FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Commerzbank widerspricht Unicredit im laufenden Übernahmeangebot: Die Bank hält jüngste Meldedaten für potenziell irreführend und fordert eine umfassende Prüfung durch die Aufsicht. Im Zentrum steht die Frage, warum in der Mitte der Angebotsperiode bereits Aktien im Umfang von 7,58 Prozent angedient wurden und wie sich diese Positionen wirtschaftlich herleiten lassen. Unicredit weist Unterstellungen zurück und betont, dass die Fakten wie zuvor berichtet vorliegen. Für Aktionäre und den Markt wird damit nicht nur der Preis, sondern auch die Qualität des Prozesses zur eigentlichen Streitfrage.

Der Streit um das freiwillige Übernahmeangebot von Unicredit an die Commerzbank verschärft sich: Nachdem Unicredit in den Vortagen eine klare Überschreitung der 30-Prozent-Marke angekündigt hatte, meldet sich die Commerzbank mit einer eigenen, deutlich fordernden Stellungnahme. Frankfurt kritisiert insbesondere, dass zuletzt kommunizierte Zahlen ohne zusätzliche Einordnung den Verdacht nähren könnten, es gehe darum, die Wahrnehmung des Marktes künstlich aufzublähen. Im Kern richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Zusammensetzung und Herkunft der angedienten Aktien sowie auf das Timing im Verlauf der Angebotsperiode, das laut Commerzbank „höchst ungewöhnlich“ sei.
Technisch betrachtet wirkt der Konflikt wie ein Beispiel dafür, wie wichtig saubere Datenflüsse und konsistente Interpretationen im Kapitalmarkt sind. Wenn in der öffentlichen Debatte unterschiedliche Kategorien (direkt gehaltene Aktien, angediente Bestände, Derivatepositionen sowie weitere wirtschaftliche Exposures) in einem Atemzug genannt werden, entsteht schnell ein unscharfes Bild. Die Commerzbank betont daher, dass solche Kategorien grundlegend auseinanderfallen und nicht gleichgesetzt werden sollten. Besonders relevant ist, dass die angedienten Aktien in Summe 7,58 Prozent des Gesamtvolumens ausmachen, die Herkunft und Einordnung dieser Bestände aber laut Commerzbank Fragen aufwerfen.
Die Frankfurter Seite argumentiert dabei mit einer prüfbaren Datenbasis: Nach vorliegenden Informationen habe die Commerzbank bis zu dem Zeitpunkt keine einzige Angebotsannahme eines institutionellen Investors identifizieren können. Gleichzeitig entspreche die Summe der Annahmen durch Privatanleger nach ihrer Berechnung nur einem Aktienanteil von rund 0,05 Prozent. Damit stellt die Commerzbank indirekt die Plausibilität einer Marktreaktion infrage, bei der der nominelle Fortschritt stark wirkt, die strukturelle Zusammensetzung aber nicht so recht in das bisher beobachtete Bild passe. Auch wenn die Aussage keine Schuld beweist, erhöht sie den Druck auf eine transparente Klärung, insbesondere weil sich daraus regulatorische Folgefragen ableiten könnten.
Unicredit kontert mit einer kurzen Erwiderung und betont, dass man sich nicht zu Unterstellungen äußere, die keine sachliche Grundlage hätten. Die Fakten seien wie am vorherigen Tag berichtet: Die aggregierte Position im Hinblick auf die Stimmrechte liege bei etwa 43,2 Prozent, darunter eine direkte Beteiligung von 26,8 Prozent. Bislang seien 7,6 Prozent des Aktienkapitals angedient. Am Dienstag hatten die Italiener zudem erläutert, dass sie mit dem Angebot die 30-Prozent-Hürde eindeutig überschritten hätten. Commerzbank-Aktionäre hatten demnach Anteile in Höhe von 7,58 Prozent angedient, was rechnerisch den Beteiligungsgrad auf 34,35 Prozent erhöht.
