LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue psychologische Modellrechnung liefert Hinweise darauf, warum Antisemitismus sowohl bei Menschen mit stark hierarchiebetonten als auch bei Menschen mit egalitären Überzeugungen auftreten kann. Im Zentrum steht die Annahme, dass die Wahrnehmung „jüdischer Macht“ unterschiedliche Bedrohungsgefühle auslöst: einmal als Konkurrenz um Dominanz und einmal als Angriff auf egalitäre Ideale. Die Studie stützt sich auf eine internationale Online-Befragung mit 1.765 Teilnehmenden und testet, wie Bedrohungswahrnehmungen mit antisemitischen Einstellungen zusammenhängen. Daraus leitet sie ab, dass Prävention eher zielgruppenspezifisch als generisch ausfallen sollte.

Antisemitismus lässt sich in öffentlichen Debatten oft so darstellen, als handele es sich um ein Phänomen „nur“ der politischen Rechten oder „nur“ der politischen Linken. Die neue Studie, die in American Psychologist veröffentlicht wurde, widerspricht dieser Vereinfachung jedoch mit einem psychologischen Erklärungsansatz. Der Kern lautet: Nicht die Zugehörigkeit zu einer Ideologie erklärt das Auftreten, sondern die Art, wie Menschen die Rolle einer Gruppe in der Gesellschaft wahrnehmen. Wenn jüdische Menschen als übermäßig mächtig interpretiert werden, entstehen je nach Weltbild unterschiedliche Bedrohungsgefühle, die wiederum antisemitische Einstellungen wahrscheinlicher machen.
Was auf den ersten Blick wie ein moralisches oder politisches Thema wirkt, wird hier ausdrücklich als Problem der Wahrnehmung und Attribution behandelt. Das Modell knüpft an eine grundlegende Beobachtung der Sozialpsychologie an: Menschen zeigen häufig Respekt gegenüber als mächtig erlebten Akteuren. Der doppelte Strang dieser Arbeit beschreibt aber einen scheinbaren Widerspruch: Wer eine Gruppe als mächtig wahrnimmt, reagiert nicht automatisch mit Anerkennung, sondern kann – je nach angenommener Bedrohung – mit Misstrauen und Feindseligkeit reagieren. Die Studie fasst diese Dynamik als „Dual Threat“-Mechanismus: Bedrohung zielt auf unterschiedliche Ziele, je nachdem, ob eine Person hierarchische Ordnung bevorzugt oder eine egalitäre Gesellschaft anstrebt.
Technisch ist die Studie als psychometrischer Modelltest angelegt: Die Forschenden nutzen Zahlen-Skalen mit Antwortoptionen über mehrere Dimensionen, um Weltbilder und kognitive Bewertungen zu operationalisieren. Teilnehmende wurden über eine Online-Umfrage-Plattform rekrutiert; Personen, die ein Aufmerksamkeitstestscreening nicht bestanden, wurden ausgeschlossen. Übrig blieben 1.765 Erwachsene aus sechs Ländern – darunter die USA, Mexiko, Australien, Großbritannien, Deutschland und Polen. Diese breite internationale Stichprobe ist methodisch relevant, weil sie die Frage adressiert, ob das Muster nur in einem kulturell spezifischen Kontext auftaucht oder auch darüber hinaus belastbar bleibt.
Inhaltlich wird dabei zunächst „wahrgenommene jüdische Macht“ gemessen. Die Items fragen sinngemäß danach, ob Teilnehmende glauben, jüdische Personen hätten zu viel Kontrolle über globale Angelegenheiten oder über internationale Finanzmärkte. Danach kommt der zentrale Mediationsgedanke: Die Studie prüft zwei Varianten der Bedrohung. Die erste, bedrohung der In-Group-Dominanz, erfasst, ob als „Erfolge“ anderer Gruppen als Verlust der eigenen Gruppenposition interpretiert werden. Die zweite, bedrohung der egalitären Ideale, fragt, ob die vermuteten Erfolge als Untergrabung von Gleichheit in der Gesellschaft gesehen werden. Erst wenn diese Bedrohungsdimensionen berücksichtigt werden, steigt die Vorhersagekraft für antisemitische Einstellungen.
Um das Weltbild als Verstärker oder „Moderationshebel“ zu modellieren, greifen die Autorinnen und Autoren auf etablierte Konstrukte zurück. Für hierarchiebetonte Teilnehmende wird über Social Dominance Orientation erfasst, ob Personen gruppenbasierte Hierarchien und Ungleichheit bevorzugen. Ergänzend wird Right-Wing Authoritarianism betrachtet, der Einstellungen zu Gehorsam gegenüber Autoritäten und zu strenger Durchsetzung gegenüber Dissens abbildet. Für egalitär orientierte Perspektiven wird analog Left-Wing Authoritarianism als Bereitschaft zu Zwang oder auch zu Zensurmaßnahmen in Richtung sozialer Gleichheit gemessen. Hinzu kommen Skalen zu allgemeinem Engagement für Fairness sowie etablierte Messinstrumente für antisemitische Einstellungen, die stereotype Zuschreibungen und Misstrauen erfassen.
