LONDON (IT BOLTWISE) – Collabora Online startet mit Version 26.04 zum zehnjährigen Plattformjubiläum und ergänzt die Suite um einen optionalen KI-Assistenten für selbst gehostete große Sprachmodelle. Der entscheidende Punkt für Unternehmen: Die KI-Unterstützung ist an ein Opt-in-Modell gebunden und soll ohne Datenabgabe nutzbar sein. Nebenbei liefert das Update konkrete Produktivitäts-Features wie neue Blattansichten in Calc, Verbesserungen für Remote-Präsentationen und einen überarbeiteten Dokumentenvergleich in Writer. Zeitgleich folgen LibreOffice-Updates mit Fehlerbereinigungen und weitere Kollaborationsfunktionen, die den Open-Office-Alltag spürbar glätten.

Wenn Open-Source-Office-Software eine neue Wachstumsphase erreicht, zeigt sich das selten nur an einzelnen Funktionen, sondern an der Richtung, die sich im gesamten Produkt abzeichnet. Collabora Online bringt dafür mit Version 26.04 gleich mehrere Signale zusammen: Zum zehnjährigen Jubiläum der Plattform erweitert der Hersteller die eigene Browser-Office-Suite um einen optionalen KI-Assistenten, der sich speziell an selbst gehostete große Sprachmodelle (LLMs) richtet. Das ist nicht einfach ein weiterer „Copilot“-Aufsatz, sondern vor allem ein Architektur-Entscheidungsversprechen, weil Unternehmen die KI-Fähigkeiten nutzen wollen, ohne ihre Dokumentinhalte aus der Kontrolle zu geben.
Technisch setzt Collabora Online dabei auf einen anbieterneutralen Ansatz und ein Opt-in-Modell. Praktisch bedeutet das für IT-Verantwortliche: Die KI-Unterstützung wird nicht pauschal „on“ geschaltet, sondern bleibt konfigurierbar und damit an Governance gekoppelt. Der Nutzen wird im Alltag schnell greifbar, denn der Assistent zielt auf Dokumentaufgaben ab, die sich mit Hilfe eines LLM automatisieren oder beschleunigen lassen. Entscheidend ist, dass der KI-Mehrwert nicht auf externe Cloud-Services angewiesen ist, sondern in einer selbst betriebenen Modellumgebung stattfinden kann – ein Punkt, der in vielen Fachabteilungen seit der ersten Welle generativer KI-Funktionen zu den häufigsten Diskussionen gehörte.
Doch die 26.04 ist nicht nur KI-getrieben. Für Tabellenkalkulationen in Calc führt Collabora Online benutzerspezifische Blattansichten ein, was vor allem in Umgebungen mit wiederkehrenden Auswertungen hilft: Mitarbeitende müssen nicht jedes Mal die gleiche Navigation und Filterlogik neu einrichten, sondern können ihre Arbeitsansicht für ihren konkreten Workflow speichern. Ergänzend kommt in Impress mit „Follow-Me Slideshows“ eine Funktion für bessere Remote-Präsentationen hinzu – also ein Feature, das den Präsentationsfluss besser über Distanz hinweg orchestrieren soll. Im Textverarbeitungsteil Writer wird zudem das Werkzeug zum Dokumentenvergleich komplett überarbeitet, was besonders bei Revisionen, Versionsfreigaben und formalen Überarbeitungsprozessen relevant ist, in denen Unterschiede zwischen Dokumentständen sauber nachvollziehbar sein müssen.
Eine weitere Ebene betrifft die Beschaffung und damit die Frage, ob eine Suite in öffentlichen Ausschreibungen überhaupt „durchrutscht“: Collabora Online nennt als wichtigen Meilenstein die BITV-2.0-Zertifizierung für die Suite. Für öffentliche Auftraggeber in Deutschland und der EU ist das mehr als ein Marketing-Label, weil Barrierefreiheitsanforderungen bei Web- und Dokumentzugängen häufig integraler Bestandteil der Bewertung sind. Für IT-Leitungen bedeutet das: Die Plattform ist nicht nur funktional, sondern auch in Bezug auf Zugänglichkeit besser argumentierbar, insbesondere wenn RfC-Zyklen und Standardisierungsprozesse länger dauern. Genau diese Kombination aus KI-Fähigkeit, Produktivitäts-Features und formaler Barrierefreiheitslage dürfte der Grund sein, warum solche Updates in Unternehmen eher als „Paket“ wahrgenommen werden.
