NAIROBI / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue randomisierte kontrollierte Studien zu DREAMS zeigen, dass die Kombination aus Unternehmertumsförderung und Marktzugang die extreme Armut in Flüchtlings- und Aufnahmegemeinden in Ostafrika messbar verringert. Die Teilnehmenden verbessern innerhalb eines Jahres Konsum, Einsparungen und Vermögensaufbau deutlich. Gleichzeitig fließen Fördermittel von der IKEA Foundation sowie der Conrad N. Hilton Foundation in die nächste Programmphase. Das Konzept soll sich damit als evidenzbasiertes, skalierbares Modell für eine humanitäre Hilfe mit längerfristiger Wirkung erweisen.

In vielen Krisenregionen geraten Hilfsprogramme unter Druck: Etats schrumpfen, Konflikt- und Klimadynamiken beschleunigen Massenzuflüchte, und kurzfristige Transfers reichen immer seltener aus, um Lebensgrundlagen stabil zu sichern. Genau hier setzen die neuen Erkenntnisse zum DREAMS-Programm an, das in Uganda und Äthiopien von Village Enterprise und Mercy Corps umgesetzt und von IDinsight ausgewertet wird. Laut den vorliegenden RCT-Ergebnissen verbessern die Teilnehmenden nicht nur ihr Einkommen, sondern bauen auch finanzielle Puffer auf, die in volatilen Märkten und bei klimabedingten Schocks einen realen Unterschied machen können.
Technisch betrachtet ist DREAMS kein „einmaliges Kapital-Event“, sondern ein mehrschichtiges Modell: Es verbindet eine 12-monatige Unterstützung zur Überwindung von Armut mit dem Ansatz der Marktsystem-Entwicklung (Market Systems Development, MSD). Während Village Enterprise sehr konkret Unternehmertum adressiert – inklusive Schulungen, Startkapital in mehreren Raten und kontinuierlicher Betreuung – arbeitet Mercy Corps parallel daran, lokale Märkte zu stärken. Dieser Marktzugang entsteht nicht aus dem Nichts, sondern durch Kooperationen mit Akteuren der Privatwirtschaft in Schwerpunktbranchen wie Geflügelzucht sowie verschiedenen Pflanzen- und Viehwirtschaftsformen. Die Logik dahinter: Wer Produkte und Kundenbeziehungen nur punktuell hat, bleibt strukturell abhängig; wer in funktionierende Wertschöpfungsketten eingebunden ist, kann dauerhafter wachsen.
Ein zentraler Punkt der Studien ist die Verknüpfung von Wirkung und Messbarkeit. In Uganda wurden 6.560 Haushalte in einer RCT zwischen 2022 und 2025 untersucht, während in Äthiopien 6.151 Haushalte beteiligt waren; das Programm wurde in verschiedenen Kohorten schrittweise umgesetzt, um unerwünschte Effekte auf lokale Preisniveaus zu minimieren. Die Teilnehmenden erhielten unternehmerische Trainings, Startkapital und Betreuung; die Haushalte organisierten sich zudem in Spar- und Kreditgruppen, wobei die Gruppierungen so aufgebaut waren, dass sich Risiko und Liquidität innerhalb der Community besser abfedern lassen. Die Ergebnisse zeigen innerhalb von zwölf Monaten spürbare wirtschaftliche Vorteile – und liefern damit ein deutliches Argument gegen rein kurzfristige Interventionen.
Die konkreten Kennzahlen fallen besonders auf: Der monatliche Konsum der privaten Haushalte sank in Uganda um 17 % und in Äthiopien um 9 % (wobei der Bericht diesen Rückgang als Teil der ökonomischen Entlastung und Anpassung an Schockresilienz interpretiert). Gleichzeitig liegen Einsparungen von über 90 % in beiden Ländern, was auf den Aufbau finanzieller Puffer hindeutet. Beim Vermögensaufbau wird ein Plus von 20 % bis 24 % berichtet, unter anderem durch Erwerb von Vieh, Investitionen in Werkzeuge, Wohnraum und sogar Solaranlagen. Diese Mischung aus Liquidität, Sachwerten und Produktivitätsmitteln ist ein wichtiger Unterschied zu vielen „Cash-Transfer“-Programmen, die zwar kurzfristig Stabilität schaffen können, aber ohne Markteinbindung oft weniger stark in nachhaltige Einkommenspfade hineinwirken.
Vor diesem Hintergrund lohnt der Wettbewerbs- und Kontextvergleich: In der internationalen Hilfe dominiert teils entweder der schnelle Cash-Transfer oder – auf einer anderen Zeitebene – die breit angelegte Beschäftigungs- und Infrastrukturpolitik. DREAMS positioniert sich dazwischen, indem es die marktwirtschaftliche Seite aktiv mitdenkt. Wie aus Expertenkreisen immer wieder betont wird, ist der Engpass vieler Mikrofinanz- und Entrepreneurship-Programme nicht allein die fehlende Finanzierung, sondern die fragile Einbettung in funktionierende Lieferketten. Die Stiftungsidee hinter DREAMS spiegelt sich auch in der Auswahl der Branchen und in der Strategie, mehrere Betriebe in Schlüsselbereichen zu fördern: So soll die Abhängigkeit von einzelnen Ernte- oder Krankheitsereignissen sinken.
