LONDON (IT BOLTWISE) – Caroline Ellison, ehemalige CEO von Alameda Research, arbeitet nun bei Manifund und ist dort fest angestellt. Der US-Nonprofit, der über eine Grantmaking-Plattform philanthropische Projekte fördert, hatte ihre Identität zunächst unter dem Namen „Carol“ verborgen. Mit der Entscheidung verbindet Manifund den Anspruch, neue Regeln für die effektive Verteilung von Spenden zu entwickeln. Während Ellison in eigenen Worten ihre Verantwortung anerkennt, bleibt offen, wie sich die Plattform langfristig messen lässt.

Nach dem spektakulären Zusammenbruch von FTX und den anschließenden Ermittlungen rund um Alameda Research ist Caroline Ellison wieder Teil eines arbeitsfähigen Ökosystems. Diesmal jedoch nicht als Trading-Managerin, sondern als Mitarbeiterin eines Nonprofits: Ellison arbeitet vollzeit bei Manifund, einer Grantmaking-Plattform, die Geld gezielt an gemeinnützige Projekte leitet. Laut Angaben des Manifund-CEO Austin Chen startete sie zunächst am 13. Juli in einer Probephase und wechselte am 10. August in eine feste Rolle. Für die öffentliche Wahrnehmung sorgte dabei ein Detail, das zunächst eher nach Personalpolitik als nach Kryptofinanz klingt: Ellisons Arbeit wurde über rund zwei Monate öffentlich nur unter einem Pseudonym geführt.
Genau diese „minimale Tarnung“ war der Auslöser für Chen’s Erklärung. Er räumte eine „minor deception“ ein, weil Ellison in der Zeit unter dem Namen „Carol“ agierte, bevor die Identität mit der offiziellen Bekanntgabe offen gelegt wurde. Auf inhaltlicher Ebene geht es bei Ellison allerdings nicht um PR, sondern um Produkt- und Forschungsarbeit: Chen beschreibt ihre Aufgabe als Entwicklung der Manifund-Plattform sowie als Recherche dazu, wie sich philanthropische Mittel möglichst wirksam ausrichten lassen. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von der Frage, was Ellison in der Vergangenheit verantwortet hat, hin zu der Frage, wie ein Grantmaking-System konstruiert sein muss, um Resultate reproduzierbar zu machen.
Technisch betrachtet lohnt der Blick auf die „Wodurch“-Kette hinter dem Versprechen „effektiv“. Manifund ist in seiner Idee mit dem Vorläufer-Unternehmen Manifold Markets verbunden, das ebenfalls von Austin Chen mit aufgebaut wurde. Prediction Markets, also Märkte, in denen Preisbildung Wahrscheinlichkeiten für Ereignisse widerspiegelt, sind dafür bekannt, Unsicherheit in Entscheidungen zu übersetzen. Im Grantmaking heißt das übersetzt: Mittelvergabe wird weniger zu einem reinen Bauchgefühl und stärker zu einer Kurations- und Bewertungslogik, die Kriterien, Evidenz und Unsicherheiten systematisiert. Ellisons Expertise aus der datengetriebenen Welt des Krypto- und Handelsumfelds passt in dieses Muster, selbst wenn der Zweck ein anderer ist.
Gerade deshalb wirkt die Biografie als Kontextfaktor so stark. Ellison war CEO von Alameda Research, einem 2017 gegründeten Krypto-Trading-Unternehmen, das eng mit dem FTX-Umfeld verwoben war. FTX brach im November 2022 zusammen, nachdem Fragen zu Alamedas Finanzen einen Ansturm von Kundenabhebungen auslösten und einen multibillionenschweren Fehlbetrag sichtbar machten. Später ordnete ein US-Bundesgericht im Southern District of New York an, dass FTX 8,7 Milliarden US-Dollar an Wiedergutmachung und 4 Milliarden US-Dollar an Herausgabe von Vermögenswerten (Disgorgement) zahlen muss, um Kunden und weitere Betroffene zu kompensieren. Ellison bekannte sich laut Bericht zu sieben bundesrechtlichen Betrugs- und Verschwörungsanklagen, erhielt im September 2024 eine zweijährige Haftstrafe und wurde nach rund 14 Monaten aus der Bundeshaft entlassen.
