LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Dax-Konzerne haben seit dem Ende der Nullzinsphase 2022 ihre Nettofinanzschulden um 22 Prozent auf 196 Milliarden Euro reduziert. Gleichzeitig wuchs das Eigenkapital um 21 Prozent auf den Rekordwert von 991 Milliarden Euro, wodurch die Verschuldungsquote von 30,8 auf 19,8 Prozent sank. Die Bundesbank warnt derweil, dass Banken die Kreditvergabestandards weiter verschärfen wollen, wodurch das Refinanzierungsumfeld deutlich anspruchsvoller wird. Der Trend wird aber von Ausreißern durchkreuzt: Während SAP und Fresenius ihre Last stark abbauen, steigen sie bei BASF, Eon und RWE teils deutlich.

Dax-Konzerne senken Nettoschulden: 22 Prozent weniger seit 2022
Dax-Konzerne senken Nettoschulden: 22 Prozent weniger seit 2022 (Foto: IT BOLTWISE)
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Nach dem Ende der Nullzinsphase 2022 mussten viele börsennotierte Konzerne nicht erst ihre Investitionspläne überdenken, sondern auch ihre Finanzierungslogik. Eine Auswertung der Schuldensituation von Dax-Konzernen (ohne Finanzdienstleister) zeigt, wie stark das Zinsumfeld inzwischen in den Bilanzen ankommt: Seit 2022 reduzierten die Konzerne ihre Nettofinanzschulden um 22 Prozent auf 196 Milliarden Euro. Parallel kletterte das Eigenkapital um 21 Prozent auf 991 Milliarden Euro – das wirkt nicht wie ein reiner Buchungseffekt, sondern wie eine kombinierte Strategie aus weniger Verschuldung, höheren Cashflows und einer Bilanzpolitik, die angesichts steigender Finanzierungskosten vorsichtiger geworden ist. Entsprechend sank die Verschuldungsquote von 30,8 auf 19,8 Prozent, also über mehrere Jahre hinweg in eine messbar günstigere Richtung.

Technisch betrachtet entscheidet in diesem Umfeld weniger die absolute Schuldenhöhe als das Zusammenspiel aus Refinanzierungsbedarf, Zinsniveau und Ertragskraft. Höhere Zinsen bedeuten nicht nur, dass neue Schulden teurer werden, sondern auch, dass auslaufende Altverbindlichkeiten sukzessive zu höheren Sätzen neu bepreist werden. Die Europäische Zentralbank erhöhte ihren Leitzins zuletzt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent. Für Unternehmen heißt das: Die Terminmärkte rechnen bis Mitte 2027 mit drei weiteren Zinsschritten, jeweils um 0,25 Prozentpunkte nach oben – und damit mit weiter steigenden Kredit- und Anleihezinsen. Zusätzlich wird der Preisdruck konkret messbar: Der durchschnittliche Zinssatz für neue Bankkredite liegt nach Angaben der Deutschen Bundesbank inzwischen bei 3,8 Prozent, nach 3,2 Prozent ein Jahr zuvor. Wer dann noch eine schwächere Bonität mitbringt, zahlt oft doppelt – über höhere Spreads und über strengere Konditionen.

Genau hier setzt auch der Blick auf die Unternehmensstrategien an. SAP drehte das Verhältnis besonders klar: Aus Nettofinanzschulden von 3,8 Milliarden Euro wurde ein Nettofinanzguthaben von 1,1 Milliarden Euro; brutto standen 10,5 Milliarden Euro Schulden einem Barvermögen von 11,6 Milliarden Euro gegenüber. Fresenius zeigt im Gesundheitssektor ein ähnliches Muster, wenn auch aus einem anderen Ausgangspunkt: Die Nettofinanzschulden fielen von 24 Milliarden Euro zum Ende des Geschäftsjahres 2021 auf 10,6 Milliarden Euro zuletzt. Auf der anderen Seite stehen Konzerne, bei denen die Schuldenlast nach der Nullzinsphase nicht im gleichen Tempo zurückging. Unter anderem BASF, Eon und RWE werden in der Auswertung zusammen mit Bayer und Continental (mit dennoch reduzierter Last) als Gruppe genannt, die ein vergleichsweise ungünstiges Verhältnis von Nettofinanzschulden zum operativen Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) aufweist. Aus Marktsicht ist das relevant, weil diese Kennzahl direkt beeinflusst, wie investitionsfähig ein Unternehmen bleibt, wenn Banken und Investoren den Hebel stärker mit Sicherheitsanforderungen koppeln.

Damit rückt das Kreditumfeld in den Vordergrund. Laut Kreditumfrage der Bundesbank haben deutsche Banken ihre Richtlinien für Unternehmenskredite im ersten Halbjahr weiter gestrafft; zusätzlich erwartet der Ausblick auf weitere Quartale eine Verschärfung der Kreditvergabestandards in wesentlichen Segmenten. Für Unternehmen bedeutet das eine Verschiebung der Prioritäten: Nicht nur Tilgung zählt, sondern auch die Verringerung der Abhängigkeit von Bankkrediten und der Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten. Einige Konzerne versuchen, den finanziellen Druck über gezielte Kapitalmaßnahmen abzufedern. Bayer etwa sichert sich kurzfristig Liquidität, indem sich ein US-Finanzinvestor an einer neuen Bayer-Gesellschaft zur Vermarktung von Langzeitverhütungsmitteln beteiligt. Der Deal soll dem Leverkusener Konzern drei Milliarden Euro zuführen, um die finanzielle Flexibilität angesichts eines erhöhten Liquiditätsbedarfs durch Anleihefälligkeiten und Rechtsstreitigkeiten zu steigern. Für die Ratingagenturen ist das ein Signal, das im Idealfall nicht nur Liquidität liefert, sondern auch die Risikoabschätzung stabilisieren soll – denn sinkende Ratings würden neue Schulden spürbar verteuern.

