LONDON (IT BOLTWISE) – Coinbase-CEO Brian Armstrong stellt sich gegen den Trend, dass Startups Krypto zugunsten von KI aufgeben. Er argumentiert, dass autonome KI-Programme später selbst Finanzfunktionen brauchen, um Dienste in Echtzeit zu bezahlen – ohne klassische Bankwege. Aus seiner Sicht macht KI Krypto-Infrastruktur nützlicher statt sie zu ersetzen. Im Zentrum steht dabei ein Zahlungsprotokoll von Coinbase und die Idee von „Agentic Finance“.

Brian Armstrong trifft mit seiner Kritik eine Debatte, die in der Krypto-Industrie gerade besonders laut geführt wird: Viele Teams verschieben Ressourcen in Richtung Künstliche Intelligenz und behandeln Kryptotechnologien dabei eher als Nebenprojekt. In einem Beitrag auf X formulierte der Coinbase-CEO, dass Startups diese Richtung überdenken sollten. Seine Kernaussage lautet: Autonome Softwareagenten werden zwar KI als „Motor“ nutzen, benötigen aber für ihre Ausgabenfähigkeit Geld und damit Zahlprozesse, die ohne Bankkonto und ohne zeitintensive Überweisungen funktionieren.
Armstrongs Argumentation basiert auf dem Gedanken, dass Krypto künftig nicht als „Konkurrenz“ zu KI verstanden werden sollte. Er ordnet Krypto stattdessen als „General Purpose Technology“ ein – ähnlich wie Strom oder das Internet als Infrastruktur-Schichten, die viele Anwendungen ermöglichen. Genau hier setzt die technische Perspektive an: KI-Systeme können heute bereits Inhalte und Entscheidungen automatisieren, aber sie können nicht sinnvoll wirtschaften, wenn die Schnittstelle zwischen digitalen Handlungen und finanziellen Transaktionen zu träge oder zu stark an traditionelle Zahlungswege gebunden ist. Damit verschiebt sich die Frage von „KI ersetzt Krypto?“ zu „Welche Zahlungs- und Kontoprotokolle braucht KI, um dauerhaft eigenständig zu handeln?“
Diese Einordnung erklärt auch, warum Armstrong den Begriff „Agentic Finance“ bzw. „AiFi“ aufgreift. Der Punkt ist nicht nur, dass KI irgendwo „irgendwie“ Geld verwenden könnte, sondern dass Agenten Zahlungen auslösen, Kontofunktionen ausführen und laufend auf Ressourcen zugreifen müssten – etwa für Rechenleistung, Datenzugriff oder APIs. In der Praxis bedeutet das: Ein KI-Programm braucht die Möglichkeit, Gebühren dynamisch zu autorisieren, Preise in Echtzeit zu hinterlegen und Abrechnungen ohne manuelle Freigaben abzuwickeln. Armstrongs Kritik an „Zero-Sum“- und Knappheitsdenken zielt dabei auf die Annahme, dass die Budgets für den KI-Boom zwingend zulasten von Krypto-Infrastruktur gehen müssten.
Coinbase bringt diese Vision konkret über die eigene Produkt- und Protokollseite ein. Das Unternehmen entwickelte das Protokoll x402 als Open Payment Protocol, mit dem Software automatisch für Daten, Rechenleistung und weitere Dienste zahlen kann. Hinzu kommen Wallet- und Zahlungsinfrastruktur-Komponenten, die über die Coinbase Developer Platform betrieben werden. Wichtig ist dabei die Governance-Entscheidung: Das Protokoll wurde im Juli an eine vom Linux Foundation-gestützte Organisation übertragen und ist damit nicht mehr allein durch Coinbase kontrolliert. Für Unternehmen ist das relevant, weil solche Protokolle typischerweise auf breite Interoperabilität angewiesen sind, damit unterschiedliche Agenten und Serviceanbieter nicht in ein einziges Ökosystem „eingesperrt“ werden.
Der Zeitpunkt der Debatte passt außerdem zu parallelen Marktbewegungen, die Armstrongs Position indirekt stützen: Laut dem vorliegenden Kontext haben mehrere Krypto-nahe Akteure entweder KI-Strategien gestartet oder versucht, beide Richtungen zu kombinieren. Crusoe, das aus dem Bitcoin-Mining-Kontext kommt, verkaufte im Jahr 2025 sein Mining-Geschäft an NYDIG und richtete sich stärker auf KI-Infrastruktur aus. Auch Unternehmen mit Bitcoin-Mining-Bezug wie CoreWeave, TeraWulf und Applied Digital haben Rechenkapazitäten in Richtung KI-Datenzentren umgelenkt. Aus Sicht von Armstrong ist das nicht automatisch ein Beleg dafür, dass Krypto „zurückfallen“ muss – sondern eher ein Hinweis, dass Krypto-Infrastruktur und KI-Workloads gemeinsam eine neue, wirtschaftlichere Betriebslogik brauchen.
Technisch betrachtet liegt die Brücke zwischen den Welten daher weniger in Modellarchitekturen als in Zahlungs- und Abrechnungsflüssen. Wo klassische Systeme auf Banküberweisung, Clearing-Zyklen und manuelle Rechnungsprozesse angewiesen sind, sollen agentische Workflows Gebühren unmittelbar anstoßen können: Ein Agent verhandelt oder entscheidet, ruft Ressourcen ab und bezahlt direkt nach Leistungsabruf. Genau hier wird x402 in Armstrongs Narrativ zur „Autobahn“: Als Zahlungsprotokoll soll es den Weg von einer KI-getriebenen Entscheidung zu einer maschinell ausführbaren Zahlung verkürzen. Für die Sicherheit und Skalierbarkeit solcher Abläufe wird zusätzlich entscheidend, wie sauber Autorisierung, Abrechnung und Limitierung umgesetzt werden – denn je weniger menschliche Kontrolle vorgesehen ist, desto höher sind die Anforderungen an Auditierbarkeit und robuste Regeln gegen Fehlbuchungen.
Für die nächsten Monate wird es für Startups weniger darum gehen, ob sie „Krypto oder KI“ wählen, sondern wie sie die Schnittstellen gestalten. Armstrongs Position legt nahe, dass Krypto-kompatible Bezahlinfrastruktur gerade dann an Wert gewinnt, wenn Agenten häufiger und schneller handeln müssen als Menschen. Gleichzeitig zeigt der Markttrend Richtung KI-Rechenzentren, dass finanzielle und operative Infrastruktur nicht isoliert gedacht werden kann: Wer Rechenleistung, Datenzugriff und Dienste automatisiert bezieht, braucht Mechanismen, die diese Logik zuverlässig mit Zahlungsvorgängen verbinden. Ob „AiFi“ sich als Begriff durchsetzt oder als Konzept im Hintergrund weiterwächst, wird damit vor allem daran gemessen, wie gut es in echten Produktionsworkflows funktioniert und welche Integrationen sich am Ende durch Interoperabilität statt Lock-in durchsetzen.
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