LONDON (IT BOLTWISE) – Malte Ubl, CTO beim Infrastruktur-Startup Vercel, sieht das Hauptproblem vieler gescheiterter Gründungen nicht in Technik oder Geld. Stattdessen nennt er die Unfähigkeit, sich von einer schlechten Idee zu lösen. Im Gespräch wird Product-Market-Fit als klarer Prüfstein beschrieben, der sich nicht schönrechnen lässt. Außerdem rät Ubl zu schnellen, testbaren Prototypen statt jahrelangem Feilen ohne Kunden-Feedback.

Viele Startup-Fehlschläge werden gern an fehlenden Ressourcen festgemacht – doch die Begründung, die Malte Ubl in der Gründerszene diskutiert, setzt an einer unbequemen Stelle an: nicht bei der Technologie, sondern bei der Einstellung. Der ehemalige Google-Manager, der heute als CTO bei Vercel arbeitet, ordnet Scheitern vor allem als Folge davon ein, dass Gründer an ihrer Hypothese zu lange festhalten, obwohl sie in der Praxis nicht trägt. Damit verschiebt sich der Fokus von Pitch-Decks und Entwicklungsroadmaps hin zu einem deutlich härteren Kriterium: Ehrlichkeit zu sich selbst.
Ubl nimmt dafür einen spürbar unterschiedlichen Arbeitsmodus als Kontrast. Bei Google, so beschreibt er seinen Alltag, konnten winzige Verbesserungen den Unterschied machen – manchmal ging es um 0,01 Prozent, die am Ende einen riesigen Effekt erzeugen. Genau dafür brauchte es Feintuning, Messbarkeit und eine Kultur, in der Iteration in kleinen Schritten Sinn ergibt. In einem Startup, in dem die Uhr schneller läuft, reicht dieses Muster oft nicht aus: Wenn das Produkt nicht wöchentlich spürbar wächst, lohnt es sich laut Ubl nicht, weiter in dieselbe Richtung zu investieren. Der Übergang ist damit nicht nur organisatorisch, sondern mental: weg vom geduldigen Optimieren, hin zum mutigen Beschleunigen oder Abbiegen.
Aus dieser Logik leitet er auch seine Sicht auf Product-Market-Fit ab. Gründer warten gern auf den Moment, in dem sie „endlich wissen“, dass es funktioniert. Ubl dreht das um: Wenn Product-Market-Fit vorhanden ist, sei das keine Frage mehr. Entscheidend sei nicht, dass die Idee plausibel klingt oder gut begründet wird, sondern dass sie sich im Markt wirklich „einschlägt“ – nicht nur so, dass es „ganz gut aussieht“. Interessant ist dabei auch der Blick auf erfolgreiche Unternehmen: Ubl verweist auf Vercel selbst und sagt, bis die Firma zu den wichtigsten Infrastruktur-Startups gezählt habe, seien sechs Jahre vergangen. Das wirkt wie eine Warnung gegen den Mythos vom schnellen Erfolg: Auch große Teams suchen, tüfteln und drehen Extrarunden, bevor ein stabiler Fit sichtbar wird.
Der praktische Hebel gegen falsche Selbstvervollständigung lautet „Nicht planen – bauen“, zumindest im Sinne eines schnellen Lernzyklus. Ubl rät, die Entwicklungsenergie nicht in immer weitere Konzepte zu gießen, sondern direkt mit potenziellen Kunden zu arbeiten und schnell testbare Prototypen zu erstellen. Er betont dabei die Möglichkeit, dass praktisch jede Person zumindest einen richtig guten, testbaren Prototyp bauen könne. Dahinter steckt eine klare Produktlogik: Ohne reale Nutzung und echte Response bleibt ein Problem theoretisch. Erst wenn man Feedback in kurzer Frequenz bekommt, lässt sich erkennen, ob das Kernproblem überhaupt existiert und ob die vorgeschlagene Lösung tatsächlich taugt – oder ob man weiter an einem falschen Problem optimiert.
Damit wird auch klar, warum Ubl Geschwindigkeit nicht als Selbstzweck sieht. Der Ratschlag „Do things that don’t scale“, den er den Teilnehmern nahelegt, zielt auf den frühen Stadium-Lernprozess: Dinge ausprobieren, die noch nicht für Skalierung gebaut sind, aber dafür schnell sichtbar machen, ob die Richtung stimmt. Das hat einen starken technischen Unterton, auch wenn er ihn nicht als Engineering-Rede rahmt: Ein Prototyp ist hier weniger ein „kleines Produkt“, sondern eine strukturierte Hypothesenprüfung. Jede Runde liefert Signale darüber, ob der Markt das Problem bestätigt, ob die Nutzer die Lösung verstehen und ob die Erfahrung hinreichend überzeugt, um wiederzukommen. Für Teams bedeutet das, Entscheidungen an messbares Feedback zu koppeln und den Reibungsverlust zu reduzieren, der entsteht, wenn man Monate oder Jahre im selben Gedankengebäude bleibt.
Zum Abschluss warnt Ubl zudem vor einer anderen typischen Denkfalle: dem Reflex, dem nächsten KI- oder Startup-Hype hinterherzulaufen. Seine Argumentation ist dabei weniger gegen Innovation gerichtet als gegen Distanz zum echten Problem. Er beschreibt sinngemäß, dass es zwar notwendig ist, sich tief einzuarbeiten, um die konkreten Probleme zu verstehen – aber eben von dort aus zu starten, wo man sein Thema wirklich kennt. Gute Gründer springen nicht einfach auf den nächsten Trendzug auf, sondern sie arbeiten an Problemen, die sie nicht nur aus Blogartikeln kennen, sondern selbst erlebt haben. Am Ende kommt er wieder auf den zentralen Punkt zurück: Ehrlichkeit zu sich selbst ist für ihn der wichtigste Schutzmechanismus gegen den schleichenden Verlust der Lernfähigkeit.
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