Für die aktuelle Nachricht ist außerdem entscheidend, in welchem Moment Ellisons Rückkehr passiert: Parallel dazu laufen weitere rechtliche Schritte im Umfeld der FTX-Führung. Der Bericht nennt, dass Bankman-Fried im vergangenen Jahr verurteilt und zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, bevor er im Juni in einer Instanz bestätigt bekam, nachdem der Second Circuit die Entscheidung aufrechterhalten hatte. Am Donnerstag wandte er sich an den Supreme Court, um das Urteil überprüfen zu lassen. Diese Verfahrensphase ist inhaltlich nicht identisch mit Ellisons Fall, macht aber klar, dass die rechtliche Aufarbeitung nicht „abgeschlossen“ ist, sondern sich in parallelen Strängen fortsetzt. Im Nonprofit-Kontext bedeutet das: Die Debatte um Vertrauen und Reputation bleibt zwangsläufig öffentlich.
Ellison selbst adressierte diese Spannung in einer Stellungnahme, die zusammen mit Chen veröffentlicht wurde. Sie schrieb, sie sei „deeply sorry“ für das, was sie getan habe, und sie verstehe, dass viele Menschen deshalb nicht mit ihr arbeiten wollen. Gleichzeitig betont sie, dass sie dankbar sei, eine zweite Chance zu erhalten, und dass sie den Fokus künftig auf ihre aktuelle Arbeitsleistung legen wolle. Auch der Tonfall ist dabei nicht nur Entschuldigung, sondern ein Versuch, die neue Rolle funktional zu begründen: Ellison sagt, sie fühle sich „very lucky“, nicht nur einen Job zu haben, sondern an einem Ort zu arbeiten, dessen Mission sie für „great“ hält. Für die Governance einer Grantmaking-Plattform heißt das: Der Umgang mit Vergangenheit wird zwar nicht die Technik ersetzen, kann aber die Akzeptanz von Entscheidungsmechanismen beeinflussen.
Was bedeutet das für den Markt und für potenzielle Nutzer? Für Unternehmen und Stiftungen, die sich mit Spendenwirkung beschäftigen, gewinnt vor allem die Frage an Gewicht, wie Manifund Wirksamkeit operationalisiert. Wenn eine Plattform Datensignale, Kriterien und daraus abgeleitete Allokationsentscheidungen systematisiert, braucht sie weniger „Narrative“ und mehr messbare Schleifen: Bewertungslogik, Dokumentation von Annahmen, und nachvollziehbare Begründungen, warum eine Förderlinie gegenüber einer anderen priorisiert wurde. Vor diesem Hintergrund ist die Kombination aus Grantmaking und quantitativer Entscheidungsunterstützung ein Ansatz, der bereits außerhalb der Krypto-Welt erfolgreich sein kann – aber nur, wenn Transparenz wirklich in den Produktkern wandert. Die Pseudonym-Phase zeigt zugleich, dass der organisatorische Umgang mit öffentlicher Kontroverse bereits vor dem operativen Go-Live eine Rolle spielte.
Unterm Strich ist die Meldung weniger „Business Story“ über eine Rückkehr in eine Branche, sondern eher ein Test, ob sich aus dem Daten- und Analysehandwerk einer früheren Krypto-Figur eine saubere Umsetzung in einem Nonprofit-Umfeld ableiten lässt. Manifund positioniert sich damit an der Schnittstelle aus Prediction-Logik, Förderstrategie und Wirkungsorientierung. Ob das gelingt, wird sich nicht an einer einzelnen Ankündigung entscheiden, sondern daran, wie die Plattform ihre Förderentscheidungen begründet, welche Ergebnisse sie nach außen berichtet und wie konsistent sie mit Unsicherheit umgeht. Die technische Idee ist plausibel – aber die öffentliche Vertrauensfrage, die Ellisons Biografie mitbringt, dürfte Manifund auf Jahre begleiten.
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