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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet „Duty Sex“ als konsensuelle Sexualität ein, die aus Verpflichtungsgefühl entsteht. Befürchtete Untreue, empfundene Unterschiede beim „Mate Value“ und emotionale Instabilität hängen mit häufigeren Pflichtmomenten zusammen. Überraschend ist: Im Durchschnitt berichten Männer und Frauen ähnlich oft von dieser Art Sex. Die Daten zeigen zugleich, dass Pflichtsex meist selten bleibt und eher in Phasen von Beziehungsunsicherheit auftritt.

„Duty Sex“: Männer und Frauen berichten ähnlich häufige Pflichtmomente in Beziehungen
„Duty Sex“: Männer und Frauen berichten ähnlich häufige Pflichtmomente in Beziehungen (Foto: IT BOLTWISE)
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„Duty Sex“ beschreibt ein einvernehmliches Sexualverhalten, das nicht primär aus Lust oder persönlichem Verlangen heraus entsteht, sondern aus einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber dem Partner. In der Studie, die im Fachjournal Evolutionary Psychology erschienen ist, wird Duty Sex als mögliches Mittel zur Stabilisierung einer romantischen Beziehung eingeordnet. Der zentrale Gedanke: Wenn Menschen spüren, dass die Verbindung gefährdet sein könnte, greifen sie eher zu Sexualität als einer Form von Beziehungs„Klebstoff“ – nicht, weil das eigene Bedürfnis danach am stärksten ist, sondern um Streit zu vermeiden, Gefühle zu schützen oder eine Trennung abzuwenden.

Einordnungstechnisch grenzt die Arbeit Duty Sex zugleich von verwandten Konzepten ab. Sexual compliance umfasst ein breites Spektrum einvernehmlicher Sexualität, die eine Person nicht aktiv wünscht. Duty Sex ist darin spezifischer: Es geht um Situationen, in denen sich die Handlung für die beteiligte Person als „Pflicht“ anfühlt. Genau diese Motivlage kann auch erklären, warum frühere Forschung häufig emotionale Kosten fand. In dem Kontext wird in der Studie etwa auf Ergebnisse verwiesen, wonach der Zusammenhang von Duty Sex und geringerer sexueller Zufriedenheit besonders bei Frauen mit bestimmten Belastungshistorien stärker ausfallen kann. Der Punkt dahinter ist weniger moralisierend, sondern psychologisch: Wenn Sex als Mittel zur Konflikt- oder Trennungsvermeidung genutzt wird, gerät der eigene Wohlfühlfokus oft aus dem Zentrum.

Aus evolutionärer Perspektive argumentiert die Studie mit dem Konzept sogenannter mate retention tactics, also Strategien, die darauf abzielen, einen Partner bei der Stange zu halten. Die Literatur unterscheidet dabei grob zwischen cost-inflicting behaviors, die den Abgang durch Druck oder Einschränkung wahrscheinlicher machen sollen, und benefit-provisioning behaviors, die stattdessen die Beziehung attraktiver machen sollen – beispielsweise über Aufmerksamkeit, Geschenke oder Zuwendung. Duty Sex wird hier als „Benefit“-Variante gelesen: Sexualer Zugang könnte als belohnendes Signal wirken, wenn die Beziehung nach Einschätzung der Beteiligten gefährdet ist. Das macht den Zusammenhang mit bestimmten Risiken plausibel, vor allem mit Untreueängsten und dem, was Psychologen Mate Value nennen: die empfundene Gesamtattraktivität einer Person als Partner, bestimmt etwa durch Attraktivität, Status oder Persönlichkeit.

Um diese Hypothesen zu prüfen, rekrutierten die Forschenden 252 sexuell aktive Studierende im Alter von 18 bis 24 Jahren (durchschnittlich etwa 19), darunter 176 Frauen und 76 Männer. Alle Befragten waren zum Zeitpunkt der Erhebung in einer Dating-Situation und hatten innerhalb der letzten vier Wochen vaginale, anale oder orale Sexualkontakte. Rund drei Viertel befanden sich in einer festen, der Rest in einer eher lockeren Konstellation; die durchschnittliche Beziehungsdauer lag knapp unter 15 Monaten. Die Teilnehmenden füllten eine 45-minütige Online-Befragung aus, die Sexualmotive, Beziehungswahrnehmungen und Persönlichkeitsmerkmale erfasste. Für Duty Sex wurde eine vierteilige Skala genutzt, die abfragt, wie oft die Befragten Sex aus Angst hatten, der Partner könnte aufhören, sie zu lieben, wütend werden, nicht mehr bei ihnen sein wollen oder sie verlassen.

