BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert in der Debatte um eine mögliche rot-grün-rote Regierung mehr Maß und weniger Zuspitzung. Er kritisiert pauschale Aussagen zur angeblichen „Gefahr für den Standort“ und mahnt einen vorsichtigeren Umgang mit der politischen Sprache. Gleichzeitig bewertet er Vergesellschaftungspläne für Berliner Immobilienkonzerne als kritisch, sieht aber auch Punkte in den Sondierungsinhalten, die Berlin als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort stärken könnten. Entscheidend sei, was am Ende im Koalitionsvertrag konkret festgehalten werde.

Berlin steht politisch und wirtschaftlich an einer Stelle, an der Wortwahl schnell zu Investitionsentscheidungen wird. Der Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaftsforschung (DIW), hat in der Debatte um eine mögliche rot-grün-rote Regierung zu mehr Mäßigung aufgerufen. Im Kern richtet sich sein Appell gegen eine Rhetorik, die aus seiner Sicht zu stark mit Alarm arbeitet: Er bezeichnet die als „Panikmache“ bewerteten Aussagen als übertrieben – und verknüpft das mit einem zweiten Punkt, der in der Praxis mindestens genauso wichtig ist: Ton und Substanz beeinflussen das Vertrauen von Unternehmen, die sich für Standorte entscheiden, weil sie Planungssicherheit brauchen.
Auslöser der Diskussion sind Aussagen, die in der Hauptstadt über eine mögliche Koalitionskonstellation und deren Auswirkungen auf den Standort gefallen sind. Laut dem Bericht kritisiert Fratzscher insbesondere pauschale Urteile, die nicht belastbar seien, und führt aus, dass solche Sprache Deutschland am Ende schade. Für eine Technologie- und Startup-orientierte Betrachtung ist das mehr als ein Streit um Formulierungen: Wenn politische Signale als Risiko gelesen werden, ziehen sich Firmen oft in Warteschleifen zurück – selbst dann, wenn sich die tatsächlichen Regelungen erst später im Detail zeigen. Genau deshalb verschiebt sich die Aufmerksamkeit von „wer sagt was“ hin zu „welche konkreten Parameter werden später in Gesetze, Verordnungen und Verträge gegossen“.
Fratzscher ordnet dabei zugleich ein, dass er Vergesellschaftungspläne für Berliner Immobilienkonzerne kritisch sieht. Diese Einschätzung trifft einen Bereich, der zwar nicht als Software- oder Plattformthema wahrgenommen wird, aber technisch und organisatorisch direkten Einfluss auf digitale Geschäftsmodelle hat: Miet- und Eigentumsstrukturen bestimmen Flächenverfügbarkeit, Projektbudgets und Standortkosten. Gerade für Proptech, Workplace-Tech oder auch Rechenzentrums- und Infrastrukturprojekte ist die Frage, wie stabil Rahmenbedingungen sind, eng mit der Frage verbunden, ob mittelfristige Investitionen kalkulierbar bleiben. Gleichzeitig betont Fratzscher, dass die Sondierungsinhalte nicht nur Problemfelder enthalten, sondern auch Punkte, die sich positiv auswirken könnten – etwa der Wunsch nach guten Rahmenbedingungen, weniger Regulierung und mehr Attraktivität, insbesondere für den Wissenschaftsstandort.
Interessant wird es dann bei dem, was Fratzscher als Konkretisierung ansieht: Wie macht man Berlin attraktiv, wenn Unternehmen vor allem auf harte Fakten reagieren? Er nennt exemplarisch mehrere Hebel, darunter eine potenzielle Senkung von Steuern, die Schaffung von Raum beziehungsweise die Verfügbarkeit von Büro- und Arbeitsflächen sowie Investitionen in Universitäten und die Forschungslandschaft. Für Entscheider in Unternehmen und für technische Teams lässt sich daran eine typische Übersetzungsaufgabe erkennen: Aus politischen Absichtserklärungen werden später Förderrichtlinien, Bau- und Genehmigungsprozesse, Steuerregeln, öffentliche Beschaffungsprogramme und Standards für Zusammenarbeit. Diese Kette entscheidet darüber, ob digitale Innovationen in der Fläche schneller skaliert werden können oder ob der Marktzugang durch Unsicherheit ausgebremst wird.
Historisch betrachtet ist Berlin in den letzten Jahren mehrfach mit dem Spannungsfeld konfrontiert gewesen, dass große wohnungs- und wirtschaftspolitische Entscheidungen nicht nur soziale Effekte haben, sondern auch die Infrastruktur für Wachstum beeinflussen. In der technologischen Praxis zeigt sich das an sehr unterschiedlichen Themen: Von der Bereitstellung geeigneter Flächen für Entwicklungsteams bis zur Frage, wie verlässlich Kommunen und Partner Planungsschritte begleiten. Wenn politischen Debatten die Tendenz zur Übertreibung haben, entsteht zudem eine zusätzliche indirekte Kostenkomponente – nicht in Form einer einzigen Rechnung, sondern als Risikoaufschlag in Zeitplänen und Vertragsgestaltungen. Das erklärt auch, warum Fratzschers Fokus auf „was konkret im Koalitionsvertrag steht“ so zentral wirkt: Koalitionspapiere sind der Moment, in dem aus politischen Richtungsentscheidungen ein belastbarer Rahmen für Umsetzungsvorhaben wird.
Für den Markt bedeutet das: Branchen, die in Berlin stark vertreten sind, hängen in unterschiedlichem Ausmaß von stabilen Rahmenbedingungen ab. Immobilienpolitische Kontroversen berühren dabei nicht nur klassische Vermietung, sondern auch die gesamte Wertschöpfung rund um Standortentwicklung, Sanierung, Modernisierung und Büroflächenplanung. Gleichzeitig hängt die Attraktivität für Forschungseinrichtungen, Transferprojekte und Unternehmensgründungen daran, ob Investitionen in Universitäten und die Forschungslandschaft verlässlich geplant werden können. In diesem Zusammenhang wirkt Fratzschers Argumentation wie ein Versuch, die Debatte weg von symbolischen Zuspitzungen und hin zu operationalen Kriterien zu lenken. Unternehmen fragen am Ende weniger nach Schlagworten als nach Umsetzungsdetails: Welche konkreten Programme starten, welche Regeln werden vereinfacht, wo entstehen klare Zuständigkeiten und Zeitlinien?
Bis ein Koalitionsvertrag solche Details liefert, bleibt jedoch ein Unsicherheitsfaktor bestehen. Genau in der Phase zwischen politischer Debatte und tatsächlicher Umsetzung entscheidet sich, wie schnell sich Erwartungshaltungen in Handlungen übersetzen. Fratzscher selbst stellt dabei heraus, dass es darauf ankommt, welche konkreten Schritte folgen. Für Berlin heißt das: Wenn weniger Regulierung, mehr Attraktivität und Investitionen in Wissenschaft wirklich einen Vorrang erhalten sollen, müssen sich diese Ziele in den nächsten Monaten in überprüfbare Entscheidungen verwandeln. Dann kann sich die Stadt nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch in der realen Standortlogik wieder stärker auf Wachstum konzentrieren – und damit auch auf die Bedingungen, unter denen KI- und Softwareteams, Forschungsvorhaben und skalierbare Tech-Services in der Breite entstehen und wachsen können.
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