BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei Wochen vor dem NATO-Gipfel stimmt sich ein Kreis führender europäischer Staaten in Berlin über die nächsten Schritte ab. Im Fokus stehen die weitere Unterstützung der Ukraine, Europas Rolle bei der Iran-Frage und vor allem die Lastenverteilung innerhalb der Allianz. Die Spannungen zwischen dem kleineren E3-Format und dem größeren E5-Rahmen dürften dabei nicht leise bleiben. Britischer Premier Keir Starmer kommt trotz angekündigtem Rückzug mit nach Berlin.

Zwei Wochen vor dem NATO-Gipfel in der Türkei wird Berlin zum diplomatischen Scharnier: Bundeskanzler Friedrich Merz lädt zu einem Spitzentreffen der sogenannten E5 ein, an dem neben Frankreich und Deutschland auch Italien sowie das von Russland unmittelbar betroffene Polen teilnehmen. Inhaltlich geht es um drei heikle Felder – die weitere Unterstützung der Ukraine, eine mögliche Rolle der Europäer bei der Konfliktlösung im Iran-Kontext und die Verteilung von Lasten innerhalb der Allianz. Schon der Zeitpunkt ist politisch: Es ist das erste E5-Treffen seit dem Gipfel im Juni 2025 in Den Haag.
Die Zusammensetzung ist dabei nicht nur Geografie, sondern Machtpolitik. Die E5 besteht aus den vier europäischen G7-Ländern und Polen, das sich als Interessenvertreter der osteuropäischen Staaten versteht. Damit entsteht jedoch Konkurrenz zum kleineren E3-Format, das bislang die Friedens- und Vermittlungsbemühungen im Sinne der Europäer wesentlich stärker prägte. Im E3 sitzen Deutschland, Frankreich und Großbritannien – Länder, die in der Regel schneller zu geschlossenen Positionen finden, aber in der EU auch wiederholt auf Widerstand trafen, weil andere Staaten ihre Einbindung als zu gering wahrnehmen.
Genau dieser Konflikt dürfte in Berlin sichtbar werden. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk pocht darauf, dass Polen „am Tisch sitzen“ müsse, um „ernsthaft über die Zukunft der Ukraine und der Region zu sprechen“. Diese Argumentation hat eine klare Logik: Wenn regionale Sicherheitsinteressen – etwa entlang der östlichen Außengrenze – faktisch nicht in den frühesten Verhandlungssträngen berücksichtigt werden, verschieben sich später die politischen Kosten. In Brüssel war zudem zuletzt die Frage aufgekommen, wer mit Russland sprechen darf und über welche Kanäle Informationen austauscht werden.
Das Spannungsfeld reicht bis in die operative Diplomatie hinein. Beim EU-Gipfel sorgte nämlich Berichten zufolge eine Kontaktaufnahme zu Russland durch das Team des EU-Ratspräsidenten António Costa für Irritationen, weil sie nicht abgestimmt gewesen sein soll. Einige Staaten unterstützten die Initiative, während andere – darunter auch die deutsche Delegation – darin einen Affront gegen das E3 sahen. Damit wird zugleich eine Standardfrage der Außen- und Sicherheitspolitik berührt: Selbst wenn alle Beteiligten dasselbe Ziel verfolgen, entscheidet die Architektur der Kommunikationswege darüber, ob Beschlüsse als legitim gelten oder ob Vertrauensbrüche entstehen.
Auch auf der britischen Schiene wird es kurzfristig. Neben Tusk, Macron und Meloni reist Premier Keir Starmer nach Berlin, obwohl er den Rücktritt angekündigt hat. Für die USA wiederum ist der europäische Beitrag ein Doppelreiz: NATO-Generalsekretär Mark Rutte wird aus Washington zugeschaltet, wo er sich anschließend mit US-Präsident Donald Trump trifft. Aus Sicht der Vereinigten Staaten erwarten sie mehr Engagement der Europäer für die Bündnisverteidigung. Gleichzeitig soll die Sorge wuchern, dass europäische Unterstützung im Iran-Kontext – dort, wo die USA im Februar an der Seite Israels militärisch aktiv geworden sind – bislang nicht den erhofften Umfang erreicht.
Rutte versucht derweil, den Ton zu entschärfen. Vor dem Treffen mit Trump verwies er laut US-Medien darauf, es gebe zwar Enttäuschung, diese betreffe aber „Einzelfälle“. Solche Formulierungen sind in der NATO-Realität mehr als PR: Sie sollen verhindern, dass aus konkreten Differenzen ein politisches Gesamtbild entsteht. Frankreich, Großbritannien und Deutschland wollen daher offenbar parallel signalisieren, dass sie in einem Szenario anhaltender Waffenruhe mehr Sicherheitsverantwortung übernehmen, etwa durch verstärkte Präsenz mit Minenjagdbooten und Kriegsschiffen in der Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman, also in der strategisch bedeutsamen Straße von Hormus.
Wichtig ist: Diese Debatten lassen sich nicht losgelöst von technischen und organisatorischen Abläufen denken. Verteidigungsplanung hängt heute stark an Datenflüssen – von Lagebildern über Kommunikationsketten bis zu Zuweisungen für Sensor- und Wirkungsketten. Genau deshalb gewinnt auch das Thema Sicherheit in der Informationsverarbeitung an Bedeutung: Wenn Europäer operativ enger kooperieren, müssen sie zugleich die Vertraulichkeit wahren, Rollen klar definieren und in der Praxis sicherstellen, dass Austauschformate mit europäischen Datenschutz- und Informationsschutzanforderungen kompatibel bleiben. Auch für Unternehmen, die Software für Einsatzunterstützung, Logistik oder Identitätsmanagement liefern, wird diese „Compliance-by-Design“-Logik damit relevanter.
Historisch betrachtet zeigt die E5/E3-Frage, wie sich Bündnisdiplomatie entwickelt. Schon in früheren NATO-Phasen prägten „kleinere Koalitionen“ die Schlagzahl, während breitere Formate oft erst später einbezogen wurden. Der Unterschied heute: Die Erwartung der USA an sichtbare Beiträge nimmt zu, während in Europa die politischen Mandate heterogener werden. Der E3-Ansatz kann in der Sache schnell sein, aber er stößt bei Staaten außerhalb des direkten Dreierkerns auf Legitimationsfragen. Umgekehrt kann der E5-Ansatz zwar mehr Akteure konsolidieren, muss aber zusätzliche Abstimmungsreibung in Kauf nehmen.
Für die Zukunft ist entscheidend, ob Berlin eine dauerhafte Brücke baut – oder ob es bei einem „Pre-Gipfel-Formular“ bleibt. Sollte der E5-Rahmen die Ukraine- und Sicherheitslinien verbindlicher festlegen, könnten sich Entscheidungswege beschleunigen und gleichzeitig die Einbindung osteuropäischer Interessen institutionalisieren. Gelingt das nicht, drohen wiederkehrende Parallelstrukturen, in denen Vermittlungskanäle konkurrieren und operative Sicherheitsplanungen später nachjustiert werden müssen. Unternehmen in der europäischen Verteidigungs- und Sicherheits-IT sollten deshalb ihre Architektur für Rollen- und Freigabekonzepte, Auditierbarkeit und sichere Datenräume weiter schärfen – denn die nächste „Lastenverteilung“ wird nicht nur militärisch, sondern auch infrastrukturell entschieden.
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