LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Conduct hat in einer Series-A-Finanzierung 60 Millionen US-Dollar eingesammelt, um ein „agentic AI operating system“ für Unternehmen aufzubauen. Die Plattform soll Jahrzehnte an individueller Unternehmenslogik in ausführbare KI-Workflows überführen und damit Änderungen beschleunigen. SAP steigt strategisch ein und will Conduct in seine Produkte einbetten. Für den Markt bedeutet das: Agentische KI rückt vom Prototyp in die betriebliche Umsetzung – inklusive neuer Fragen zu Sicherheit, Governance und Prozessintegration.

Conduct aus London macht mit einer frischen Series-A-Runde von 60 Millionen US-Dollar einen deutlichen Schritt Richtung „Agentic AI“ in der Unternehmenspraxis. Wie aus der Branchenberichterstattung hervorgeht, führen Index Ventures und Iconiq das Investment an, während weitere Akteure wie Creandum, Lucid Capital und Bloom beteiligt sind. Besonders relevant ist die strategische Rolle von SAP: Der deutsche Softwareanbieter investiert nicht nur, sondern will Conduct zugleich in seine Produkte integrieren. Damit verschiebt sich die Debatte weg vom reinen KI-Demo-Betrieb hin zu einem Betriebssystem-Ansatz für wiederkehrende Fachaufgaben, Datenflüsse und Freigabeprozesse.
Im Kern beschreibt Conduct eine „agentic AI operating system“-Architektur, die KI-Agenten nutzt, um komplexe, historisch gewachsene Unternehmenslogik zusammenzuführen. Das ist mehr als generative Textausgabe: Entscheidend ist die Synthese von Regeln, Ausnahmen und Zuständigkeiten, die in der Regel über Jahre in Backoffice-Systemen, Integrationen und Spezialskripten verteilt sind. Technisch entspricht das einer Art Abstraktionsschicht, die Agenten mit klaren Rollen, Tools und Kontextbedingungen ausstattet. Der Anspruch lautet, dass Teams und externe Consultants Änderungen „im Handumdrehen“ veranlassen können – also ohne jedes Mal komplette Automatisierungs-Pipelines neu zu bauen.
Der Deal kommt zudem schnell: Laut Berichten folgt die Series A auf eine bereits wenige Monate zuvor geschlossene Seed-Runde über 11 Millionen US-Dollar. Diese Geschwindigkeit ist auffällig, weil agentische Systeme in Unternehmen typischerweise an zwei Hürden scheitern: Erstens müssen sie in bestehende IT-Landschaften integriert werden, zweitens braucht es belastbare Sicherheits- und Nachweisfähigkeiten. Conduct adressiert Letzteres implizit über den OS-Gedanken, denn „Betriebssystem“ bedeutet in diesem Kontext: Zustandsverwaltung, Orchestrierung und kontrollierbare Ausführung statt freier Agentenfantasie. Für IT-Abteilungen heißt das, dass sie weniger ein einzelnes Modell evaluieren, sondern ein System, das Monitoring, Zugriffskontrollen und Auditierbarkeit mitdenken soll.
Auf der Marktseite tritt sofort ein kompetitives Spannungsfeld auf. Große Plattformanbieter bauen ebenfalls agentische Funktionen, etwa im Umfeld von Microsoft Copilot, Automatisierungs- und Workflow-Tools oder auch in Ökosystemen rund um Service-Management und CRM. Hinzu kommen Sicherheits- und Datenplattformen, die Agenten an konkrete Berechtigungen binden wollen. Gleichzeitig erinnert die Unternehmensherkunft von Conduct – ehemaligen Palantir-Ingenieuren – an einen eher „systems“-orientierten Ansatz, bei dem starke Prozess- und Integrationskompetenz im Vordergrund steht. Wettbewerb heißt hier nicht nur „wer hat das beste Modell“, sondern „wer kann Agenten in heterogene Enterprise-Prozesse zuverlässig und kontrolliert einbetten“.
