DORTMUND / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer deutscher Streamingdienst startet im Herbst kostenlos und setzt bewusst auf Arthouse- sowie Festivalfilme statt auf den Mainstream-Slot bei großen SVOD-Anbietern. „Directors Collection“ wird werbefinanziert betrieben und kombiniert kuratierte AVOD-Channels mit FAST-Programmierung sowie Online-Premieren, Playlists und thematischen Events. Hinter dem Projekt stehen die Produzenten Jakob und Jonas Weydemann, die das Angebot über ihre Firma Filmreederei aufsetzen. Medienmacher Steffen Kottkamp soll als Kurator die Programmstrategie prägen und damit eine Lücke im Markt adressieren.

Dass Arthouse- und Festivalfilme nach der ersten Welle der Aufmerksamkeit schnell wieder verschwinden, ist für viele Filmfans längst keine Überraschung mehr. Genau hier setzt „Directors Collection“ an: Der neue Streamingdienst aus Deutschland will Werke dauerhaft sichtbar halten, ohne ein Abo zu verlangen und ohne sich in die Logik der großen Volumen-Kataloge einzuordnen. Während Netflix und andere SVOD-Plattformen häufig auf Breitenwirkung setzen, verfolgt das Projekt eine kuratorische Programmatik. Laut Plan soll das Angebot im Herbst starten, zunächst mit mehreren Hundert Titeln, die vor allem über YouTube zugänglich sind. Damit entsteht ein Kontrast: nicht „mehr vom Gleichen“, sondern ein bewusst gefilterter Zugang.
Technisch betrachtet baut „Directors Collection“ auf einem klassischen, aber strategisch kombinierten AVOD- und FAST-Ansatz auf. AVOD (Advertising Video on Demand) bedeutet: Nutzer streamen Filme auf Abruf, während Werbung die Kostenstruktur trägt. FAST (Free Ad-Supported Streaming Television) geht dagegen Richtung linearer Erlebnisform, also programmierbarer „Channels“, die nach einem festen oder kuratierten Schema laufen. Indem das Team kuratierte AVOD-Channels und FAST-Programmierung parallel nutzt, kann es sowohl binge-ähnliches Verhalten (On-Demand) als auch das „Entdecken beim Durchklicken“ (linear kuratiert) fördern. Das ist für Rechteinhaber interessant, weil sich Erlösmodelle enger an Nutzungs- und Werbewahrnehmung koppeln lassen.
Im Kern steht dabei die Rechte- und Erlösarchitektur. „Directors Collection“ schließt, wie berichtet wird, nicht-exklusive Verträge mit Rechteinhabern ab und teilt die Erlöse hälftig. Diese Nicht-Exklusivität ist mehr als ein juristisches Detail: Sie senkt Markteintrittshürden, weil einzelne Rechteketten weniger stark „abgeschlossen“ werden müssen. Gleichzeitig schafft sie aber auch eine Herausforderung, denn der Dienst muss sich trotz eingeschränkter Programmbreite dauerhaft differenzieren. Hier kommt der kuratorische Layer ins Spiel: Mit Playlists, thematischen Events und Online-Premieren soll der Content nicht nur „verfügbar“, sondern in eine fortlaufende redaktionelle Erzählung eingebettet werden. Genau diese Verzahnung entscheidet häufig darüber, ob ein kostenloser Dienst langfristig Traffic in Loyalität übersetzt.
Der Name „Directors Collection“ ist dabei bewusst als Programmversprechen lesbar: Statt nur Titel zu listen, rückt der kuratorische Blick auf Regiehandschriften und Festival-Kontext in den Mittelpunkt. Für den Branchenvergleich lohnt sich ein Blick auf Netflix: Netflix kann über algorithmische Empfehlung und große Bibliotheken stark skalieren, verliert aber bei Nischenkategorien oft an kuratorischer Tiefe. YouTube wiederum ist zwar schon jetzt eine Verbreitungsplattform für Video, agiert traditionell jedoch nicht als durchgehend linear kuratiertes Filmerlebnis mit klarer „Editorial Brand“. Das Projekt versucht, YouTube als Reichweitenmotor zu nutzen und gleichzeitig eine eigenständige Programmidentität aufzubauen. Aus Marktsicht ist das ein cleverer Spagat: Reichweite dort, wo Zuschauer schon sind, Differenzierung dort, wo sie echte Orientierung suchen.
