LONDON (IT BOLTWISE) – Der DAX startet am Dienstag mit 0,3 Prozent fester und bleibt trotz weiter ungelöster Konfliktrisiken im Nahen Osten relativ stabil. Während die Anleger auf Signale aus der Berichtssaison warten, rückt vor allem die Frage in den Fokus, ob die Erholung bei Chipwerten aus Asien auf Deutschland und Europa übergreift. Gleichzeitig erhöht US-Präsident Donald Trump den Zoll-Druck gegenüber Kanada, was die Konjunkturerwartungen zusätzlich beeinflusst. Für die EZB entscheidet sich am Donnerstag, ob es bei einer Zinspause bleibt oder neue Impulse für die Zinsdiskussion kommen.

Der deutsche Leitindex sucht auch am Dienstag spürbar Richtung, ohne dabei klar in einen Trendmodus zu geraten. Zum Handelsstart gewinnt der DAX 0,3 Prozent auf 24.922,10 Punkte. Nach zwei Verlustwochen in Folge hatte sich der Index bereits zum Wochenstart stabilisiert, doch die makroseitigen Auslöser bleiben uneinheitlich. Besonders im Hintergrund steht die Lage zwischen den USA und dem Iran, die kurzfristig kaum einkalkulierbare Schwankungen auslösen kann. Genau in dieser Gemengelage wirkt die aktuelle Stabilität weniger wie ein ausgemachter Aufwärtstrend, sondern eher wie ein Abwarten, das an der nächsten Nachrichtenlage hängt.
Als belastender Faktor gilt, dass Vermittlungsversuche für eine neue Waffenruhe zwar diskutiert werden, die letzten Nächte aber dennoch von anhaltenden Militärschlägen geprägt waren. Marktanalyst Jochen Stanzl von der Consorsbank bringt das in einer nüchternen Spannungsformel auf den Punkt: Die Lage bleibe unberechenbar, weil parallel Angriffe und Bemühungen laufen. Aus Handelssicht bedeutet das: Der DAX hat zuletzt eine relativ enge Spanne zwischen 24.700 und 25.100 Punkten etabliert. Solche Bandbreiten entstehen oft dann, wenn Käufer und Verkäufer zwar Risiken sehen, aber noch kein belastbarer Auslöser vorhanden ist, der eine Seite eindeutig stärker macht. Entsprechend warten Anleger laut Stanzl auf Signale aus der Berichtssaison, um neue Engagements begründen zu können. Damit verschiebt sich der Fokus weg von großen, unmittelbaren Makro-Impulse hin zu Unternehmensdaten, Margenhinweisen und Ausblicken.
Parallel dazu spielt die nächste Sektorfrage in den Kursen eine Rolle: Halbleiter. Nach einem weltweiten Abverkauf zeigt sich in Asien eine Stabilisierung, und dort legen der Nikkei 225 sowie der südkoreanische KOSPI erkennbar zu. Das ist für den DAX insofern relevant, als deutsche Halbleiterwerte zuletzt ebenfalls unter Druck geraten sind. Besonders Infineon stand im Fokus. Wenn eine Erholungswelle, die zunächst in Asien sichtbar ist, nicht nur dort bleibt, sondern auf europäische Orders übergreift, kann das im Leitindex spürbar Gewicht bekommen, weil Chipwerte häufig als Gradmesser für den zyklischen Tech- und Industrieausblick gelten. Für Dienstag heißt das: Entscheidend ist, ob die Stimmung aus Asien die Kaufbereitschaft auch in Deutschland stärkt oder ob Anleger die Bewegung vorerst als reine Gegenreaktion werten.
