LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Coldcard-Hack steigen die potenziellen Verluste nach Angaben von Research-Teams inzwischen auf knapp 114 Millionen US-Dollar. Angreifer nutzten offenbar eine Firmware-Schwachstelle, um private Schlüssel systematisch zu rekonstruieren, ohne das Offline-Gerät physisch zu berühren. Forscher melden mehrere Angriffs-Wellen über Tausende Adressen, während eine neue Runde noch nicht sicher eingedämmt ist. Für Selbstverwahrer wird damit der Schutz nicht nur zum Hardware-Problem, sondern auch zum Software- und Prozessproblem.

Coldcard-Hack: KI-beschleunigte Schlüsselherstellung treibt Verlust auf 114 Mio. $
Coldcard-Hack: KI-beschleunigte Schlüsselherstellung treibt Verlust auf 114 Mio. $ (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Coldcard-Hack rückt eine unscheinbare Schwachstelle in den Mittelpunkt, die in der Praxis wesentlich gefährlicher ist als viele klassische Angriffsmuster: Nicht Phishing und nicht das Erreichen des Geräts, sondern ein Firmware-Fehler hat die Kryptografie der Cold-Storage-Variante ausgehöhlt. Coldcard gilt seit Jahren als eine der zuverlässigeren Hardware-Wallets für Bitcoin, weil sie einen air-gapped Ansatz verfolgt und Coins bewusst fern vom Internet hält. Im aktuellen Fall geht es jedoch um einen Mechanismus, bei dem die Wallet-Software offenbar statt des vorgesehenen Hardware-Generators auf einen schwächeren Fallback zurückgegriffen hat. Damit wurde aus der ursprünglich beabsichtigten Schlüsselstärke faktisch eine Größe, die Angreifern das Raten der privaten Schlüssel deutlich erleichterte.

Konkret verknüpft der Bericht die Ursache mit einem Coldcard-Update aus dem März 2021: Wallet-Seeds sollen aus einem weniger robusten Software-Fallback gezogen worden sein, statt über den Hardware-Zufallsquellprozess zu entstehen. Dadurch reduzierte sich die effektive Sicherheit eines Mk3-Keys demnach auf ungefähr 40 Bit statt der intendierten 128 Bit. Der praktische Effekt ist brutal: Sobald ein Schlüsselraum klein genug ist, lassen sich die betroffenen Schlüssel für programmatische Sweeps berechenbar machen. Besonders bitter ist, dass viele der betroffenen Coins über Jahre unverändert lagen und gerade deshalb nicht durch regelmäßige Sicherheitsprozesse „wanderten“ oder neu verschlüsselt wurden, bevor die Schwachstelle ausgenutzt wurde.

Die Angriffsaktivität zeigt sich in Wellen und über eine große Zahl von Zielen. Galaxy Research beziffert in seiner Auswertung ungefähr 1.367 gestohlene Bitcoin im Wert von rund 88,6 Millionen US-Dollar, verteilt auf 4.585 Adressen. Dabei soll es sich nicht um einen einzelnen Ausreißer handeln, sondern um mehrere klar unterscheidbare Durchläufe, wobei eine neueste Welle bereits am Samstag gemeldet wurde. Die Warnung lautet entsprechend, dass der Exploit fortlaufend genutzt wird und dass jeder anfällige Coldcard-Besitzstand irgendwann geleert werden kann. Gleichzeitig sprechen die Forscher davon, dass zumindest ein Teil der jüngsten Angriffe möglicherweise durch ein vorausschauendes Vorgehen im Mempool-Settlement begrenzbar wäre.

