Bahn die Folgekosten und den Nutzen belastbar herleiten konnten.
Hintergrund ist das Konzept der Korridorsanierung: Vielbefahrene Strecken sollen für mehrere Monate gesperrt und dann grundlegend instand gesetzt werden, damit sie anschließend deutlich weniger störanfällig sind. Die Logik klingt bestechend, weil sie Ursache und Wirkung auf einen längeren Zeitraum abbilden will. Gleichzeitig erhöht das Vorgehen die Planungs- und Steuerungsanforderungen: Wenn eine Sanierung während der Bauphase oder danach nicht wie erwartet läuft, wirken sich Verzögerungen nicht nur lokal aus, sondern bremsen den Hochlauf des Betriebs im gesamten Netz. Der Bericht verweist deshalb auch auf die fehlende Verlässlichkeit in der Entscheidungsgrundlage: Für die Milliardeninvestitionen fehle eine tragfähige Begründung, um gegenüber dem Parlament Budget- und Kontrollpflichten erfüllen zu können.
Die Diskussion bekommt außerdem einen konkreten Zeitbezug, weil Bahn und Bund bereits angekündigt hatten, dass in den kommenden fünf Jahren deutlich weniger Strecken saniert werden als ursprünglich geplant. Parallel dazu soll der Zugverkehr nach Abschluss der Bauarbeiten nicht mehr an einem festen Termin für alle Verkehrsträger gleichzeitig hochfahren, sondern schrittweise wieder steigen. Diese Anpassung reagiert auf ein Muster, das bei früheren Generalsanierungen laut Berichtserzählung wiederholt auftrat: Nach Ende der Arbeiten kam es mehrfach zu Problemen, etwa mit verspäteten Zügen. Technisch bedeutet das vor allem, dass die Umstellung nach Bauende offenbar nicht ausreichend robust in den Regelbetrieb überführt wurde – und dass Test- und Abnahmeprozesse sowie die Zielkennzahlen für den Erfolg womöglich zu spät oder zu unscharf nachgelagert werden.
Im Bericht fordert der Bundesrechnungshof vom Verkehrsministerium, die Wirtschaftlichkeit und den Erfolg der Korridorsanierungen „haushaltsrechtskonform“ nachzuweisen und die festgestellten Defizite zu beheben. Entscheidend ist dabei der Anspruch auf Transparenz: Die Wirtschaftlichkeit jeder einzelnen Korridorsanierung müsse gesondert nachgewiesen werden. Der Rechnungshof bemängelt zudem den Informationsstand des Haushaltsausschusses und verweist auf Kostensteigerungen bei den ersten abgeschlossenen Korridorsanierungen. Auch bei Zusagen zur „Baufreiheit“ stellt sich laut Bericht die Umsetzung als schwierig dar: Die Bahn habe die anfangs in Aussicht gestellte Baufreiheit von zehn auf fünf Jahre verringert, halte diese Zeitspanne aber bereits jetzt wegen nachgelagerter Arbeiten und Mängelbeseitigung nicht ein.
Damit wird „Nachsteuern“ zu einem zentralen Wort in der aktuellen Debatte. Der Rechnungshof hält ein konsequentes Nachsteuern für unerlässig – und adressiert damit die Lücke zwischen Planung und Betriebsergebnis. Während sich viele Projektrisiken im Bahnbau naturgemäß erst im Verlauf von Abnahme, Inbetriebnahme und Betriebsstabilisierung zeigen, dreht der Bericht den Hebel auf die Steuerungsfähigkeit: Wenn Wirtschaftlichkeitsannahmen nicht belastbar sind, lassen sich weder Ressourcen noch Zeitpläne sauber rechtfertigen. Das Bundesverkehrsministerium habe die Feststellungen nach Angaben im Bericht nicht entkräftet. Stattdessen bestätigt es laut Darstellung bestehende Defizite in Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen und in der Erfolgskontrolle.
Für die Praxis in Verwaltung und Engineering liegt die größte Bedeutung dieser Prüfung weniger in der Kritik an einem einzelnen Bauprogramm als in der Folgewirkung für künftige Entscheidungen. Wer Korridorprojekte plant, braucht Kennzahlen, die nicht erst bei der Nachkalkulation auflaufen, sondern während der Bauphase schon die Weichen stellen: etwa zur Prognosegenauigkeit bei Kosten, zur Reichweite von Einschränkungen im Betrieb und zur Wirksamkeit der Maßnahmen auf Störanfälligkeit und Pünktlichkeit. Gleichzeitig verschiebt die Forderung nach gesonderten Nachweisen den Aufwand hin zu einem deutlich strengeren Controlling-Design – inklusive Auditierbarkeit der Annahmen. Und genau hier wird die Parallele zur IT-Steuerung sichtbar: Wie bei einem Betriebssystem-Release wird nicht nur implementiert, sondern es braucht messbare Akzeptanzkriterien, definierte Rollen für Abweichungsmanagement und eine lückenlose Ergebnisrückkopplung, damit Planung und Betrieb nicht auseinanderlaufen.
Unterm Strich zeigt der Vorgang, dass die Korridorsanierung vor einer zweiten Baustelle steht: dem Nachweis von Nutzen und Wirtschaftlichkeit. Wenn Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen als fehlerhaft und nicht belastbar gelten, verliert das gesamte Programm an politischer Stabilität – selbst dann, wenn einzelne Streckenabschnitte technisch Fortschritte machen. Für Unternehmen, die am Bahnbau, an der Instandhaltung oder an begleitenden Ingenieurleistungen beteiligt sind, bedeutet das erhöhte Aufmerksamkeit für Dokumentation, Ergebnisqualität und die Operationalisierung von Erfolg. Die nächsten Monate dürften damit weniger über den Baufortschritt als über die Frage entscheiden, ob die Erfolgskontrolle so ausgestaltet wird, dass der Haushaltsausschuss seine Kontroll- und Budgetverantwortung tatsächlich wahrnehmen kann.
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