SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt eine überraschende Lücke zwischen Interesse und Nutzung: Mehr als 88% der befragten Bitcoin-Halter würden grundsätzlich gegen ihr Krypto-Vermögen Kredite aufnehmen, doch nur 14% machen das tatsächlich. Als Hauptbremsen gelten weniger fehlendes Verständnis als vielmehr fehlendes Vertrauen in Risikomanagement, Liquidationsmechaniken und regulatorische Klarheit. Gleichzeitig wächst das Marktvolumen für Krypto-Kredite zwar stark, bleibt jedoch im Vergleich zu klassischen, beleihungsbasierten Finanzierungen deutlich klein. Der Bericht argumentiert, dass nun vor allem die „Trust-Infrastruktur“ aufholt – unter anderem durch Audit-Standards, Proof-of-Reserves und standardisierte, ratingfähige Strukturen.

„Collateral Gap“ bei Bitcoin-Krediten: Warum nur 14% statt 88% leihen
„Collateral Gap“ bei Bitcoin-Krediten: Warum nur 14% statt 88% leihen (Foto: IT BOLTWISE)
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Viele Bitcoin-Halter begreifen das Vermögen nicht als kurzfristige Position, sondern als langfristig gehaltenen Gegenwert. Genau deshalb fühlt sich der Verkauf für sie wie ein Verzicht auf Jahre des Durchhaltens an – besonders nach den großen Kurseinbrüchen 2018 und 2022, die den Begriff HODL in der Breitenwirkung verankert haben. In der Praxis führt das zu einer Verhaltensverschiebung: Statt Gewinne zu realisieren, nimmt ein wachsender Teil Kredite auf, die durch Bitcoin besichert sind, während die Coins im Portfolio bleiben. Wie eine aktuelle Studie nahelegt, ist das Interesse daran groß – die Nutzung jedoch noch deutlich geringer.

Im Zentrum der Untersuchung steht das von Ledn geprägte Konzept des „Collateral Gap“: ein Verhältnis von 6 zu 1 zwischen Menschen, die Kredite grundsätzlich in Erwägung ziehen, und denen, die sie bereits aktiv nutzen. Laut dem Bericht wurden dafür 1.244 Krypto-Anleger aus den USA und Australien befragt; mehr als 88% gaben an, dass sie eine Beleihung gegen ihr digitales Vermögen grundsätzlich erwägen würden, während nur 14% bereits Kredite aufnehmen. Ledn arbeitet dazu mit der Research-Organisation Protocol Theory zusammen und stützt die Interpretation auf die Annahme, dass nicht das Geschäftsmodell selbst, sondern die begleitende Sicherheits- und Vertrauensebene bislang die größte Hürde ist.

Technisch betrachtet ist der Kern der meisten Bitcoin-gestützten Kreditmodelle relativ klar: Der Nutzer verpfändet Bitcoin als Collateral, erhält dafür typischerweise einen Kreditbetrag in Fiat (etwa USD) und bleibt dennoch Eigentümer der Coins, solange definierte Sicherungsregeln eingehalten werden. Entscheidend sind dabei die Mechanik der Beleihungsquote, die Überwachung des Kursrisikos sowie die Ausgestaltung von Liquidationen. Genau hier setzt der Bericht an, denn die häufigsten Einwände der Nicht-Nutzer drehen sich nicht primär um „zu wenig Wissen“, sondern um das Vertrauen in die Fähigkeit des Anbieters, Volatilität, Liquidationsprozesse und das Zusammenspiel mit regulatorischen Anforderungen verlässlich zu managen.

Ledn positioniert sich in diesem Kontext mit mehreren Kontroll- und Transparenzbausteinen: Das Unternehmen ist SOC-2-Type-2-zertifiziert, veröffentlicht Proof-of-Reserves und betreibt nach eigenen Angaben einen „Open-Book“-Ansatz. Zudem ist es als virtueller Vermögensdienstanbieter registriert und nennt für Aufsichtsrollen in den Cayman Islands und Spanien entsprechende Zuständigkeiten. Besonders bemerkenswert ist die jüngste Emission eines S&P-gerateten, bitcoin-gestützten asset-backed Security-Produkts mit BBB-Rating – ein Signal dafür, dass standardisierte Kredit- und Deckungsstrukturen inzwischen in Richtung klassischer Kapitalmarktlogik andocken. In der Summe soll das die Vertrauenskomponente stärken, die der Markt bislang zu stark ausgebremst hat.

Aus Marktsicht wirkt der „Collateral Gap“ wie ein sichtbarer Bruch zwischen Angebot und Bereitschaft. Der Bericht verweist auf den breiten Vertrauensfokus: Unter den Top-Bedenken der Befragten rangieren die Handhabung der Preisvolatilität von Bitcoin, die Steuerung des Liquidationsrisikos sowie regulatorische Unsicherheit um Krypto-gestützte Kredite. Demgegenüber wurden konkrete Aspekte wie risk-management-Mechanismen, Reputation, Transparenz der Vertragsbedingungen, Bedienbarkeit und Historie zwar ebenfalls genannt, aber offenbar nicht als dominierende Hebel wahrgenommen. Ein Vergleich mit dem etablierten Lending zeigt die Dimension: Klassische Märkte skalieren beleihungsbasierte Kredite – etwa über Margin-Lending bei Aktien oder Hypotheken – in wesentlich größerem Umfang als das Krypto-Pendant.

