LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Centrica macht aus KI-Agenten einen messbaren Effizienzhebel: Durch den massiven Einsatz von Microsoft Power Platform und Copilot Studio spart der Konzern laut Meldung über 10 Millionen Euro ein. Im Kern stehen mehr als 1.100 Low-Code-Anwendungen und ein Governance-Ansatz, der Shadow IT eindämmt. Technisch setzt das Unternehmen auf eine betreute Agenten-Umgebung statt auf unkontrollierte Einzelprojekte. Gleichzeitig verschärft der europäische Regulierungsrahmen den Bedarf an Transparenz und Sicherheitskontrollen.

Wenn ein Energieversorger mit mehreren zehntausend Prozessen KI-agentenbasiert in den Betrieb zieht, geht es selten um „Proof of Concept“-Selbstzwecke. Der britische Konzern Centrica, bekannt als Muttergesellschaft von British Gas, meldet nun eine konkrete Wirtschaftlichkeitskennzahl: Durch den breiten Einsatz von Microsofts Power Platform und Copilot Studio will das Unternehmen über 10 Millionen Euro eingespart haben. Für den Markt ist das vor allem deshalb bemerkenswert, weil hier nicht nur einzelne Automationen entstehen, sondern eine ganze Anwendungslandschaft. Damit verschiebt Centrica die Diskussion von „KI nutzen“ hin zu „KI-gesteuerte Wertschöpfung skalieren“ – inklusive der Frage, wie sich das ohne Compliance-Brüche betreiben lässt.
Technisch betrachtet setzt der Ansatz auf Low-Code als Skalierungshebel, während Copilot Studio die Entwicklung und den Betrieb von KI-gestützten Workflows beschleunigt. Centrica nutzt dem Bericht zufolge eine große Zahl eigener Anwendungen: Mehr als 1.100 Tools laufen im Alltag, erstellt von einem internen Netzwerk von 430 „Makers“, also Mitarbeitenden ohne klassische Programmierausbildung. Solche Strukturen folgen einem Muster, das wir aus der Unternehmenspraxis seit der ersten Welle von RPA und Workflow-Automatisierung kennen: Domänenfachleute übersetzen Prozesswissen in digitale Artefakte, IT liefert Standards, Betrieb und Sicherheitskontrollen. Die entscheidende Weiterentwicklung besteht darin, dass Centrica nicht bei Assistenzfunktionen stehen bleibt, sondern Multi-Agent-Umgebungen für neue Dienstleistungen und interne Effizienztreiber aufbaut.
Wo viele Organisationen bei KI-Projekten schnell in eine unübersichtliche Landschaft aus Einzelmodellen, Skripten und Schatten-Services rutschen, setzt Centrica auf Governance statt Wildwuchs. Im Mittelpunkt steht ein Center of Excellence, das die Anwendungslandschaft überwacht und damit auch Richtlinien durchsetzt, bevor unklare Risiken „systemisch“ werden. Ergänzend kommt ein KI-gestützter Bot in Microsoft Teams zum Einsatz, der Entwickler bei technischen Fragestellungen unterstützt und interne Standards konsistent machen soll. Genau hier wird der praktische Unterschied zu typischen Experimenten sichtbar: Governance ist nicht nur ein juristisches Etikett, sondern ein Betriebssystem für KI-Entwicklung – inklusive Freigabeprozessen, Qualitätssicherung und Kontrolle der Schnittstellen, über die Daten in KI-Workflows gelangen.
Der Kostenhebel erklärt sich dabei nicht allein aus der Geschwindigkeit der Erstellung, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen: Standardisierte Plattformkomponenten senken die Integrationskosten, wiederverwendbare Muster reduzieren den Pflegeaufwand und KI-gestützte Agenten übernehmen Teile der Arbeit, die sonst manuell koordiniert werden. In Unternehmen mit vielen Legacy-Prozessen entsteht der größte ROI typischerweise dort, wo Daten „zwischen“ Systemen fließen: Vertrags- und Vorgangsdaten, Serviceanfragen, Risiko- und Compliance-Checks oder wiederkehrende Genehmigungen. Experten berichten, dass in solchen Umgebungen gerade die Kombination aus Low-Code-Entwicklung und überwachten KI-Workflows die Wartbarkeit verbessert und gleichzeitig die Zeit bis zur Produktivsetzung verkürzt. Für Centrica wird dieses Zusammenspiel nun durch die Einsparzahl gestützt und liefert damit einen Benchmark, der für andere Branchen als Blaupause taugt.