Hinter dem rechtlichen und finanziellen Rahmen steckt eine strategische Weichenstellung: Unicredit vermeidet mit dem freiwilligen Angebot bewusst ein Pflichtangebot, das bei Erreichen der 30-Prozent-Marke ausgelöst würde und im Umfeld gestiegener Kurse teurer werden könnte. Stattdessen bietet Unicredit je Commerzbank-Papier 0,485 eigene Aktien. Das ist laut Bericht auf Basis der jüngsten Schlusskurse weniger als der derzeitige Börsenwert, und Unicredit verfügt zusätzlich über Finanzinstrumente, die den Zugriff auf weitere Commerzbank-Aktien ermöglichen. So kann Unicredit 3,22 Prozent der Anteile in jedem Fall kaufen, indem die Bank Kaufoptionen zieht. Damit zeigt sich ein typisches Marktbild: nicht nur der Angebotspreis, sondern auch der „Werkzeugkasten“ für den Erwerb entscheidet über die Dynamik.
Unicredit verweist in diesem Zusammenhang auf die Resonanz der Investoren und interpretiert sie als Hinweis auf den inneren Wert der Offerte. Diese Lesart steht jedoch im Spannungsfeld zu der Kritik der Commerzbank, die zusätzlich die Kapitalmarkt- und Börsenmechanik hervorhebt: Es habe ein signifikantes Andienen gegeben, obwohl der Börsenkurs der Commerzbank-Aktie durchgehend über dem implizierten Wert der Gegenleistung gelegen habe. Dazu kommt die von Frankfurt betonte Ungewöhnlichkeit, dass Aktien gerade in der Mitte der Angebotsperiode angedient wurden. Marktbeobachter gehen daher davon aus, dass eine sorgfältige Prüfung der Vorgänge nicht nur für die aktuelle Transaktion relevant ist, sondern auch für die Glaubwürdigkeit künftiger Angebote.
Ein weiterer Akzent liegt auf dem historischen Kontext: Unicredit war bereits im September 2024 in größerem Stil bei der Commerzbank eingestiegen, unter anderem unter Nutzung eines Verkaufs von Anteilen durch den Bund. Schnell wurde Unicredit damit zum mit Abstand größten Einzelaktionär der zweitgrößten deutschen Privatbank vor dem deutschen Staat. Die Vision hinter einem Zusammenschluss lautet auf Einsparpotenziale in Milliardenhöhe. In der internen Diskussion lehnt Commerzbank-Management, Betriebsrat und Belegschaft das Vorgehen von Andrea Orcel aus ihrer Sicht als „feindlich“ ab. Auch der Aufsichtsrat und Vorstand raten Aktionären vom Andienen ab, nicht zuletzt wegen des Abschlags gegenüber dem aktuellen Kurs.
Für die Zukunft ist vor allem entscheidend, wie regulatorische Fragen und Aktionärsschutz zusammenspielen. Die Commerzbank stellt der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die relevanten öffentlich verfügbaren Informationen sowie ihre eigene Analyse zur Verfügung und fordert damit faktisch eine umfassende Prüfung, um dem Markt ein vollständiges Bild zu geben. Zusätzlich spielt die Industriesicht eine Rolle: Die Bundesebene lehnt eine feindliche Übernahme ebenfalls ab. Parallel kündigt Commerzbank an, die Aktionäre 2025 über steigende Gewinne und höhere Dividenden zu halten. In der Transaktionslogik wiederum könnte ein erfolgreicher Vollzug weitreichendere Konsequenzen haben: Nach Einschätzung der Commerzbank wären im Unicredit-Szenario deutlich mehr Stellen abzubauen als bei einer Eigenständigkeit, namentlich wird von bis zu 11.000 Jobs im Vergleich zu einem politisch beschlossenen Abbaupfad gesprochen. Damit wird das Angebot zu einer Bewertungsfrage über mehrere Dimensionen – nicht nur über Preis, Timing und Stimmrechtsquoten, sondern auch über Umsetzung, Risiko und gesellschaftliche Kosten.
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