Dass das Projekt nicht auf aggressives Vermarktungs-„Spray and Pray“ setzt, wird als strategische Antwort auf ein reales Marktdilemma verstanden. Arthouse- und Festivalfilme konkurrieren oft nicht nur um Zuschauerzeit, sondern auch um mediale Aufmerksamkeit nach der Erstauswertung. Ohne fortgesetztes Marketing oder wiederkehrende Kuratierung bleiben sie häufig zwar technisch verfügbar, wirken im Alltag aber unsichtbar. Branchenbeobachter beschreiben dieses Problem typischerweise als „Sichtbarkeitslücke“ zwischen Lizenzverfügbarkeit und tatsächlicher Nutzerwahrnehmung. Genau daraus leitet sich die Programmidee ab: Kuratierte Channels, wiederkehrende Themenlogiken und Event-Formate sollen die Nachfrage nicht nur initial auslösen, sondern über Monate stabilisieren.
Ein wichtiger Hebel ist die personelle Ausrichtung des Angebots. Als Kurator wird Steffen Kottkamp eingesetzt, der zuvor in unterschiedlichen Produktions- und Programmrollen unterwegs war – unter anderem bei großen internationalen Playern in der Produktionssteuerung sowie in Commissioning und Programming im öffentlich-rechtlichen Kontext. Diese Mischung ist für den Dienst relevant, weil sie die Brücke zwischen Redaktionsdenken und Produktionsrealität schlagen kann. In der Praxis bedeutet das: Kuratierung ist nicht nur eine Frage von Geschmacksabstimmung, sondern auch von Scheduling, Zielgruppenpassung, Tonalität der Promotions und der Fähigkeit, Rechteinhaber langfristig einzubinden. Für Unternehmen in der Medienwertschöpfungskette ist das ein Hinweis, dass „Editorial Ops“ wieder stärker an Bedeutung gewinnt.
Der Markt- und Wettbewerbsdruck bleibt allerdings real. Selbst wenn der Dienst kostenlos startet, muss er eine stabile Werbe- und Nutzerökonomie finden, besonders im Vergleich zu etablierten Video-Ökosystemen. Netflix kann Werbeflächen zwar begrenzt nutzen, konkurriert aber vor allem über Nutzerbindung und UI/UX-Integration; YouTube konkurriert über Reichweite, aber nicht automatisch über Filmtiefe. „Directors Collection“ versucht, diese Lücke über Positionierung zu schließen: cineastisch interessierte Zuschauer, die mit dem zunehmenden Einheitsbrei großer SVOD-Kataloge unzufrieden sind. Am 30. Juni stellen Weydemann und Kottkamp das Projekt beim Filmfest München in einem Panel vor; dort sollen auch Vertreter von YouTube/Google und Wild Bunch Germany teilnehmen. Solche Branchensignale sind häufig ein Frühindikator für nächste Rechtepakete und Produktionspartnerschaften.
Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, wie gut der Dienst die technische Distribution mit einer nachhaltigen Content-Strategie verschränkt. Wenn mehrere Hundert Titel zum Start kuratiert verfügbar sind, muss der Dienst gleichzeitig Mechanismen etablieren, die den Long-Tail aus Arthouse- und Festivalbereichen „wartbar“ machen: Metadatenqualität, konsistente Programmrubriken, sauberes Scheduling und wiederkehrende thematische Pfade. Perspektivisch könnte die Kombination aus AVOD/FAST auch weitere Interaktionen anstoßen, etwa zielgruppenbasierte Events oder kuratierte Serienformate rund um Festivaljahrgänge. Für Entwickler und Plattformpartner liegt darin eine Chance: Wer Schnittstellen für Rechteverwaltung, Werbelogik und Programmplanung bereitstellt, kann vom wachsenden Bedarf an Nischen-Kuratierung profitieren. Gleichzeitig bleibt die Sicherheits- und Datenschutzdimension ein Pflichtfeld, denn kostenlose Angebote generieren oft personenbezogene Signaldaten, die sauber nach DSGVO-Grundsätzen verarbeitet werden müssen.
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