HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Continental startet mit einem starken zweiten Quartal 2026 in die finale Phase seiner Neuaufstellung. Der Konzern erhöht das bereinigte EBIT auf 570 Millionen Euro und bringt die bereinigte EBIT-Marge auf 12,9 Prozent. Gleichzeitig treibt das Unternehmen die Entflechtung voran: Anfang Juli unterzeichnete es den Vertrag zum Verkauf von ContiTech, ContiTech wird künftig als nicht fortgeführte Aktivität ausgewiesen. Für Tires setzt Continental unterdessen auf höhere Reifenanteile ab 18 Zoll und verbesserte Cashflow-Kennzahlen, während die schwächere Konjunktur im Hintergrund bleibt.

Continental beschreibt sein zweites Quartal 2026 als Fortschritt in einer Phase, die operativ schon läuft, strukturell aber noch nicht komplett abgeschlossen ist. Der Konzernumsatz sinkt zwar auf 4,4 Milliarden Euro (Q2 2025: 4,9 Milliarden Euro), doch die Ergebnisqualität steigt spürbar: Das bereinigte EBIT klettert auf 570 Millionen Euro, und die bereinigte EBIT-Marge verbessert sich auf 12,9 Prozent nach 9,6 Prozent im Vorjahr. Damit verschiebt sich das Bild von einem reinen Umsatz-getriebenen Quartal hin zu einer Ertrags- und Cashflow-Story – ein Muster, das bei laufenden Portfolio-Korrekturen typisch ist, weil sich Kosten- und Margeneffekte oft früher zeigen als die volle Auswirkung der Marktvolumina.
Technisch und operativ wird die Ergebniswende bei Tires insbesondere über Produktmix und externe Einflussfaktoren erklärt. Continental nennt einen höheren Anteil von Reifen ab 18 Zoll als Haupttreiber der Marge. Dahinter steckt im Kern nicht nur eine Absatzverschiebung, sondern auch eine bessere Nutzung der Fertigungs- und Logistikkapazitäten für höherwertige Spezifikationen. Daneben wirken laut CFO Roland Welzbacher geringere Wechselkurs- und Zolleinflüsse sowie positive Effekte aus Rohmaterialpreisen. Genau diese Kombination ist für Automotive-Zulieferer entscheidend, weil Reifenindustrie häufig von Rohstoff- und Währungsvolatilität geprägt ist, während gleichzeitig die Lieferkette durch Konjunkturzyklen belastet werden kann.
Während Tires also die Marge verbessert, bleibt der Markt konjunkturell gedämpft. Continental verweist auf rückläufige Reifenersatzmärkte in Nordamerika sowie auf eine weltweit rückläufige Automobilproduktion im zweiten Quartal. In Europa wächst der Reifenersatzmarkt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge importbedingt um 3 Prozent, in Nordamerika geht er dagegen um 1 Prozent zurück. Diese Mischung zeigt, dass regionale Nachholeffekte zwar auftreten können, aber nicht automatisch die globale Nachfrage stützen. Für die Planung bedeutet das: Preispolitik, Material- und Währungshebel müssen kurzfristig stärker wirken, um nicht in eine reine Volumen-Logik zurückzufallen.
Der strategische Teil der Neuaufstellung wird parallel klarer konturiert. Anfang Februar 2026 hatte Continental bereits das Geschäftsfeld Original Equipment Solutions (OESL) verkauft, was den Konzernumsatz im zweiten Quartal wesentlich mit erklärt. Jetzt folgt der nächste Schritt: Anfang Juli unterzeichnete der DAX-Konzern den Vertrag über den Verkauf von ContiTech an Lone Star Funds. ContiTech wird damit künftig als nicht fortgeführte Geschäftsaktivität ausgewiesen und nicht mehr im Konzernausblick berücksichtigt. Wichtig ist hier der rechtliche und prozessuale Rahmen: Der Vollzug der Transaktion steht laut Unternehmen unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen, insbesondere der Freigabe durch Kartellbehörden, sowie weiterer marktüblicher Vollzugsbedingungen; ein Abschluss zum Jahreswechsel ist möglich, aber nicht als sicher dargestellt.
