LONDON (IT BOLTWISE) – Google erweitert Gemini um eine neue Funktion namens „Call for Me“, mit der KI-Anrufe selbstständig ausgeführt werden können. Nutzer geben in der Gemini-App einen Auftrag, etwa eine Tischreservierung, und Gemini wählt die Telefonnummer des Nutzers. Während des Gesprächs läuft eine Live-Transkription, sodass der Nutzer jederzeit eingreifen und den Anruf übernehmen kann. Die Vorschau startet laut Angaben zunächst in den USA auf Pixel-11-Geräten im Rahmen eines öffentlichen Betas.

Google nimmt mit „Call for Me“ erstmals einen Schritt über typische Sprachassistenten hinaus: Gemini soll nicht nur Text entwerfen oder Menüs vorlesen, sondern ein komplettes Telefonat mit dem Geschäftspartner führen. Der Ablauf wirkt bewusst pragmatisch. In der Gemini-App erteilt der Nutzer einen Auftrag, beispielsweise eine Tischreservierung für zwei Personen, danach fasst die KI die relevanten Angaben zusammen und verlangt eine Bestätigung. Erst im Anschluss startet der Anruf über die Telefonnummer des Nutzers, und Gemini kündigt sich beim Gesprächspartner als KI-Assistent an.
Technisch interessant ist vor allem, wie sich das neue Verhalten in die bestehenden Pixel-Funktionen einordnet, die bereits auf automatisierte Telefonmenüs abzielen. „Hold for Me“ und „Direct My Call“ übernehmen heute schon Warteschleifen sowie die Navigation durch Telefonmenüs. „Call for Me“ setzt darauf auf und erweitert die Idee auf geschlossene Gesprächsabläufe: Gemini durchläuft dabei Telefonmenüs, wartet in Warteschlangen und führt das Gespräch weiter, bis das Ziel erreicht ist. Während des Telefonats ist eine Live-Transkription in der Benutzeroberfläche sichtbar; gleichzeitig bleibt der Nutzer nicht im Blindflug, denn eine Schaltfläche ermöglicht jederzeitiges Eingreifen und die direkte Übernahme des Anrufs.
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Nutzers im Prozess. Die KI übernimmt die „hands-free“-Tätigkeiten, entscheidet aber nicht völlig autonom über alles, denn sie setzt nach der Auftragserteilung zunächst auf eine Zusammenfassung mit Bestätigungs-Schritt. Danach folgt das Gesprächsprotokoll: Nach dem Call erscheint eine Benachrichtigung mit dem Ergebnis, und das vollständige Protokoll ist in der Telefon-App abrufbar. Für Unternehmen und Serviceanbieter ist das relevant, weil Telefonkanäle damit stärker in Richtung sprachbasierter Automatisierung wachsen, ohne dass Nutzer zwangsläufig Formulare ausfüllen oder Warteschlangen manuell abarbeiten müssen.
Gerade weil die KI damit echte Sprachinteraktion in fremden IVR-Systemen (Interactive Voice Response) ausführt, setzt Google auch klar definierte Grenzen. Gemini soll keine Notrufe tätigen, kein Telemarketing betreiben und keine Kreditkartenzahlungen abwickeln. Ebenfalls ausgeschlossen sind das Senden sensibler Identifikatoren und Inhalte wie Passwörter, Krankenakten oder Sozialversicherungsnummern. Zusätzlich nennt Google ein tägliches Anruflimit: Wenn die Obergrenze erreicht ist, steht die Funktion erst am nächsten Tag wieder zur Verfügung. Kann ein Geschäft die Anfrage nicht erfüllen, beendet Gemini das Gespräch „höflich“.
Für den Marktausblick zählt vor allem, wie schnell Google die Funktion in ein größeres Ökosystem ausrollen will. Die Vorschau startet laut den Angaben zunächst als frühe Vorschau ausschließlich in den USA. Unterstützt werden dabei konkrete Gerätegenerationen: Pixel 11, Pixel 11 Pro, Pixel 11 Pro XL und Pixel 11 Pro Fold. Voraussetzungen sind außerdem ein kostenpflichtiges Gemini-Abonnement ab 5 Dollar monatlich, die aktuelle Gemini-App sowie die Teilnahme am öffentlichen Beta-Programm „Phone by Google“. Google will dabei offenbar unterschiedliche Akzente und Umgebungsgeräusche testen; ob „Call for Me“ später auf weitere Android-Geräte oder in weitere Länder kommt, bleibt zunächst offen.
Für IT-Verantwortliche und Produktteams steckt in dieser Entwicklung ein Signal: Automatisierte Telefoninteraktion wird von der reinen Menü- und Warteschleifenlogik hin zu agentenbasierten Dialogen mit Protokollierung und Nutzer-Übersteuerung erweitert. Gleichzeitig wird sichtbar, wie wichtig klare Sicherheitsleitplanken sind, wenn KI in Kommunikationskanäle hineinwirkt, die historisch stark von Regeln und menschlichen Kontextfaktoren geprägt waren. Der nächste Reibungspunkt dürfte weniger die Technik des Sprachdialogs sein als vielmehr die Robustheit gegenüber wechselnden Geschäftsabläufen, bei denen der Grenzfall – also „Anfrage nicht erfüllbar“ – verlässlich und nachvollziehbar behandelt werden muss.
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