DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Chef der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, drängt auf einen zusätzlichen Kapitalstock in der gesetzlichen Pflegeversicherung. Der Fonds soll über Beteiligungen an Aktien- und Anleihefonds funktionieren und damit künftige Finanzlücken abfedern. Storm koppelt den Aufbau an einen schrittweisen Zuschlag: 0,1 Prozent ab 2028, steigend bis 0,4 Prozent bis 2031. So sollen laut seiner Rechnung jährlich bis zu acht Milliarden Euro in das Pflege-Kapital fließen.

Der Vorstandschef der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, bringt eine Debatte in die gesetzliche Pflegeversicherung, die bislang vor allem aus der Rentenpolitik bekannt ist: Er will einen zusätzlichen Kapitalstock etablieren. Die Logik dahinter ist klar: Während in der Rente bereits Modelle zur Teilkapitaldeckung diskutiert werden, sieht Storm in der Pflege eine noch stärkere Belastung durch den demografischen Druck. In einem solchen Aufbau könnten zukünftige Kosten weniger stark ausschließlich über laufende Beiträge gedeckt werden, heißt: Man würde mehr finanziellen Puffer in ruhigen Jahren ansammeln, um in angespannten Phasen nicht sofort Leistungsanpassungen vornehmen zu müssen.
Technisch betrachtet geht es dabei um eine Asset-Liability-Logik, die in der Sozialversicherung bisher weniger im Vordergrund steht als im klassischen Fondsmanagement. Storm beschreibt einen Kapitalstock, der aus Beteiligungen an Aktien- und Anleihefonds bestehen soll. Genau diese Mischung zielt darauf ab, Renditechancen über einen längeren Zeithorizont zu nutzen, ohne sich vollständig dem Kursrisiko von Aktien auszusetzen. Der entscheidende Punkt ist die Abstimmung zwischen erwarteten Zahlungsströmen der Pflegeleistungen und der Risikoausstattung des Portfolios, also eine Art „Versicherungsbilanz“ für die Zukunft. Schwankungen wären dabei einkalkuliert, aber nicht beliebig.
Als Referenz nennt Storm Schweden, das im europäischen Vergleich häufig als Vorbild für kapitalgedeckte Elemente genannt wird. Der Marktvergleich mit der Rentenversicherung wirkt wie ein taktischer Hebel: Dort wird Teilkapitaldeckung als Option diskutiert, um die Abhängigkeit von Beiträgen allein zu reduzieren. Storm argumentiert, die Finanzkrise in der Pflege sei „schärfer“ als bei der Rente. Er verknüpft das direkt mit einer Risikoaussage, die die politische Dringlichkeit erhöht: Wenn man nichts tue, müssten Pflegeleistungen künftig in kurzen Abständen gekürzt werden. Damit verschiebt sich die Diskussion von „reparieren“ zu „vorausschauend finanzieren“.
Finanzierungsseitig nennt Storm eine konkrete Stufenlösung, die auch für Arbeitgeber und Beschäftigte kalkulierbar sein soll. Er schlägt einen Zuschlag in der Pflegeversicherung vor, der im Jahr 2028 mit 0,1 Prozent startet und bis 2031 schrittweise auf 0,4 Prozent ansteigt. Laut Storm wird dieser Beitrag von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu gleichen Teilen getragen. Der Effekt auf den Gesamtsatz läge damit rechnerisch bei einem Anstieg von 3,6 auf 4,0 Prozent. In der Rechnung erzeugt das jährlich zusätzlichen Zufluss von acht Milliarden Euro in den Pflege-Kapitalstock – genug Volumen, um die Kapitalbildung früh genug anzustoßen, ohne die Finanzierung nur in die ferne Zukunft zu verschieben.
Die Markt- und Governance-Frage ist dabei mindestens so wichtig wie die Höhe der Zuflüsse. Sobald Kapital in Fonds fließt, entstehen neue Anforderungen an Anlagepolitik, Kostenkontrolle und Aufsicht: Fragen wie Rebalancing, Durationssteuerung bei Anleihen oder das Management von Aktienrisiken müssen institutionalisiert werden. Für viele Versicherer und Pensionsfonds ist das Standard, für Sozialkassen jedoch ein Kultur- und Prozesswechsel. Darüber hinaus spielt Regulierung eine Rolle: In der EU und im deutschen Aufsichtsrahmen sind Transparenz, Risikomanagement und Interessenkonflikte zentrale Themen, damit Kapitalanlagen nicht zu politischen Werkstatt-Beschlüssen werden. Gerade weil es sich um Mittel für Pflegeleistungen handelt, steigt der Erwartungsdruck an nachvollziehbare Entscheidungen.
Aus Unternehmens- und Branchenperspektive ist der Vorschlag vor allem ein Signal, dass sich auch in der Pflege künftig mehr „Finanzierungs- und Datenkompetenz“ durchsetzen dürfte. Wer Pflegedaten, Abrechnungsprozesse oder IT für Versorgungslandschaften betreibt, könnte perspektivisch stärker mit Prognose- und Reporting-Workflows konfrontiert werden, etwa wenn Kapitalflüsse und Leistungsszenarien enger mit Planungssystemen gekoppelt werden. Politisch bleibt dennoch die offene Frage, wie realistisch die Annahmen zur Rendite und zur Entwicklung der Beitragslast sind und wie man Schwankungen abfedert, ohne in Krisenjahren erneut Leistungsparameter zu verschieben. Wenn die Idee breite Zustimmung findet, könnte das zu mehr Investitionsvolumen in den Kapitalmärkten führen und zugleich die Debatte über Teilkapitaldeckung in Europa weiter anheizen.
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