Die Ergebnisse liefern gleich mehrere belastbare Muster. Erstens: Insgesamt berichten die meisten Teilnehmenden nur selten von Duty Sex. Auf der Skala von 4 bis 20 lagen Frauen im Schnitt bei 5,24, Männer bei 4,76; statistisch zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Gesamtfrequenz zwischen den Geschlechtern. Diese Gleichheit war laut der im Text wiedergegebenen Einordnung von F. Sid Dougan auch überraschend, weil in vielen Kulturen Männer im Durchschnitt deutlich höhere Sexualtriebe als Frauen zeigen, was aus Sicht einiger Theorien die Wirksamkeit einer Beziehungsbindungsstrategie über Sexualität bei Frauen wahrscheinlicher machen sollte. Zweitens: In der Gesamtauswertung stützten sich alle zentralen Vorhersagen. Wer eine höhere Wahrscheinlichkeit für Untreue beim Partner einschätzte, berichtete auch häufiger Duty Sex – und diese Beziehung ließ sich sowohl in Analysen mit Frauen als auch mit Männern erkennen. Drittens: Empfundene Mate-Value-Lücken, also die Diskrepanz zwischen eigener und der Attraktivität des Partners, hingen ebenfalls mit höheren Duty-Sex-Werten zusammen. In den getrennten Analysen zeigte sich der Effekt statistisch vor allem bei Frauen besonders klar, während er innerhalb der Männergruppe allein nicht signifikant wurde; ein direkter Geschlechtervergleich ergab jedoch keine signifikante Differenz der Stärke.

Darüber hinaus zeigte die Studie, dass Persönlichkeit eine eigenständige Rolle spielt. Höhere Werte in Neurotizismus – ein Persönlichkeitsmerkmal, das mit emotionaler Instabilität, Angst und dem Hang zu negativen Emotionen einhergeht – gingen mit mehr Duty Sex einher. Dieser Zusammenhang blieb auch dann erkennbar, wenn die Forschenden Untreueängste und Mate-Value-Diskrepanzen rechnerisch mitberücksichtigten. Gleichzeitig bezeichnen die Autoren den Effekt als moderat: Wenn andere Faktoren konstant sind, steigen die Duty-Sex-Werte über das Spektrum der Neurotizismuswerte nur leicht. Auch die Beziehungsdauer war in der Untersuchung nicht statistisch mit Duty Sex verknüpft; in der kombinierten Stichprobe hing eine stärker formalisierte Bindung (statt „casual dating“) zwar mit höheren Werten zusammen, doch die Interpretation bleibt wegen der geringen Zahl zufällig datender Teilnehmender vorsichtiger.

Wichtig für die Praxis ist, wie stark die Arbeit die Einordnung relativiert: Duty Sex sei nicht automatisch „dysfunktional“. Dougan bringt es in der veröffentlichten Darstellung auf den Punkt, dass Sexualität nicht immer unmittelbar auf körperlichen und emotionalen Genuss zielt und Verhalten auch Funktionen erfüllen kann, die über unmittelbare Befriedigung hinausgehen. Gleichzeitig betont die Studie mehrere Einschränkungen: Die Erhebung erfolgte zu einem Zeitpunkt, weshalb keine eindeutige Kausalität folgt. Untreueängste könnten sowohl Duty Sex auslösen als auch selbst durch bereits bestehende Beziehungsschwierigkeiten mitbegünstigt werden. Zudem misst der Fragebogen Duty Sex spezifisch über furchtbezogene Motive (z. B. Angst, dass der Partner wütend wird oder geht), was nicht automatisch das gesamte Spektrum von „Pflicht“ abdeckt, etwa wenn jemand proaktiv versucht, den Partner zu sichern, ohne dass Angst die Hauptrolle spielt.

Für die Forschung und für therapeutische Diskussionen lässt sich daraus ein konkreter Anschluss ableiten: Wenn Duty Sex tatsächlich als Strategie zur Beziehungserhaltung verstanden wird, müsste sich das langfristig entweder in weniger Trennungsrisiko niederschlagen oder – alternative Szenarien eingeschlossen – in Unzufriedenheit und Ressentiments. Genau deshalb schlagen die Autorinnen und Autoren Folgestudien vor, die Paare über Zeit beobachten und zudem „passive“ Pflichtsituationen (dem Wunsch des Partners folgen, um einen Konflikt zu vermeiden) von „aktiver“ Pflicht unterscheiden (bewusst Sex initiieren, um Bindung zu sichern). Für Unternehmen und Anbieter von Beziehungs- oder Gesundheitsinterventionen ist das vor allem als Signal relevant, dass Motivlagen differenziert betrachtet werden müssen: Nicht jede Form von einvernehmlicher Sexualität ist gleichbedeutend mit Lust – und nicht jede Motivlage ist automatisch ein Grund für pauschales Abwerten.

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