LONDON (IT BOLTWISE) – DocMorris hebt nach starkem Halbjahr die Prognose an und setzt vor allem auf das Rezeptgeschäft (Rx). Das Rx-Segment wächst im zweiten Quartal um 45,8 Prozent, während der Außenumsatz im deutschen Markt auf 593,9 Millionen Franken steigt. Zugleich bleibt der Konzern operativ noch im Minus: Für das Gesamtjahr erwartet DocMorris einen Verlust im Bereich des bereinigten Ergebnisses. Künstliche Intelligenz soll ab 2026 jährlich rund 15 Millionen Schweizer Franken an Einsparungen ermöglichen.

Nach dem ersten Halbjahr 2026 rückt bei DocMorris weniger das Tempo im allgemeinen E-Commerce in den Fokus, sondern die Frage, wie stabil sich das Wachstum im verschreibungspflichtigen Medikamentengeschäft wirklich fortsetzt. Der Konzern hebt seine Jahresziele an, weil er im bisherigen Verlauf vor allem im Rx-Segment kräftig zulegen konnte. In der Kommunikation wird dabei explizit die Kombination aus Umsatzdynamik und operativer Effizienz genannt; Firmenchef Walter Hess spricht davon, dass sich beide Faktoren im ersten Halbjahr 2026 in allen Bereichen deutlich verbessert hätten.
Für das Gesamtjahr nennt DocMorris nun ein Umsatzwachstum von 9 bis 13 Prozent in Lokalwährung. Damit vergrößert das Unternehmen den Zielkorridor gegenüber der zuvor anvisierten Spanne im mittleren einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich spürbar. Auf der Ergebnis-Seite verschiebt sich die Erwartung ebenfalls nach oben: Beim bereinigten operativen Ergebnis rechnet der Konzern mit einem Verlust zwischen 10 und 17,5 Millionen Franken. Finanzvorstand Daniel Wüest bestätigt außerdem das Ziel, in der zweiten Jahreshälfte operativ die Gewinnschwelle zu erreichen, bleibt aber beim zentralen Punkt ehrlich: Die Ergebnisrechnung wird 2026 kurzfristig noch von Belastungen geprägt sein.
Der Wachstumsmotor ist eindeutig das Rx-Segment. Über das erste Halbjahr hinweg steigt dieser Bereich um 38,3 Prozent; im zweiten Quartal beschleunigt sich das Wachstum sogar auf 45,8 Prozent. Das entspricht einem Plus von 17,2 Prozent gegenüber dem bereits starken ersten Quartal. DocMorris verknüpft diese Entwicklung mit einer Strategie zur Neukundengewinnung und interpretiert die Rx-Beschleunigung als Signal für nachhaltige Marktanteile im strategisch wichtigen Rezeptgeschäft. Entscheidend ist dabei auch der strukturelle Treiber im Hintergrund: Im deutschen Markt wächst der Außenumsatz in Lokalwährung um 13,0 Prozent auf 593,9 Millionen Franken.
Hintergrund dafür ist laut Darstellung der fortschreitende Umstieg vom klassischen Papierrezept auf das elektronische Rezept, das über die Telematikinfrastruktur abgewickelt wird. Für Online-Apotheken kann genau dieser Wechsel mehr als nur „digitale Abwicklung“ bedeuten: Wer Prozesse entlang der digitalen Verordnung schneller integriert, reduziert typischerweise Medienbrüche und kann Anfragen in der Lieferkette effizienter priorisieren. Neben dem Rx-Geschäft trägt auch der Bereich Digital Services zur Dynamik bei. Hier wächst DocMorris um gut 71 Prozent, und die aktive Kundenbasis steigt im Jahresvergleich um 1,1 Millionen auf 12,9 Millionen. Davon entfallen 11,4 Millionen auf die Online-Apotheke und 1,5 Millionen auf den Telemedizinanbieter Teleclinic, womit der Konzern zusätzliche Umsatzpotenziale jenseits des reinen Medikamentenhandels adressiert.
In Summe legt der Außenumsatz der Gruppe im ersten Halbjahr um 12,5 Prozent in Lokalwährung auf 627,8 Millionen Franken zu; der konsolidierte Konzernumsatz steigt währungsbereinigt um 13,4 Prozent auf 599,2 Millionen Franken. Doch trotz der Wachstumsraten bleibt die Profitabilität vorerst ein Balanceakt. Unter dem Strich weist DocMorris für das erste Halbjahr einen Verlust von 53 Millionen Franken aus, nach 62 Millionen Franken im Vorjahr – das ist zwar ein spürbarer Rückgang, aber eben keine Trendwende zur Gewinnzone. Der bereinigte operative Verlust (Ebitda) halbiert sich zwar auf 10,9 Millionen Franken, gleichzeitig fallen außerordentliche Kosten von knapp 8 Millionen Euro an, unter anderem im Zusammenhang mit der Umsetzung einer AI-First-Strategie sowie mit der Schließung des Standorts Ludwigshafen.
Genau an dieser Stelle setzt das Unternehmen mit seiner Künstliche-Intelligenz-Strategie an. DocMorris will durch KI-gestützte Prozesse jährliche Einsparungen von rund 15 Millionen Schweizer Franken erreichen und damit die Profitabilität zusätzlich absichern. Als konkrete Anwendungsfelder nennt der Konzern die automatisierte Klassifizierung und Plausibilisierung von Rezeptdaten, intelligenteres Routing innerhalb der Lieferkette sowie die Priorisierung von Supportfällen im Kundenservice. Diese Bereiche wirken wie ein typischer Engpass-Killer: Wenn das Rezeptgeschäft überproportional wächst, entstehen schnell Kapazitätsgrenzen bei manueller Prüfung, Sortierung und Ticketbearbeitung. Mit KI versucht DocMorris, Skalierungskosten pro Bestellung abzufedern, ohne den Servicegrad zu senken.
An der Schweizer Börse reagierte die Aktie zunächst positiv: Vorbörslich springt sie um fast 5 Prozent nach oben, dreht aber im weiteren Handel deutlich ins Minus. Im Verlauf verliert der Titel am Mittwochvormittag rund 2 Prozent; parallel bewegt sich auch der Wettbewerber Redcare Pharmacy im Sog der DocMorris-Zahlen. Für Anleger bleibt damit letztlich die Frage im Zentrum, ob das Wachstumstempo im Rezeptgeschäft in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich in den versprochenen operativen Breakeven umschlägt – oder ob hohe Investitionen in Wachstum und Technologie die Umsetzung weiter verzögern. Das Muster ist für den Markt gut nachvollziehbar: Positive Umsatz- und Rx-Impulse müssen sich zeitnah in einer nachhaltigen Ergebnisentwicklung spiegeln, sonst bleibt das Bewertungsnarrativ fragil.
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