Branchenexperten betonen in solchen Setups häufig, dass die eigentliche Wertschöpfung im Übersetzen zwischen Fachlogik und ausführbarer Software liegt. Conduct positioniert sich offenbar genau dort: Die Plattform soll über viele Jahre kundenspezifische Regeln bündeln und in eine agentisch ausführbare Form überführen. Berichtet wird zudem von bekannten Kunden wie DHL und Fraport, was auf ein Interesse großer, komplexer Organisationen schließen lässt. Solche Kunden betrachten KI-Modernisierung meist nicht als Innovationsspielerei, sondern als Hebel für Prozesskosten, Durchlaufzeiten und Fehlerreduktion. Entscheidend ist daher, wie schnell sich neue Anforderungen in die vorhandene Governance integrieren lassen, ohne dass Compliance-Risiken steigen.
Historisch gesehen ist dieser Schritt die nächste Stufe nach regelbasierten Automatisierungen, BPM-Systemen und später der ersten Welle generativer Assistenz. Früher brauchten Unternehmen für jede neue Prozessvariante entweder Entwicklerarbeit oder starre Workflow-Designer. Moderne Agenten versprechen mehr Flexibilität, allerdings nur, wenn sie in ein kontrolliertes Ausführungsmodell eingebettet sind. Vergleichbare Ansätze gab es in Ansätzen auch bei „Low-Code“-Automatisierung und dokumentenbasierten Assistenzsystemen, doch viele Lösungen bleiben bei der Text- oder Vorschlagslogik stehen. Conduct versucht, den Weg zu einer operativen KI-Schicht zu verkürzen, indem es die Lücke zwischen Beratung, Implementierung und laufendem Betrieb adressiert.
Mit der SAP-Strategiebeziehung verschiebt sich die Frage nach der Skalierung in Richtung Ökosystem. SAP ist für viele Unternehmen der zentrale Knoten für Transaktionen, Berechtigungen und Datenmodelle; eine Einbettung von Conduct in SAP-Produkte würde agentische Workflows näher an die Systeme bringen, in denen Entscheidungen und Ausführungen stattfinden. Für IT-Leiter und Security-Teams ist das zweischneidig: Einerseits sinken Integrationskosten, weil Schnittstellen bereits vorhanden sind. Andererseits steigt die Verantwortung, denn Agenten müssen streng nach Rollen arbeiten, dürfen Daten nicht unkontrolliert exfiltrieren und müssen Ergebnisse so protokollieren, dass Audits möglich sind. Hier werden Themen wie least-privilege, Secret-Handling, Datenklassifizierung und rollenbasierte Tool-Freigaben schnell zu Kernanforderungen.
Die Finanzierung und die wachsende Teamstärke – von 38 Mitarbeitenden auf Zielgröße 100 bis Jahresende – deuten darauf hin, dass Conduct im nächsten Schritt verstärkt in Produktisierung, Integrationsfähigkeit und Betrieb investiert. Für Entwickler und Systemintegratoren bedeutet das eine Chance, weil agentische „Enterprise OS“-Schichten neue Customization-Interfaces brauchen: Konnektoren, Policy-Engines, Workflow-Sandboxing und robuste Fehlerbehandlung. Gleichzeitig verschärft sich die Erwartung an Qualitätssicherung, etwa durch deterministischere Ausführungswege, nachvollziehbare Entscheidungszusammenfassungen und abgestufte Freigemechanismen. Der Markt wird daher beobachten, ob Conduct nur überzeugende Use-Cases liefert oder ob es wirklich einen wiederverwendbaren, wartbaren OS-Stack bereitstellt.
Ausblickend dürfte die nächste Wettbewerbsphase weniger über reine Fundraising-Metriken entschieden werden, sondern über messbare Betriebskennzahlen: Wie schnell lassen sich neue Fachregeln integrieren? Wie gut werden Abweichungen erkannt und korrigiert? Und wie sicher lassen sich Agenten in produktiven Umgebungen halten, ohne dass Governance-Teams dauerhaft „nachprüfen müssen“? Wenn Conduct den „Snap of a finger“-Anspruch mit belastbaren Kontrollmechanismen kombiniert, könnte agentische KI in standardisierte Enterprise-Prozesse übergehen. In den kommenden Monaten dürfte besonders die SAP-nahe Roadmap zeigen, ob sich der Ansatz als skalierbare Plattform gegen etablierte Automatisierungs- und Workflow-Ökosysteme behaupten kann.
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