Auch jenseits von Centrica zeigt der Markt, dass KI-Agenten in verschiedenen Rollen einziehen. So wird aus der Bäckereigruppe Grupo Bimbo berichtet, dass sich Prüf-Planungen um 20 Prozent verkürzt hätten und Matrixanalysen in Sekunden statt Tagen erstellt werden. Banco Popular Dominicano nennt derweil eine Verdreifachung der Risikoanalyse-Kapazität sowie eine spürbare Reduktion manueller Arbeit, während Smartsheet nach der Integration mehrerer KI-Assistenten einen deutlichen Sprung bei wöchentlichen Nutzern meldet. Entscheidend ist dabei der Vergleich: Während Bimbo und Banken häufig datenintensive Analytik in den Mittelpunkt stellen, geht es bei Smartsheet stärker um Kollaboration und Nutzeradoption. Centricas Schwerpunkt liegt wiederum auf Prozessautomation und schneller Markteinführung neuer Dienstleistungen – ein Feld, in dem Transparenz, Sicherheit und Rollenrechte besonders anspruchsvoll sind.
Ein weiterer Marktimpuls kommt von der regulatorischen Seite. Der KI-Boom bleibt nicht ohne Reaktion: Ende Juni 2026 hat die englische Wasserregulierungsbehörde Ofwat eine Frist für Wasserunternehmen gesetzt, damit diese verantwortungsvolle KI-Governance-Pläne vorlegen. Im Kern geht es um Transparenz und Sicherheitskontrollen bei Tools wie Copilot – also darum, wie Unternehmen nachweisen, welche KI-Werkzeuge eingesetzt werden, welche Daten betroffen sind und wie Risiken gemanagt werden. Für Centrica und andere Konzerne heißt das: Der Governance-Ansatz muss mit nachweisbaren Prozessen unterlegt werden, sonst wird aus „Schnelligkeit“ ein Risiko. Genau deshalb wird in der Praxis die Dokumentation von Risikoklassen und Prozessen zu einem zentralen Projektbaustein, nicht zu einem späten Anhängsel.
Gleichzeitig treibt der Wettbewerb auf der Software-Ebene die Entwicklung. Mit Microsoft und SAP bringen große Anbieter neue KI-Workflow-Studios und ERP-Plugins voran, die darauf zielen, Künstliche Intelligenz näher an typische Unternehmensprozesse zu bringen – vom Ticket über die Freigabe bis zur ERP-gebundenen Auswertung. Der Zeitfaktor spielt dabei eine spürbare Rolle: Einige dieser Funktionen wurden erst Anfang Juni allgemein verfügbar. Aus Marktsicht entsteht damit ein „Infrastruktur-Wettlauf“ um die produktivste KI-Umgebung, in der sich Agenten zuverlässig, überwacht und mit organisatorischer Kontrolle betreiben lassen. Für IT-Entscheider bedeutet das: Architekturentscheidungen werden künftig weniger über einzelne Modelle getroffen, sondern über Plattformgrenzen, Datenflüsse, Identitäts- und Berechtigungsstrukturen sowie Observability im KI-Betrieb.
Mit Blick auf die Zukunft dürfte Centricas Ansatz mehrere Entwicklungslinien verstärken. Erstens wird die KI-Entwicklung stärker in Richtung „komponierbare Agentensysteme“ gehen: Nicht der eine Chatbot entscheidet, sondern Orchestrierung, Aufgabenketten und abgestimmte Rollenmodelle. Zweitens wächst der Bedarf an messbaren Betriebskennzahlen, etwa für Prompt-Qualität, Wiederholbarkeit, Latenz und Auditierbarkeit. Drittens verschiebt sich die Sicherheitsstrategie von reinen Zugriffskontrollen hin zu KI-spezifischen Kontrollen, beispielsweise zur Protokollierung von Datenquellen, zur Kontrolle von Tool-Aufrufen und zur Bewertung von Fehlannahmen im Ergebnis. Unternehmen erhalten dadurch zugleich eine Chance: Wer Governance als Engineering-diszipliniertes Thema behandelt, kann KI schneller ausrollen, ohne Compliance und Sicherheit als Bremse wahrzunehmen.
Für die Praxis lässt sich der zentrale Learningsatz aus der Centrica-Meldung so formulieren: KI-agentenbasierte Automatisierung funktioniert im großen Maßstab dann, wenn sie mit organisatorischen Mechanismen gekoppelt ist, die Shadow IT verhindern und Standards erzwingen. Low-Code und Copilot Studio sind dabei nicht automatisch der „Erfolg“, sondern sie werden erst mit einem Betriebskonzept und klaren Freigabewegen zu einem skalierbaren System. Wer heute plant, sollte deshalb Plattformstrategie, Daten- und Rollenmodell, Test- und Freigabeprozesse sowie die regulatorische Nachweisfähigkeit früh zusammen denken. Der Wettlauf um KI-Infrastruktur hat gerade begonnen; die Unternehmen, die als Erstes KI-Agenten in einen kontrollierbaren Lebenszyklus integrieren, werden in der nächsten Welle weniger „experimentieren“ und mehr konsistent liefern.
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