Auch BASF nutzt einen Ansatz, der die Zeitachse der Refinanzierung in den Fokus nimmt. Zwar sind die Nettofinanzschulden seit 2022 um 2,1 Milliarden Euro gestiegen, doch der Konzern will die Nettoverschuldung deutlich reduzieren und kündigte an, noch im laufenden Jahr Anleihen und Darlehen im Volumen von 1,6 Milliarden Euro vorzeitig zurückzuzahlen. Die kurzfristige operative Lage hilft: BASF profitiert im laufenden Jahr von einer Absatz- und Preisstützung, nachdem eine wochenlange Sperrung der Straße von Hormus zu Engpässen in der Versorgung der Petrochemie geführt und Abnehmer auf europäische Lieferanten ausgewichen waren. Gleichzeitig zeigt BASF, dass Schuldenabbau und Ergebnisstärke nicht automatisch zusammenfallen: Der Konzern musste im vergangenen Jahr 893 Millionen Euro für Zinsen aufbringen, bei einem Ebit von 2,1 Milliarden Euro. Parallel kündigte BASF an, die Organisation des Kerngeschäfts zu straffen, um zahlungswirksame Fixkosten bis 2029 gegenüber 2024 um bis zu 20 Prozent zu senken.

Besonders stark wird das Spannungsfeld zwischen Schuldenmanagement und Investorenerwartungen bei der Deutschen Telekom sichtbar. Mit 132 Milliarden Euro Nettofinanzschulden zählt sie im Dax zu den am höchsten verschuldeten Konzernen; zugleich lag die Zinsbelastung im vergangenen Geschäftsjahr bei 6,5 Milliarden Euro. Dennoch steht der Schuldenabbau für den Konzern bislang nicht im Zentrum. Der Grund liegt unter anderem in umfangreichen Aktienrückkäufen: In den vergangenen vier Jahren erwarben Telekom und ihre US-Tochter T-Mobile eigene Aktien im Gesamtwert von 43 Milliarden Euro. Außerdem plant das Management, das laufende Rückkaufprogramm um bis zu drei Milliarden Euro aufzustocken, sodass das Gesamtvolumen bis zu fünf Milliarden Euro beträgt. Das ist aus Sicht vieler Investoren plausibel, weil Rückkäufe die Zahl ausstehender Aktien reduzieren und damit Gewinne und Dividenden rechnerisch auf weniger Anteilsscheine verteilen. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Frage für das Kreditprofil: Wie gut hält die Ertragskraft dagegen? Die Telekom weist ein Ebit von 24,8 Milliarden Euro aus – damit liegt sie beim Verhältnis von Schulden zu Ebit im unteren Mittelfeld der Dax-Konzerne, was erklärt, warum die Bilanz nicht sofort unter Verwerfung leidet. Dennoch sind die Refinanzierungsdaten relevant: In den kommenden Jahrzehnten fallen insgesamt 45,8 Milliarden Euro für laufende Anleihen und Kredite an; bei Anleihegläubigern hat die Telekom 95 Milliarden Euro geliehen, davon sollen bis Ende 2029 Anleihen im Volumen von 24 Milliarden Euro fällig werden, während Teile erst weit später auslaufen.

Am Ende zeigt die Gesamtstatistik ein zweigeteiltes Bild: Während elf Dax-Konzerne mehr Bares als Schulden haben und damit keinerlei akutes Schuldenproblem besitzen, gibt es dennoch Ausreißer, bei denen die höhere Zinslast nachwirkt. Vonovia etwa verlor in den vergangenen sechs Monaten knapp 30 Prozent an Börsenwert; als Hauptgrund gelten neben politischen Diskussionen in Berlin vor allem die hohen Schulden, die der Konzern durch den Verkauf von Wohnungen und Immobilien im Volumen von mehr als einer halben Milliarde Euro abbauen will. Die Nettofinanzverschuldung sank seit 2022 immerhin um 4,4 auf 40 Milliarden Euro. Fresenius wiederum konnte durch die Abspaltung von Fresenius Medical Care und den Verkauf von Beteiligungen seine Finanzlage spürbar stabilisieren; dadurch wurden neue Schuldscheine deutlich günstiger möglich als noch vor Jahren, als Zinssätze von mehr als fünf Prozent nötig waren. Für Unternehmen und Finanzierungsteams ergibt sich daraus eine klare technische Lehre: In einem höheren Zinsregime gewinnt die Kombination aus Schuldenabbau, Timing der Fälligkeiten und Aufrechterhaltung der Bonität – und wer wie SAP, Fresenius oder auch Teile der Autobauer auf Netto-Positionen setzt, schafft damit auch Spielraum für Investitionen, während der Markt zugleich restriktiver bei der Kreditvergabe wird.


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