Während die Marktteilnehmer also auf Unternehmensmeldungen und Sektor-Impulse blicken, kommt aus den USA zusätzlich ein politischer Faktor ins Spiel. US-Präsident Donald Trump hat einen zusätzlichen Zoll von 50 Prozent auf bestimmte Güter aus Kanada verhängt, darunter Wein, Hockeyschläger und Zement. Begründet wird das Vorgehen mit einer Reaktion auf die von den USA als „diskriminierende Behandlung“ beschriebenen Maßnahmen gegenüber US-amerikanischen Produkten. Ausgenommen sind jedoch einzelne Sektoren und Güter, etwa Energie, Kali, Fisch sowie kritische Mineralien. Die Detailwirkung solcher Tarife hängt in der Praxis stark davon ab, welche Lieferketten und Abnehmer betroffen sind und wie schnell Unternehmen Substitutionen oder Umstellungen in der Beschaffung umsetzen können. Zusätzlich zeitlich strukturiert: Die Zölle sollen 30 Tage nach der Unterzeichnung in Kraft treten. Auf den Markt wirkt das häufig wie eine langsam einkalkulierte Konjunktur- und Kostenunsicherheit, nicht wie ein sofortiger Schock.
Für die europäische Geldpolitik steht derweil ein widersprüchliches Risiko-Set im Raum. Die EZB dürfte sich angesichts der Entwicklung im Nahen Osten auf einem schmalen Grat zwischen Inflationsrisiken und Wachstumssorgen bewegen. Im Juni hatte die EZB die Zinsen angehoben, als eine Entspannung im Iran-Konflikt in greifbare Nähe rückte. Nun aber kehrt die Unsicherheit zurück, und höhere Energiepreise würden die Inflation treiben, während gleichzeitig die ohnehin schwache Konjunktur weiter belastet werden könnte. Alexander Raviol vom Vermögensverwalter Lupus Alpha erwartet deshalb für den EZB-Entscheidungstermin am Donnerstag eine Zinspause. Entscheidend dürfte laut seiner Einschätzung aber sein, ob EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Erwartung steigender Zinsen im September bestätigt oder bewusst Spielraum offenhält. Genau diese Art von Forward-Guidance beeinflusst die kurzfristigen Finanzierungsbedingungen und damit auch die Bewertungslogik für Aktien.
Auch eine zweite Perspektive auf die Zinslage macht die Spannung sichtbar. Robert Greil von der Privatbank Merck Finck sieht bei weiter steigenden Ölpreisen kaum einen Weg an einer zweiten Zinserhöhung in diesem Jahr vorbei. Gleichzeitig rechnet er mit einer Stabilisierung der Preise in den kommenden Wochen, was die Leitzinsen dann auf einem vergleichsweise stabilen Niveau halten könnte. Für Anleger ist das ein Unterschied in der Erwartungsbildung: Bei einer Zinspause mit offenem Kommunikationskurs kann der Markt die Unsicherheit eher in die Zukunft verschieben. Bei einer klareren Aussage in Richtung weiterer Erhöhungen steigt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass Risikoaufschläge und Diskontierungsfaktoren kurzfristig neu justiert werden. In der Zwischenzeit bleibt die Energieseite damit ein Trigger, der sowohl Inflations- als auch Konjunkturannahmen verschiebt.
Unterm Strich ist die Kurslage auch deshalb bemerkenswert, weil Rekordniveaus zwar nicht verschwunden sind, aber derzeit nicht aktiv „eingepreist“ werden. Anfang Juli hatte der DAX an drei aufeinanderfolgenden Handelstagen neue Rekorde markiert; das aktuelle Allzeithoch liegt vom 6. Juli bei 25.900,10 Indexpunkten. Mit dem Schlusskurs vom selben Tag bei 25.817,89 Zählern war der Index ebenfalls auf dem höchsten Stand aller Zeiten in den Feierabend gegangen. Dass „neue DAX-Rekorde“ aktuell kein Thema zu sein scheinen, passt zur beschriebenen Spanne und zum abwartenden Handelsverhalten. Der Blick der Marktteilnehmer richtet sich nun vielmehr auf die nächste psychologisch wichtige Schwelle: 25.000 Punkte. Ob diese Marke in der laufenden Woche erreichbar wird, hängt daran, ob die Stabilisierungstendenzen aus dem Halbleitersektor in Europa ankommen und ob die EZB-Kommunikation am Donnerstag den Druck aus der Zinsdebatte nimmt oder neu schürt.
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