Die Ergebnisse stützen das Dual-Threat-Modell deutlich: Je stärker Teilnehmende die Wahrnehmung „jüdischer Macht“ teilen, desto stärker berichten sie sowohl Bedrohung in Bezug auf Dominanz als auch in Bezug auf Egalitarismus. Diese Bedrohungsgefühle wiederum sagen antisemitische Einstellungen über die gesamte Stichprobe hinweg vorher. Der entscheidende Punkt ist die Wechselwirkung mit dem politischen Weltbild: Bei Personen, die Hierarchien befürworten, wird die Bedrohung vor allem als Konkurrenz um Dominanz verständlich; bei Personen, die Hierarchien ablehnen, erscheint die gleiche Wahrnehmung als Angriff auf die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Klassenunterschiede. Damit liefert die Arbeit eine gemeinsame Mechanik für zwei ideologische scheinbar gegensätzliche Lager.
Damit steht das Modell zugleich in einer Art Wettbewerb zu früheren Erklärungsrichtungen. So versuchen etwa klassische Ansätze, Vorurteile über allgemeine Hierarchie- und Stereotypdynamiken oder über emotionale Muster wie Entmenschlichung zu erklären. Auch das Stereotype-Content-Modell, das Vorurteilsreaktionen typischerweise über wahrgenommene Kompetenz und Moral verknüpft, kann Phänomene des Misstrauens erklären – jedoch weniger direkt die Frage beantworten, warum ausgerechnet die „Machtwahrnehmung“ als Schlüsselfaktor über politische Seiten hinweg wirkt. In der Logik der neuen Studie ist genau dieses „Warum“ der Mehrwert: Nicht die Ideologie allein entscheidet, sondern wie sie die Interpretation vermeintlicher Macht filtert.
Ein weiterer Markt- und Forschungsbezug ergibt sich aus dem Vergleich mit einer anderen häufig als „erfolgreich“ stereotypisierten Gruppe. Die Autorinnen und Autoren testeten das gleiche Frage-Set auch für asiatische Menschen. Zwar zeigte sich auch dort ein Zusammenhang zwischen wahrgenommener Macht und Bedrohungsgefühlen, doch fiel er deutlich schwächer aus als bei Antisemitismus. Teilnehmende schrieben jüdischen Menschen zudem im Schnitt mehr Macht zu und nahmen ihnen öfter böswillige Absichten zu. Daraus leiten die Forschenden ab, dass die Spezifität von Antisemitismus nicht nur in der allgemeinen „Erfolgs“-Logik liegt, sondern in tiefer sitzenden gesellschaftlichen Erzählungen – insbesondere in Verschwörungsnarrativen, die historische Muster und heutige Wahrnehmungen überblenden.
Für die Praxis – etwa in Bildungskontexten, Beratungsformaten oder zivilgesellschaftlichen Präventionsprogrammen – ist die Konsequenz heikel und zugleich nützlich: Wenn dieselbe Grundwahrnehmung (mögliche Macht einer Gruppe) zu unterschiedlichen Bedrohungen führt, dann funktionieren generische Botschaften vermutlich schlechter als maßgeschneiderte Interventionen. Die Arbeit deutet deshalb an, dass Programme die jeweilige Bedrohungsrichtung berücksichtigen sollten: Wird „Macht“ als Bedrohung der eigenen Dominanz gelesen, muss Prävention anders ansetzen als bei der Lesart, „Macht“ gefährde Gleichheit. Der Gedanke passt zu einer breiteren Präventionslogik, die in der Sicherheits- und Deradikalisierungsforschung zunehmend betont wird: Wirksamkeit entsteht oft durch zielgruppenspezifische Kommunikations- und Lernpfade statt durch einheitliche Schemata.
Gleichzeitig nennt die Studie Einschränkungen, die für eine verantwortliche Übertragung entscheidend sind. Die Daten sind korrelativ und stammen aus einer Momentaufnahme; das Modell kann daher nicht endgültig beweisen, dass die Wahrnehmung von Macht kausal die Bedrohungsgefühle und daraus antisemitische Einstellungen auslöst. Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb experimentelle Designs, die die Wahrnehmung von Macht gezielt manipulieren und so einen kausalen Pfad wahrscheinlicher belegen. Außerdem variieren einzelne Effekte je Land: Die Interaktion zwischen wahrgenommener Macht und Anti-Hierarchie-Überzeugungen zeigte sich etwa nur in den USA und Australien, was auf unterschiedliche kulturelle Bedeutungen dieser Ideologie hinweist.
Für die Zukunft schlagen die Forschenden zusätzliche Untersuchungsrichtungen vor. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen wahrgenommener Macht und wahrgenommenem Status: Macht bezieht sich auf Kontrolle über Ressourcen, Status eher auf soziale Anerkennung. Eine klare Trennschärfe könnte das Modell präziser machen und Fehlinterpretationen reduzieren. Ergänzend ist die Idee relevant, wie Menschen reagieren, wenn Macht als illegitim oder „unüblich“ erworben gilt, also nicht als Ergebnis akzeptierter sozialer Normen. Aus Sicht von Unternehmen, öffentlichen Institutionen und Bildungsanbietern bedeutet das: Prävention gegen Diskriminierung sollte nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch Wahrnehmungsmechanismen adressieren – dabei stets mit Blick auf Datenschutz und die sensible Natur entsprechender Forschung.
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