PEKING / LONDON (IT BOLTWISE) – Chinas Verteidigungsminister Dong Jun hat beim Xiangshan-Forum zur Wachsamkeit vor erneutem Militarismus gewarnt und die Verantwortung der Großmächte betont. In seiner Rede nannte er keine Länder direkt, verknüpfte die Botschaft aber klar mit dem geopolitischen Wettbewerbsdruck rund um Seewege und Technologie. Gleichzeitig forderte er die Ausarbeitung von Regeln für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, im Weltall und in der Tiefsee. Der Zeitpunkt des Forums liegt zudem vor dem geplanten USA-Besuch von Xi Jinping am 24. September, was die politische Dimension unterstreicht.

Das Xiangshan-Forum in Peking ist in den vergangenen Jahren zu einer festen Bühne geworden, auf der Chinas sicherheitspolitische Linie in internationaler Tonlage präsentiert wird. Verteidigungsminister Dong Jun nutzte die Eröffnungsrede, um zwei Botschaften miteinander zu verknüpfen: Erstens forderte er Wachsamkeit vor erneutem Militarismus und erinnerte an die Verantwortung der Großmächte. Zweitens machte er deutlich, dass Dialogformate und Regelwerke nicht nur als Diplomatie gelten, sondern auch als Steuerungsinstrument für künftige Technikfelder.
Dong Jun ging dabei bewusst ohne direkte Länder- oder Konfliktbenennung vor. Dennoch lassen die in der Rede mitschwingenden Referenzen erkennen, worauf sich der Appell richtet. So wurden Konfliktherde wie das Südchinesische Meer ebenso wenig ausdrücklich genannt wie Taiwan. Gleichzeitig ist aus Sicht des chinesischen Narrativs klar, worum es geht: Vorherrschaftsansprüche und Militarismus seien nicht zu tolerieren – ein Satz, der in der Praxis als Antwort auf den bestehenden strategischen Druck verstanden werden kann, auch weil das Forum in Peking traditionell mit Blick auf die USA und deren regionale Positionierung gelesen wird.
Technisch verlagert sich der Schwerpunkt bei Dong Jun spürbar in Richtung Zukunftsthemen. Er forderte, den Sicherheitsdialog in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, dem Weltall und der Tiefsee voranzutreiben und Regeln festzulegen. Genau dort spielt sich nach übereinstimmendem öffentlichen Kenntnisstand ein Teil des Wettbewerbs zwischen den USA und China ab: KI-gestützte Systeme für Analyse, Sensorik und Entscheidungsunterstützung sowie Fähigkeiten, die mit Satelliteninfrastruktur und Unterwasserkommunikation zusammenhängen, beeinflussen zunehmend sowohl Abschreckung als auch operative Reaktionszeiten. Für Unternehmen und Forschungsgruppen bedeutet das: Technologiestandards und Schnittstellenfragen werden mittelfristig genauso relevant wie reine Modell- oder Hardwareleistung.
Dass das Jahr in der Rede eher als „milder Ton“ beschrieben wurde, wirkt wie ein politisches Signal für die Lesbarkeit des Forums in internationalen Kreisen. Zugleich existieren strukturelle Spannungsfelder, die nicht einfach aus dem Wortlaut verschwinden: China verfolgt seit Jahren das Ziel, international als stabilisierende Macht aufzutreten. In früheren Kontexten wurden dabei auch Aufrufe an die USA laut, angesichts des Kriegs gegen Irans Partner in Richtung Dialog zurückzukehren. Gerade dieser Kontrast zeigt, wie China versucht, zwei Ebenen gleichzeitig zu bespielen: globaler Sicherheitsdialog mit Kommunikationsbereitschaft – lokal bei Taiwan aber ohne Nachgiebigkeit.
Der nächste Schritt zur „Operationsfähigkeit“ kommt aus einem anderen politischen Bereich: Ab dem 1. Oktober gilt eine neue Version des Gesetzes zur Mobilisierung für die Verteidigung. Das Dokument verankert Maßnahmen, um einen raschen Übergang vom Friedens- in den Kriegszustand zu gewährleisten. Praktisch heißt das, dass Behörden nach Bedarf Eingriffe in verschiedenen Sektoren vornehmen können – genannt werden Finanzwesen, Verkehr und Telekommunikation. Hinzu kommt die Möglichkeit, zivile Ressourcen zu beschlagnahmen und zu enteignen, etwa Ausrüstung oder Verkehrsmittel von Organisationen oder Einzelpersonen, falls dies als erforderlich gilt. Unklar bleibt in den vorliegenden Informationen, ob auch ausländische Firmen von solchen Maßnahmen erfasst sein könnten; diese Frage ist für Lieferketten- und Compliance-Teams besonders relevant, weil sie über reine öffentliche Rhetorik hinausgeht.
Für die Markt- und Unternehmenssicht liegt der Fokus deshalb weniger auf dem diplomatischen Ton, sondern auf der Schnittstelle zwischen Technologie und Krisenlogistik. Wenn Mobilisierungsrechte in Infrastruktur- und Kommunikationsbereichen vorgesehen sind, dann wirken sich solche Regelungen indirekt auch auf Planungszyklen aus: von redundanten Kommunikationspfaden über Wartungsfenster bis hin zu der Frage, welche Betreiberrollen in einer Krise tatsächlich weiterlaufen. Gleichzeitig unterstreicht Dong Jun mit dem Verweis auf KI, Weltall und Tiefsee, dass künftige Sicherheit nicht ohne technische Standards diskutiert werden kann. Unterm Strich zeigt das Xiangshan-Forum damit eine doppelte Strategie: Kommunikation zur Stabilisierung – plus institutionelle Vorbereitung für den Fall eskalierender Szenarien.
Der zeitliche Kontext verstärkt diese Lesart. Das Forum fand vor dem Hintergrund eines erwarteten Besuchs von Xi Jinping am 24. September statt; zusätzlich wird es im internationalen Sicherheitskalender oft als Pendant zum stärker in Singapur verankerten Dialogformat eingeordnet. Für die kommenden Wochen dürfte entscheidend sein, ob die angekündigten Regelgespräche in konkrete technische Arbeitsstrukturen münden – etwa in Form von Absprachen zu Testumgebungen, Datenflüssen oder Schnittstellen in KI-Systemen. Aus Unternehmensperspektive lohnt sich in jedem Fall die frühzeitige Einordnung, welche Teile der eigenen Technologie- und Betriebsprozesse als „kritisch“ gelten könnten, falls Sicherheits- und Mobilisierungsmechanismen in einer Krise stärker greifen als bisher.
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