Die Zahlen zeigen zudem, wie Continental den Umbau finanziell abfedert. Das Nettoergebnis liegt bei 274 Millionen Euro (Q2 2025: 506 Millionen Euro) und geht laut Mitteilung im Wesentlichen auf den Spin-off von Aumovio zurück. Gleichzeitig steigt der bereinigte Free Cashflow auf 216 Millionen Euro (Q2 2025: -46 Millionen Euro). Damit wird ein Ziel der Neuaufstellung sichtbar: Nicht nur die operative Marge soll besser werden, auch die Mittelbindung soll sich stabilisieren. Gleichzeitig mahnt das Management eine neue Kostenphase an: Für die zweite Jahreshälfte rechnet Continental mit deutlich höheren Kosten für Rohmaterialien und sagt, dass bereits Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Diese Aussage ist für den Markt relevant, weil sie ein verbreitetes Muster bestätigt: Rohmaterialpreis-Effekte können kurzfristig Rückenwind liefern, kippen aber in der Planung meist schneller als mancher Marktteilnehmer erwartet.
Interessant ist, wie Continental die operative Seite der Tires-Strategie bereits konkretisiert – also dort, wo Industrieinvestitionen in den Ergebniserzählungen des Managements oft nur am Rand auftauchen. Im Reifenbereich nennt die Mitteilung mehrere Projekte entlang der Wertschöpfung: In Korbach setzt Continental erstmals auf einen unternehmenseigenen Windpark zur Energieerzeugung; drei Windenergieanlagen sollen gemeinsam mit bestehenden Photovoltaikanlagen rund zwei Drittel des Strombedarfs des Reifenwerks decken. In Mount Vernon (Illinois) entsteht ein neues, hoch automatisiertes Fertigwarenlager, dessen Inbetriebnahme für 2027 geplant ist; Ziel ist eine Kapazität von rund 500.000 Pkw-Reifen und damit eine höhere Liefergeschwindigkeit sowie modernere Logistik am größten Reifenstandort in den USA. In Rayong startet das Unternehmen zudem die Produktion von Radial-Motorradreifen und baut die jährliche Kapazität für Pkw- und leichte Nutzfahrzeuge um rund drei Millionen Reifen aus – mit Investitionen von mehr als 300 Millionen Euro. Solche Maßnahmen sind aus technischer Sicht mehr als „CAPEX als Leuchtturm“: Automatisierung in Lager und Distribution reduziert Durchlaufzeiten, während Energieversorgung und Kapazitätsausbau die Stabilität der Fertigungsplanung erhöhen.
Für Anleger und Entscheider ist der Ausblick deshalb zweischneidig. Continental erwartet für die fortgeführten Aktivitäten einen Umsatz in einer Bandbreite von rund 13,2 bis 14,2 Milliarden Euro und eine bereinigte EBIT-Marge von rund 12,0 bis 13,5 Prozent. Die Prognose für Tires liegt dabei höher: Umsatz ebenfalls 13,2 bis 14,2 Milliarden Euro, aber eine bereinigte EBIT-Marge von rund 13,0 bis 14,5 Prozent. Zusätzlich nennt das Unternehmen Investitionen vor Finanzinvestitionen von rund 7,0 bis 8,0 Prozent vom Umsatz und einen bereinigten Free Cashflow von rund 0,7 bis 1,1 Milliarden Euro. Für die nicht fortgeführten Aktivitäten von ContiTech erwartet Continental operativ ohne Auswirkungen des IFRS-5-Standards einen Umsatz von rund 4,2 bis 4,8 Milliarden Euro sowie eine bereinigte EBIT-Marge von rund 7,0 bis 8,5 Prozent. In Summe macht das Quartal deutlich: Die Neuaufstellung ist nicht nur ein rechtliches Entflechtungsprojekt, sondern wird über operative Hebel in Tires, über Energie- und Logistikinvestitionen sowie über eine stärker auf Cashflow ausgerichtete Steuerung in den Kennzahlen sichtbar.
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