LONDON (IT BOLTWISE) – Canva verkleinert das Team um 22 Prozent. Insgesamt sind 1.271 Stellen betroffen, laut Unternehmensangaben durch Entlassungen oder Versetzungen. Als Treiber nennt das Unternehmen unter anderem deutlich gestiegene Kosten für KI-gestützte Vorlagen- und Generierungsprozesse. Der Schritt soll helfen, das Unternehmen auf das nächste Kapitel vorzubereiten – offenbar auch mit Blick auf einen möglichen Börsengang 2027.

Canva macht ausgerechnet dort Druck, wo die Marke bislang auf Einfachheit und Reichweite gesetzt hat: beim eigenen Wachstumstempo und bei den Kosten. Das Unternehmen teilte mit, dass 1.271 Menschen – das entspricht 22 Prozent der Belegschaft – entlassen werden oder auf andere Positionen versetzt werden. Die Entscheidung kommt nicht aus heiterem Himmel, denn Canva ist weiterhin stark von seinem Freemium-Modell geprägt: Je mehr Nutzer die kostenlosen Werkzeuge verwenden, desto größer die technische Nachfrage im Hintergrund. Genau an dieser Stelle wird die Rechnung mit Künstlicher Intelligenz deutlich komplizierter, weil aus einer einfachen Web-Anwendung plötzlich laufende Rechenarbeit für Inferenz und Generierung wird.
In einer E-Mail an die Mitarbeitenden schrieb Canva-Gründerin und CEO Melanie Perkins: „Heute habe ich ein paar zutiefst schwierige Neuigkeiten mitzuteilen“. Sie kündigte außerdem „die sehr harte Entscheidung“ an, Änderungen in der Organisationsstruktur umzusetzen, die auch Teamaufbau und benötigte Skills betreffen. Inhaltlich ist dabei weniger die Umstrukturierung an sich neu, sondern die Richtung: Die Ausrichtung auf die nächsten Fähigkeiten dürfte sich daran messen lassen, welche Teams künftig näher an KI-Produkten arbeiten und welche Bereiche schrumpfen. Entlassene Personen sollen dabei nicht ohne Unterstützung bleiben: Laut Angaben umfasst die Abfindung sechs Monatsgehälter und ein Jahr Krankenversicherung.
Auch die öffentliche Diskussion dreht sich um den Zusammenhang zwischen kostenlosen Nutzern und Kosten. Der Entwickler Aakash Gupta machte auf X den Punkt, dass kostenfreie Nutzer einen Teil des Problems darstellen: „Wenn ihr jemals auf Canva einen Geburtstagsflyer gebaut habt, ohne einen Cent zu bezahlen, dann seid ihr ein winziger Grund, warum 1.271 Menschen heute schlechte Nachrichten bekommen haben“. Diese Zuspitzung ist zugespitzt, trifft aber einen technischen Kern: Canva betreibt zwar Webbaukasten-Funktionen, die auf klassischen Rendering-Workflows basieren können, doch sobald KI-Features hinzukommen, entstehen zusätzliche variable Kosten pro Nutzung. Laut Input nutzt Canva monatlich über 250 Millionen Menschen die Plattform; etwas mehr als 30 Millionen bezahlen. Der Rest arbeitet mit der kostenlosen Version, die für Reichweite sorgt – aber die Kostenlogik verschiebt.
Mit dem Launch von „Canva 2.0“ im April 2026 wurde aus HTML-basierter Vorlagennutzung auch Rechenkapazität für KI-Modelle. Der Unterschied ist für das Kostenmanagement fundamental: Bei klassischen Layout- oder Template-Operationen fallen typischerweise überschaubare Serverkosten an, die sich gut über Caching und standardisierte Workflows steuern lassen. Bei KI-Generierung dagegen steigen die Aufwände häufig proportional zur Anzahl der Anfragen und zur Größe der berechneten Artefakte. Canva beschreibt, dass man mehr als 160 Millionen Vorlagen als Datenbasis für KI einsetzte. Gleichzeitig hätten sich die Kosten für die KI-gesteuerte Generierung um 90 Prozent reduziert – was auf Optimierungen in Training, Inferenz oder Datenpipelines hindeutet. Dass das Unternehmen dennoch zusätzliche Belastung verspürte, lag laut Darstellung offenbar am Wachstum der Nutzerbasis: Die Nutzerschaft habe sich verdreifacht, wodurch die Gesamtkosten trotz Effizienzgewinnen hoch blieben.
Finanziell schlägt sich diese Dynamik in mehreren Kenngrößen nieder. Canva berichtet von einem Wachstum von 25 Prozent und einem Umsatz von 921,9 Millionen US-Dollar – Werte, die „weit hinter den Erwartungen“ zurückblieben. In der Folge musste Canva die eigenen Wachstumsprognosen korrigieren, und Investoren sollen statt 30 Prozent nur noch 20 Prozent Wachstum einplanen. Vor diesem Hintergrund sank die Bewertung: Mit den neuen Nachrichten wurde Canva mit 34,9 Milliarden US-Dollar bewertet, zuvor waren es 42 Milliarden. Das ist nicht nur eine Börsenfrage, sondern wirkt direkt auf die Fähigkeit, teure Produktentwicklungen zu finanzieren – besonders wenn gleichzeitig ein Börsenprozess vorbereitet werden soll.
Zusätzlich kommt ein Faktor hinzu, der gerade für Plattformen mit zahlreichen Vorlagen relevant ist: Medienberichte zufolge würden Nutzer teilweise „überspringen“ – also statt direkt in Canva zu gestalten, zunächst in externen KI-Tools wie ChatGPT und anderen Modellen Grafiken und Sheets erstellen und dann in Canva weiterverwenden. Solche Workflows sind aus technischer Sicht nachvollziehbar: Wenn externe Modelle zuverlässig bestimmte Ergebnisse liefern, reduziert das die Zeit in einem Tool. Für Canva kann das aber wirtschaftlich bedeuten, dass die Wertschöpfung pro Nutzer sinkt, während die Infrastrukturkosten für KI-Features dennoch intern anfallen. Genau dadurch wird die Entkopplung zwischen Nutzerwachstum und Umsatzwirkung problematisch, weil ein Teil der „KI-Nachfrage“ nicht zwingend an der eigenen Generierungslogik endet.
Für den geplanten Börsengang dürfte der Druck daher vor allem auf Effizienz liegen. Der Input nennt als sehr wahrscheinlich zu verstehenden Zeitrahmen 2027, und die Botschaft aus Sicht des Unternehmens ist klar: Ohne Kosten disziplin wird es schwer, die nötige Skalierung zum richtigen Zeitpunkt zu erreichen. Ob das realistisch ist, hängt nun an mehreren technischen Stellschrauben, etwa an der Frage, wie stark KI-Features pro Nutzer tatsächlich genutzt werden, wie gut sich Inferenzkosten über Caching, Modellkompression und Routing steuern lassen und wie sauber die Datenpipelines aus Vorlagen in KI-Workflows integriert bleiben. Gleichzeitig wird intern die Produkt- und Teamarchitektur neu ausgerichtet: Nicht alle KI-Funktionen dürften gleich rentabel sein, und genau deshalb ist eine Reduktion von 22 Prozent Belegschaft nachvollziehbar, selbst wenn Canva als Marke weiterhin sehr viele Menschen erreicht.
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