Dass dieser Ansatz funktioniert, wird zudem durch die beobachteten Lebensveränderungen gestützt. Teilnehmende berichten von konkreter Ernährungs- und Bildungsunterstützung, etwa durch den Erwerb nahrhafter Lebensmittel und die Deckung von Schulgebühren, Büchern sowie Transportkosten. Gleichzeitig zeigen die Aussagen mehr als nur „wirtschaftliche Verbesserung“: Viola betreibt heute einen Friseursalon, und andere Teilnehmende beschreiben, dass Nachbarinnen und Nachbarn ihren Beitrag zur Versorgungssystematik neu bewerten, weil sie sichtbar Einkommen generieren, sparen und Familien langfristig stabilisieren können. Dieser soziale Effekt ist für die Skalierung relevant, weil er die lokale Akzeptanz für Marktteilhabe erhöht und Netzwerke für Beratung und Abnahme stärkt.
Die zweite wichtige Marktdimension ist die Skalierbarkeit unter Finanzierungsdruck. In einer Zeit, in der Mittel im humanitären Sektor gekürzt werden, argumentieren die beteiligten Organisationen mit dem Kosten-Nutzen-Potenzial: Die Studien deuten darauf hin, dass das Programm den doppelten Wert seiner Kosten liefern könnte, sofern die Effekte über fünf Jahre anhalten. Solche Aussagen bewegen sich in einem typischen Evaluationsrahmen für Entwicklungsprogramme, müssen aber durch längerfristige Nachbefragungen weiter abgesichert werden; geplant ist eine zweite Erhebung ein Jahr später, um die Dauerwirkung zu messen. Auch aus Unternehmensperspektive ist das entscheidend: Evidenz über mehrere Jahre reduziert das Risiko, dass Nachhaltigkeit nur kurzfristig „sichtbar“ ist.
Förderseitig wurden für die nächsten Schritte bereits erhebliche Mittel zugesagt: Die IKEA Foundation stellt 7,4 Millionen US-Dollar für die nächste Phase in Äthiopien bereit, während die Conrad N. Hilton Foundation 3,5 Millionen US-Dollar für Uganda bewilligt. Darüber hinaus werden in Äthiopien stärkere Integrationen in lokale Verwaltungsstrukturen angestrebt und systematisch untersucht, warum das Modell in unterschiedlichen Kontexten funktioniert, um die Skalierung in komplexen Umgebungen zu optimieren. In Uganda soll DREAMS zudem besser in bestehende Programme zur frühkindlichen Förderung eingebunden werden – ein Ansatz, der zwei Zeithorizonte verbindet: unmittelbare Lebensstabilisierung und Entwicklung von Kindern über Betreuungspersonen und Haushalte.
Regulatorisch und datenschutzbezogen bleibt bei solchen Programmen eine andere, oft unterschätzte Ebene relevant: Für die Wirksamkeit und Ethik ist entscheidend, dass Datenerhebung, Einwilligungen und Monitoring so gestaltet werden, dass keine zusätzlichen Risiken für geflüchtete Personen entstehen. Die Studie basiert auf RCT-Designs und wiederholten Befragungen; dabei sind sichere Datenflüsse, klare Zugriffsrechte und eine transparente Zweckbindung zentral, gerade weil Vulnerabilität in Konflikt- und Vertreibungssettings erhöht ist. Für Geldgeber und ausführende Organisationen bedeutet das: Skalierung ist nur dann tragfähig, wenn Governance und Datenpraktiken parallel mitwachsen – ähnlich wie man es aus Enterprise-Compliance-Programmen kennt, nur mit deutlich härteren Feldbedingungen.
In die Zukunft gelesen dürfte DREAMS damit vor allem als Blaupause dienen, wie „Humanität“ mit „Systemwirkung“ zusammengedacht werden kann. Der Ansatz eröffnet Entwicklerinnen und Entwicklern zwar kein klassisches Software-Produkt, aber er schafft eine messbare Architektur für Partnerschaften, Zielgruppensteuerung und Evaluationsdesigns. Wenn die geplanten längerfristigen Messungen bestätigen, dass Konsum- und Vermögenseffekte über Jahre stabil bleiben, könnten ähnliche Modelle – auch mit anderen Partnern als Village Enterprise oder Mercy Corps – schneller in nationale und regionale Programme überführt werden. Unmittelbar relevant ist das für die Branche der Entwicklungszusammenarbeit und für Unternehmen mit Social-Impact-Programmen, weil Marktzugang, Lieferketten und Kundenbeziehungen als Hebel stärker in den Fokus rücken. So entsteht eine Perspektive, in der Geflüchtete nicht nur „überleben“, sondern ihre Rolle in lokalen Märkten dauerhaft ausbauen können.
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