In der Studie wird die Logik der Nutzer zudem mit finanzmathematischer Alltagserfahrung verknüpft: Die 14% aktiven Kreditnehmer nutzen die Kredite typischerweise nicht als „Notfallkasse“, sondern bewegen sich laut Bericht in einer finanziell versierten Gruppe, die mit Leverage vertraut ist und gleichzeitig langfristig akkumuliert. Bei bestehenden Crypto-Loan-Nutzern kaufen 62% demnach mehr Bitcoin, während nur 1% verkaufen. Diese Entscheidung wird als Analogon zu Margin-Darlehen auf Aktien oder Home-Equity-Lines verstanden: Cash wird freigesetzt, ohne die asset-basierte Wette vollständig zu beenden. Steuerliche Effekte spielen zusätzlich eine Rolle, weil der Verkauf von Bitcoin häufig kapitalgewinnbezogene Abgaben auslöst, während Kredite je nach Jurisdiktion nicht dieselbe unmittelbare Steuerlogik triggern.

Der Markt wächst zwar spürbar, bleibt aber im relativen Vergleich klein. Laut dem Bericht erreichte das Krypto-Lending im dritten Quartal 2025 nach Angaben von Galaxy Research einen Rekord von 73,6 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig liegt der beleihungsbasierte Kreditumfang klassischer Asset-Klassen, gemessen an vergleichbaren Größen, noch deutlich darüber – etwa wenn man Margin-Lending im Aktienbereich oder den Hypothekenblock in den USA betrachtet. Damit ist Krypto in puncto „Collateralized Borrowing“ offenbar die einzige große Asset-Klasse, bei der die Kreditnutzung bislang nicht proportional zur Marktgröße skaliert. Die zentrale These von Ledn lautet: Die Trust-Infrastruktur beginnt aufzuholen, wodurch mehr Halter den Schritt von der Idee zur tatsächlichen Kreditaufnahme vollziehen können.

Ein Blick auf den Wettbewerb zeigt, dass das Thema Vertrauen in der Branche nach den wiederkehrenden Krisenereignissen vieler Krypto-Kreditangebote nicht nur theoretisch relevant ist. Anbieter wie BlockFi waren zeitweise stark präsent, bevor sie mit massiven Insolvenznachrichten konfrontiert wurden; ähnliche Erfahrungen prägen bis heute, wie Nutzer Risiko- und Ausfallwahrscheinlichkeiten einschätzen. Vor diesem Hintergrund wirkt es plausibel, dass sich der „Collateral Gap“ vor allem dann schließt, wenn Transparenzstandards wie Proof-of-Reserves, Audit-Nachweise und klar kommunizierte Liquidationslogiken als Branchenminimum etabliert werden. Der Markt benötigt weniger neue Produkte als vielmehr wiederholbare Sicherheitsnachweise, die auch für konservativere Zielgruppen akzeptabel sind.

Auch die regionale Verteilung ist aufschlussreich: In Australien planen Halter Kredite offenbar proaktiver in ihre Finanzplanung ein und vergleichen vor Auswahl stärker zwischen Anbietern. Das ordnet der Bericht einer fragmentierteren australischen Wettbewerbslandschaft zu, in der kein einzelner Anbieter dominiert. In den USA hingegen sei das Borrowing-Verhalten zurückhaltender, mit stärkerem Gewicht auf Vertrauen und Konfidenzbildung. Das deutet darauf hin, dass sich regulatorische Erwartungshaltungen, Kundengewohnheiten und Marktstrukturen wechselseitig verstärken. Für Enterprise-Anbieter im Hintergrund bedeutet das: Go-to-Market und Compliance-Design müssen lokal „übersetzt“ werden, nicht nur technisch implementiert.

In der Zukunft könnte sich der Collateral Gap insbesondere durch zwei Entwicklungslinien schließen: Erstens durch die Standardisierung von Nachweisen und Strukturen, sodass Nutzer und institutionelle Partner dieselbe Sicherheitslogik wiedererkennen. Zweitens durch regulatorische Klarheit in den USA und in Europa, die Krypto-gestützte Kreditprodukte planbarer macht. Für Entwickler und Plattformbetreiber entstehen daraus greifbare Chancen in der KI-gestützten Risikomodellierung (Volatilität, Stress-Szenarien), im Metrik-Reporting sowie im Auditierbarkeits-Design von Proof-of-Reserves. Wenn Anbieter die Vertrauensebene nachweisbar erhöhen, könnten langfristige Kreditnutzer stärker wachsen – und damit auch die Fähigkeit, beleihungsbasierte Liquidität in den Krypto-Markt zu integrieren.

Ledn bringt die Erwartung in einer Aussage von Mauricio Di Bartolomeo auf den Punkt: Bitcoin sei mittlerweile von Millionen Menschen gehalten und werde von regulierten Institutionen verwaltet sowie durch große Rating-Agenturen begleitet. Trotzdem sei die beleihungsbasierte Nutzung noch in den frühen Entwicklungsphasen relativ zu traditionellen Asset-Klassen. Seine zweite Kernaussage lautet sinngemäß, dass die Nachfrageseite zwar „gelöst“ sei, aber die Trust-Infrastruktur noch nachzieht. Kurzfristig ist das für Halter vor allem eine Frage, ob Liquidations- und Transparenzmechaniken die gefühlte Unsicherheit wirklich in messbare Sicherheit übersetzen. Mittelfristig entscheidet genau diese Übersetzung darüber, ob Krypto-Kredite vom Nischeninstrument zu einer skalierten Finanzierungsform werden.


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