Während Collabora Online am 24. Juli 2026 mit Version 26.04 nachlegt, folgt The Document Foundation bereits am 23. Juli mit dem Wartungsupdate LibreOffice 26.2.5. In Summe handelt es sich dabei um eine konsolidierende Stabilitätsrunde, die 21 gemeldete Fehler behebt und die Stabilität auf Windows, macOS und Linux verbessern soll. Solche Updates wirken im Vergleich zu KI-Neuheiten unspektakulär, sind aber in produktiven Umgebungen häufig der eigentliche Qualitätshebel, weil sie Regressionen und Randfälle adressieren, bevor sie Supportaufwände erzeugen. Interessant ist außerdem eine technische Weiche: Die Skia-Rendering-Engine wird unter Windows und macOS nur noch als experimentell betrachtet und nicht mehr standardmäßig aktiv, nachdem Stabilitätsprobleme gemeldet wurden. Das zeigt, wie stark Office-Stacks inzwischen von Renderpfaden abhängen und warum Testumfang und Nutzerfeedback in Multi-Plattform-Software eine zentrale Rolle spielen.
Parallel dazu erschien am 25. Juli auch eine separate LibreOffice-Version mit Fokus auf Kollaboration. Genannt werden unter anderem Echtzeit-Bearbeitung im Team, Versionsverläufe für Dokumente sowie Zwei-Faktor-Authentifizierung und verbesserte Verschlüsselung. Für Unternehmen ist das die Kombination, die aus „gemeinsamen Dateien“ echte Teamprozesse macht: Wer nicht nur parallel schreiben, sondern Änderungen nachvollziehen und Zugriffe stärker absichern kann, reduziert Abstimmungskosten. Zusätzlich lohnt ein Blick auf den Lebenszyklus: LibreOffice 25.8 hat Mitte Juni sein Lebensende erreicht, und die Community erwartet LibreOffice 26.8 für Ende August 2026 sowie ein weiteres Wartungsupdate Anfang September. Das ist vor allem für Planer wichtig, weil Versionierung, Updatefenster und Migrationsaufwand frühzeitig eingeplant werden müssen.
Wer nicht nur „eine“ Suite betrachtet, sondern das Ökosystem, sieht ebenfalls Unterschiede in der Ausrichtung. ONLYOFFICE Docs Enterprise Edition wird über den Univention App Center verfügbar gemacht und setzt stark auf Kompatibilität mit Microsoft-OOXML-Formaten; zudem bietet es Echtzeit-Kollaboration und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Für größere Teams ist das lizenzseitig relevant, während kleinere Einheiten in Open-Source-Szenarien häufig andere Wege gehen. Daneben tauchen in der Praxis immer wieder datenschutzbewusste Alternativen auf, etwa CryptPad, Collabora Online selbst oder dDocs, die ebenfalls hohe Kompatibilität mit Standardformaten wie.docx, .xlsx und.pptx anstreben. Wichtig ist dabei weniger das jeweilige Feature-Portfolio allein, sondern die Frage, ob sich Dateiaustausch, bestehende Vorlagen und Migrationen ohne Brüche abbilden lassen.
Als weiterer Newcomer sticht OfficeCLI hervor: Das Kommandozeilen-Tool, das im Frühjahr 2026 entwickelt wurde, ist nach eigener Ausrichtung für KI-Agenten gebaut und erlaubt automatisierten Systemen, Word-, Excel- und PowerPoint-Dateien zu lesen und zu bearbeiten, ohne eine vollständige Bürosuite zu installieren. Das spricht eine spezifische Zielgruppe an, nämlich Teams, die Office-Dateien in automatisierten Pipelines verarbeiten, etwa für Reporting, Dokumentgenerierung oder Freigabeprozesse. Damit wird Office-Handling von „GUI-orientiertem Arbeiten“ stärker in Richtung „maschinenlesbare Workflows“ verschoben. In Summe zeigen die Updates, dass sich Open-Source-Office in Unternehmen nicht nur über Kosten, sondern über Governance, Kollaborationstiefe und KI-Integration weiter professionalisiert – und dass die nächsten Schritte weniger von einzelnen Funktionen abhängen, sondern von der Frage, wie gut sich Produktivität, Sicherheit und Barrierefreiheit im Betrieb zusammendenken lassen.
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