PEKING / LONDON (IT BOLTWISE) – Kurz vor dem Besuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in China melden deutsche Unternehmen wiederholt strukturelle Wettbewerbsprobleme an. Im Fokus stehen Preis- und Marktverzerrungen sowie die Erwartung, dass Zusagen der chinesischen Seite in konkrete Maßnahmen überführt werden. Zusätzlich rücken mögliche Exportkontrollen bei Rohstoffen wie seltenen Erden in den Mittelpunkt der Gespräche. Branchenvertreter sehen darin nicht nur ein Handels-, sondern auch ein industriepolitisches Risiko für Versorgungssicherheit und Planungssicherheit.

Deutsche Unternehmen fordern in China faire Wettbewerbsbedingungen vor Reiche-Besuch
Deutsche Unternehmen fordern in China faire Wettbewerbsbedingungen vor Reiche-Besuch (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutsche Unternehmen gehen mit klaren Erwartungen in den bevorstehenden China-Termin von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Laut Berichten aus der Wirtschaftshandelslandschaft macht sich insbesondere die Sorge bemerkbar, dass Zusagen zur Verbesserung des Marktzugangs und zu „faireren“ Rahmenbedingungen bislang zu wenig spürbare Wirkung entfalten. Oliver Oehms, Chef der deutschen Auslandshandelskammer in Nordchina, bringt es dabei auf den Punkt: Entscheidend sei, dass die Politik die Umsetzung eines nachhaltigen Geschäftsumfelds nicht nur anspricht, sondern messbar einfordert. Damit verschiebt sich der Fokus von allgemeinen Absichtserklärungen hin zu belastbaren Vollzugsmechanismen.

Technisch und wirtschaftlich betrachtet wirkt in China vor allem ein Mix aus Preisdruck und strukturellen Wettbewerbsnachteilen auf die Planungsfähigkeit deutscher Firmen. Oehms verweist darauf, dass „extremer Preisdruck“ viele Geschäftsmodelle spürbar unter Druck setzt, selbst wenn die chinesische Regierung angekündigt hat, für ausgewogenere Märkte zu sorgen. Aus Sicht der Unternehmen ist das Problem häufig weniger der Wettbewerb an sich, sondern die Kombination aus Preisgestaltung, Regulierungstaktung und Markteintrittsbedingungen. In der Praxis bedeutet das: Investitionszyklen verlängern sich, Einkaufspreise lassen sich schlechter absichern und Margen werden kurzfristig gekappt, bevor Gegenmaßnahmen greifen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Gespräche ist die Frage, wie deutsche Firmen in einem solchen Umfeld wieder stabiler zusammenarbeiten können. In einer Umfrage unter 216 Mitgliedern der AHK zeigt sich, dass 51 Prozent der Befragten Unterstützung beim Aufbau von Partnerschaften zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen befürworten. Das ist nicht nur ein politisches Wunschthema, sondern auch ein strategischer Hebel: Partnerschaften können die lokale Beschaffung, Vertriebskanäle und Service-Integration verbessern und den Unternehmen helfen, regulatorische sowie administrative Hürden schneller zu verstehen. Experten aus der Branche argumentieren dabei, dass pragmatische Kooperationen Vertrauen schaffen können, ohne regulatorische Leitplanken zu verwässern.

In den wirtschaftspolitischen Verhandlungen dürften zudem Themen wie Exportkontrollen auf kritische Rohstoffe auf der Agenda stehen. Erwartet wird der Besuch in Peking am Mittwoch und in Guangzhou am Donnerstag, wodurch auch regionale Industrie-Cluster und Lieferketten näher in den Fokus rücken können. Besonders relevant ist die seit über einem Jahr anhaltende Einschränkung bei Rohstoffen wie seltenen Erden, die in vielen Industriezweigen gebraucht werden. Für deutsche Unternehmen geht es dabei um mehr als Einkaufspreise: Die Verfügbarkeit bestimmter Vorprodukte beeinflusst Produktionsauslastung, Qualitätsstabilität und Zertifizierungsprozesse. Gerade in wertschöpfungsintensiven Sektoren kann das zu Verzögerungen führen, wenn Alternativen nicht kurzfristig qualifiziert sind.

Der Marktimpuls ist dabei auch langfristig. Laut Angaben des Statistischen Bundesamts wird China im Jahr 2025 die USA als wichtigsten Handelspartner Deutschlands ablösen, gemessen an der Summe von Exporten und Importen. Gleichzeitig bleibt das Handelsverhältnis unausgewogen, weil Deutschland deutlich mehr aus der Volksrepublik importiert als dorthin exportiert. Diese Asymmetrie wird in der Praxis als Wettbewerbs- und Verhandlungsproblem spürbar: Wer mehr importiert, trägt stärker das Risiko von Preis- und Verfügbarkeitsveränderungen. Unternehmen berichten zudem, dass solche Schieflagen indirekt in Kennzahlen hineinwirken können – etwa über Kostenstrukturen, Lagerhaltung und Investitionsentscheidungen, die letztlich den Shareholder Value beeinflussen.

Auch im Wettbewerb mit anderen internationalen Akteuren ist die Timing-Frage entscheidend. US- und andere Wettbewerber können teils schneller auf Lieferkettenrisiken reagieren, weil sie alternative Bezugsquellen, regionale Fertigung oder differenzierte Vertragsmodelle priorisieren. Für deutsche Firmen ist das ein zusätzlicher Druck, denn eine verspätete Reaktion auf Marktverzerrungen macht es schwer, Standards bei Qualität, Compliance und Services langfristig durchzuhalten. Marktbeobachter gehen daher davon aus, dass das politische Signal in Berlin nicht bei der Forderung nach „fairen Bedingungen“ enden darf, sondern konkrete Benchmarks und Umsetzungsfahrpläne adressieren muss. Andernfalls droht ein Auseinanderlaufen zwischen diplomatischer Gesprächsebene und operativer Lieferkettenrealität.

Für die Zukunft sehen Unternehmen vor allem drei Handlungsfelder: erstens eine konsequentere Konditionierung von Marktzugang und Wirtschaftspartnerschaften, zweitens die Absicherung kritischer Rohstoffketten über Transparenz und Diversifizierung und drittens ein besser messbares „Fairness“-Monitoring. Aus historischer Perspektive sind solche Konflikte nicht neu: Schon in früheren Phasen globaler Handelsanspannungen wurden Wettbewerbsprobleme zunächst politisch adressiert, später aber vor allem über Standards, Lieferkettennachweise und regulatorische Vollzugsmechanismen operationalisiert. Wenn Reiche die Erkenntnisse vor Ort in eine strukturierte Agenda überführt, können daraus Entwicklungsprogramme für Lieferfähigkeit, kooperative Wertschöpfung und Risiko-Management entstehen. Für deutsche IT- und Engineering-Organisationen eröffnet das zudem Chancen, etwa durch Compliance- und Beschaffungs-Transparenzsysteme, solange die regulatorischen Leitplanken klar bleiben.


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