LONDON (IT BOLTWISE) – Coca-Cola Deutschlandchef John Galvin sieht Zero-Getränke als klaren Wachstumsmarkt und nennt für Zero-Produkte zweistellige Zuwächse. Vor dem Hintergrund der Debatte über eine mögliche Zuckersteuer beschreibt er, wie der Konzern sein Produktportfolio über zuckerfreie Rezepturen weiter ausbaut. Ziel sei, den Geschmack so nah wie möglich an die klassische Variante heranzuführen, damit der Wechsel im Alltag kaum auffällt. Damit verschiebt sich der Wettbewerb in der Getränkekategorie zunehmend von Rezeptur- auf Marken- und Preisfragen.

Der Vorstoß wirkt weniger wie ein isoliertes Produkt-Update, sondern wie eine strategische Antwort auf einen absehbaren Regulierungs- und Nachfragewechsel: Coca-Cola Deutschland setzt laut Aussagen von John Galvin spürbar stärker auf zuckerfreie Getränke und meldet für das Zero-Segment zweistelliges Wachstum. In einem Markt, in dem sich viele Hersteller über Jahre hinweg an niedrigere Zuckerwerte herangetastet haben, ist gerade die Kombination aus Nachfrageentwicklung und Rezepturpolitik entscheidend. Wenn Galvin von zweistelligen prozentualen Zuwächsen spricht, deutet das darauf hin, dass Zero-Varianten nicht nur als Nischenalternative wahrgenommen werden, sondern als planbarer Absatztreiber in der Sortimentsplanung landen.
Technisch betrachtet entscheidet bei Zero-Getränken vor allem die Rezeptur über die Wahrnehmung: Zucker wirkt nicht nur als Süßungsmittel, sondern auch als Geschmacks- und Strukturträger. Genau hier setzt das Vorgehen an, das Galvin beschreibt: Man „push“ die Entwicklung so, dass der Geschmack möglichst nah an die klassische Variante herankommt. Das ist eine Herausforderung, weil Süße, Mundgefühl und Nachgeschmack bei unterschiedlichen Süßungswirkstoffen und Mischungen variieren können. Für Konsumenten zählt deshalb nicht die interne Zielsetzung „zuckerfrei“, sondern die Frage, ob das Produkt im Alltag als gleichwertig empfunden wird – und ob es sich dabei dennoch klar von klassisch gezuckerten Varianten abhebt.
Gleichzeitig steckt die Strategie in einem größeren Zusammenhang. Die politischen Debatten um eine Zuckersteuer zielen darauf, den Konsum stark gezuckerter Getränke zu senken und damit Risiken wie Übergewicht oder Diabetes indirekt zu adressieren. Gesundheitsorganisationen und die internationale Erfahrung, die in der Diskussion häufig aufgegriffen wird, zeigen dabei vor allem eines: Preis- und Regelungsmechanismen können das Einkaufsverhalten messbar beeinflussen. Für Unternehmen entsteht daraus ein doppelter Anpassungsdruck. Einerseits müssen Produkte weniger Zucker enthalten, andererseits darf die Markenwahrnehmung durch zu große Geschmacksabweichungen nicht beschädigt werden. Zero-Produkte adressieren genau dieses Spannungsfeld, weil sie das Markenprofil mit einem Angebot ohne Zucker verbinden.
Marktseitig ist bemerkenswert, wie Coca-Cola die Entwicklung rahmt: Galvin leitet den Trend zu Zero-Getränken auch aus einem bereits vorhandenen Konsumentenmuster ab. Wer zuckerfrei konsumiert, greift seiner Darstellung nach erfahrungsgemäß eher zu einem zweiten oder dritten Glas. Auch wenn diese Aussage keine unabhängigen Messdaten belegt, macht sie den Kern der Erwartung transparent: Zero soll nicht nur einzelne Gelegenheiten ersetzen, sondern eine neue Konsumroutine ermöglichen. Das kann die Absatzdynamik stützen, ohne dass sich das Produktportfolio rein auf „Substitution“ beschränkt. In der Praxis bedeutet das für das Marketing und die Handelsverhandlungen, dass Zero-Angebote als Kernsortiment behandelt werden müssen, nicht als kurzfristige Aktionsware.
Für Verbraucher verlagert sich damit die Diskussion oft von Gesundheit auf Alltagstauglichkeit und Preisrelation. Falls eine Zuckersteuer kommt, könnten sich die Preisunterschiede zwischen klassisch gezuckerten und zuckerfreien Varianten verstärken, und Zero würde dadurch zusätzlich an Attraktivität gewinnen. Gleichzeitig bleibt offen, ob eine Steuer allein ausreicht, um den Gesamtkonsum zu reduzieren, oder ob flankierende Maßnahmen wie verständliche Kennzeichnung, Aufklärung und klarere Zielgrößen notwendig sind. Gerade bei Getränken ist die Transparenz im Regal relevant, weil Konsumentscheidungen häufig spontan und im Vergleich erfolgen. Unternehmen stehen damit vor der Aufgabe, nicht nur ihre Produkte weiterzuentwickeln, sondern auch die Kommunikation so auszurichten, dass sich der Nutzen im Kaufprozess sofort erschließt.
Aus Sicht der Branche ist die Meldung von Coca-Cola vor allem ein Signal an Wettbewerber: Wenn selbst große Anbieter Zero-Produkte als strategischen Schutzfaktor gegen potenzielle Zuckersteuern positionieren, verschiebt sich der Wettbewerb Richtung Produktkompetenz und Geschwindigkeit in der Rezeptur-Iteration. Reduktionen beim Zuckergehalt allein reichen dann oft nicht mehr, um dauerhaft Marktanteile zu sichern. Daneben gewinnt die Frage an Bedeutung, wie stabil die Nachfrage auch dann bleibt, wenn Preisvorteile nicht mehr ausschließlich über Marketing erzeugt werden, sondern durch regulatorische Effekte entstehen. Insgesamt zeigt das Beispiel, wie eng Produktstrategie, Rezepturentwicklung und politische Rahmenbedingungen inzwischen miteinander verknüpft sind – und warum Einkaufs- und Entwicklungszyklen bei Softdrinks zunehmend mit Blick auf mögliche Gesetzesänderungen geplant werden.
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