Technisch verschiebt sich damit der Fokus weg von der Frage „Welche Hardware ist sicher?“ hin zu „Welche Softwarepfade sind im Lebenszyklus relevant?“. Coldcard-Hersteller Coinkite äußerte, man müsse davon ausgehen, dass ein Angreifer mithilfe von KI die Open-Source-Firmware gezielt nach der Schwachstelle durchsucht habe. Zugleich räumt das Unternehmen ein, dass ein eigener KI-gestützter Code-Review der gleichen Basis in den Wochen zuvor diesen Bug oder zumindest nichts Derartiges gefunden habe. Das ist ein Lehrstück dafür, wie sich Latenzen in der Sicherheitsforschung verhalten: Selbst wenn Defensivteams KI nutzen, kann ein Angreifer dieselben Werkzeuge schneller und mit stärkerem Suchfokus einsetzen. Hinzu kommt die Einschätzung, dass die Sweeps programmatisch wirken und „wahrscheinlich“ mit einem großen Sprachmodell orchestriert wurden.

Über den konkreten Vorfall hinaus wirkt der Hack wie ein Warnsignal für ein Grundprinzip der Krypto-Ökonomie: Selbstverwahrung soll Souveränität schaffen. In diesem Fall hat aber nicht der Gegenspieler „im Netzwerk“ dominiert, sondern jemand, der die Kryptografie eines offline gedachten Systems aus einem Software-Fehler heraus zu einem berechenbaren Problem gemacht hat. Gerade deshalb ist der Hinweis auf den Mempool so wichtig: Wenn Transaktionsfinalisierung und Beobachtbarkeit eine Rolle spielen, entsteht für Defensivteams die Chance, mit Front-Running oder gezieltem Scheduling gegen Sweeps anzukommen. Für viele Betreiber bedeutet das in der Praxis: Hot- und Cold-Prozesse müssen stärker zusammen gedacht werden, etwa durch priorisierte Abhebungen nach Updates oder durch regelmäßige Prüfungen, ob die eingesetzten Firmware-Versionen tatsächlich alle Sicherheitsannahmen erfüllen.

Auch die begleitenden Markt- und Infrastrukturpunkte zeigen, dass 2024/2025 nicht nur eine KI-Ära für Modelle, sondern auch für Angriffsflächen in Krypto ist. Während BTC bei etwa 62,6k US-Dollar leicht nachgibt und mehrere große Coins im Minus notieren, stechen organisatorische Meldungen heraus: Tether berichtet für das zweite Quartal einen Netto-Betriebsgewinn von 1,5 Milliarden US-Dollar und eine deutlich gestiegene USDT-Zirkulation; Circle erhielt laut den genannten Angaben eine New-York-Trust-Charter für den Betrieb einer USDC-Custody-Trust-Company. Solche Fortschritte in der Verwahr- und Tokenisierungsschicht stehen jedoch neben sehr realen Risiken im Schlüssel- und Wallet-Betrieb. Wenn KI in der Offensive so stark wirkt, wie es der Hack nahelegt, wird sich die Sicherheitsarchitektur insgesamt stärker in Richtung kontinuierlicher Verifikation und reproduzierbarer Builds bewegen müssen.

Für Unternehmen und professionelle Nutzer folgt daraus eine klare Priorisierung: Firmware-Updates sind nicht automatisch „Befreiung“ von Risiko, sondern müssen wie Code-Änderungen in kritischen Systemen behandelt werden. Praktisch heißt das, dass Verantwortliche nicht nur auf Hardware-Zertifizierungen schauen sollten, sondern auch auf Seed-Generierungspfade, Fallback-Mechanismen und die tatsächliche Entropiequelle. Zusätzlich sollten Teams ihre Incident-Response-Prozesse so auslegen, dass sie bei bekannten Schwachstellen schnell handeln können, bevor Angreifer Transaktionen in der nächsten Mempool-Phase durchziehen. Die Marktseite liefert dabei nur einen Teil der Story, denn der eigentliche Hebel liegt am Ende in der Fähigkeit, KI-beschleunigte Angriffe durch KI-gestützte, aber zielgenauere Prüfpfade und schnelle Gegenmaßnahmen zu überholen.


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