LONDON (IT BOLTWISE) – Der DAX startet stabil in den Dienstag, rutscht aber im Tagesverlauf wieder an die „Nulllinie“ zurück, während Nahost als Unsicherheitsfaktor im Hintergrund bleibt. Gleichzeitig setzen steigende Ölpreise und ein frischer Zollimpuls neue Erwartungen an die Europäische Zentralbank unter Druck. Für Anleger wird damit die Frage wichtiger, ob Energie- und Inflationsrisiken die Wachstumsbremse überdecken – oder ob die EZB im Ergebnis pausiert. Parallel liefert die Erholung bei Chipwerten in Asien einen spürbaren Dämpfer für den Risikoappetit.

DAX trotzt Nahost-Risiken, während Öl und Zölle die EZB-Debatte verschärfen
DAX trotzt Nahost-Risiken, während Öl und Zölle die EZB-Debatte verschärfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Dienstag beginnt für den deutschen Leitindex zunächst ohne große Schlagseite. Zum Handelsstart steigt der DAX um 0,3 % auf 24.922,10 Punkte, doch später nimmt die Spannung wieder zu: Berichten zufolge werden am Nachmittag die Unsicherheiten größer, und der Index fällt erneut an die „Nulllinie“ zurück. Dass der Markt diese Schwingung trotz weiter ungelöster Konfliktlage zwischen den USA und dem Iran überhaupt aushält, zeigt vor allem eines: Viele Marktteilnehmer handeln derzeit in Erwartung kurzfristiger Signalwechsel statt in klaren Trendwetten.

Der Treiber dafür liegt weniger in der Technik der Börse selbst als in den makroökonomischen Übertragungswegen. In Nahost berichten Vermittler zwar über den Versuch, eine neue Waffenruhe zu erreichen, gleichzeitig dauern die US-Militärschläge im Iran nach Angaben aus dem Marktumfeld bereits mehrere Nächte an. Die Folge ist ein Gemisch aus „Frieden ja, Risiko bleibt“, das sich in der Preisfindung niederschlägt. Marktanalyst Jochen Stanzl ordnet das als unberechenbar ein: „Die Lage in Nahost bleibt unberechenbar. Gegenseitige Angriffe und parallel dazu stattfindende Friedensbemühungen – wohin das Pendel als Nächstes ausschlagen wird, kann niemand verlässlich sagen.“ Auf dieser Basis beschreibt er auch die bisherige Strategie der Anleger: Der DAX habe zuvor eine Handelsspanne zwischen 24.700 und 25.100 Punkten etabliert, nun warteten Investoren auf Signale aus der Berichtssaison, um neue Engagements zu begründen.

Während die Geopolitik den Takt vorgibt, kommt mit der Energiekomponente ein zweiter Mechanismus hinzu: Ölpreise wirken direkt auf Kostenstrukturen und indirekt über Inflationserwartungen auf Zinsentscheidungen. In diese Gemengelage fällt zusätzlich der Zolldruck aus den USA: US-Präsident Donald Trump verhängt einen zusätzlichen Zoll von 50 % auf bestimmte Waren aus Kanada, darunter Wein, Hockeyschläger und Zement. Das Weiße Haus begründet die Maßnahme mit einer Reaktion auf die „diskriminierende Behandlung“ US-amerikanischer Produkte durch Kanada. Wichtig für die Marktdynamik ist dabei die Kombination aus Umfang und Zeitplan: Die Zölle sollen 30 Tage nach der Unterzeichnung in Kraft treten und betreffen kanadische Güter im Wert von etwa 20 Milliarden US-Dollar; gleichzeitig sollen einige Bereiche wie Energie, Kali, Fisch oder kritische Mineralien ausgenommen sein. Für europäische Investoren ist das vor allem deshalb relevant, weil Handelskonflikte die Konjunkturerwartungen und damit das Zinsumfeld beeinflussen können – selbst wenn der direkte Impuls zunächst außerhalb der Eurozone ansetzt.

Damit wird die EZB-Entscheidung am Donnerstag zu einem Prüfstein, bei dem zwei Risiken gegeneinander arbeiten. Alexander Raviol vom Vermögensverwalter Lupus Alpha bringt die Lage auf den Punkt: „Sie bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Inflationsrisiken und Wachstumssorgen“. Gerade weil im Juni die Zinsen angehoben wurden, als eine Entspannung im Iran-Konflikt greifbar schien, verschiebt sich die Gewichtung nun wieder. Raviol erwartet, dass höhere Energiepreise die Inflation weiter antreiben und zugleich die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten: „Höhere Energiepreise treiben die Inflation und wrwürgen zugleich die ohnehin schwache Konjunktur weiter ab“. In der konkreten Erwartungshaltung bedeutet das laut ihm eine Zinspause. Ebenfalls entscheidend dürfte sein, ob EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Annahme steigender Zinsen im September bestätigt oder sich bewusst Spielraum offenhält. Robert Greil von der Privatbank Merck Finck sieht dagegen bei weiter steigenden Ölpreisen kaum eine Alternative zu einer zweiten Zinserhöhung in diesem Jahr, allerdings gehe er von einer Stabilisierung der Preise in den kommenden Wochen aus – mit entsprechend stabilen Leitzinsen.

Für die kurzfristige Marktaufstellung liefert neben der Makrolage ein zweiter Nachrichtenkanal derzeit eine spürbare Entlastung: die Halbleiterwerte. Nach einem weltweiten Abverkauf bei Chipaktien zeichnet sich in Asien eine Stabilisierung ab; der Nikkei 225 sowie der südkoreanische KOSPI hätten durch die Erholung deutlich angezogen. Besonders auffällig ist, dass deutsche Halbleiterwerte zuletzt unter Druck standen – allen voran Infineon – und die Erholungswelle damit offenbar auch nach Deutschland und Europa übergreift. Das kann den DAX kurzfristig stützen, obwohl die übergeordnete Unsicherheit durch Nahost und die daraus resultierenden Energie- und Inflationsrisiken nicht verschwindet. Gleichzeitig macht diese Kopplung deutlich, wie sehr der Index derzeit von Sektorrotation lebt: Entlastung im Chipbereich kann Verluste aus anderen Wachstumstiteln zeitweise kompensieren, ersetzt aber keine klare Richtung in der Geldpolitik.

Für die nächste Phase bleibt zudem ein Blick auf die „psychologischen“ Niveaus wichtig. Anfang Juli hatte der DAX an drei aufeinanderfolgenden Handelstagen neue Rekorde markiert; das aktuelle Allzeithoch stammt vom 6. Juli und liegt bei 25.900,10 Indexpunkten. Mit dem Schlusskurs vom selben Tag bei 25.817,89 Zählern ging der Index auf höchstem Stand aller Zeiten in den Feierabend – Rekordniveaus sind damit im Markt weiterhin präsent, auch wenn sie derzeit nicht das Tagesgeschehen dominieren. Ob der Markt diese Marke in dieser Woche erneut testet oder sich zunächst wieder auf die etablierte Spanne zwischen 24.700 und 25.100 konzentriert, hängt nach Einschätzung aus dem Umfeld wesentlich davon ab, ob Berichtssignale und geldpolitische Leitplanken stärker werden als Geopolitik und Energiepreise.


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