BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Wer in Deutschland energieeffizient neu baut, soll bis Jahresende weiter auf staatliche Unterstützung setzen können. Die Bundesregierung stockt dafür den Fördertopf für Effizienzhäuser mit EH55-Standard auf, nachdem 800 Millionen Euro sonst wohl vorzeitig aufgebraucht gewesen wären. Vorgesehen sind zinsverbilligte KfW-Kredite, bei denen die Baugenehmigung bereits vorliegen muss. Offen bleibt, wie hoch die zusätzliche Summe ausfällt und wie sich die KfW-Zinsen bis Jahresende entwickeln.

In der deutschen Wohnungspolitik wirkt die EH55-Förderung seit Jahren wie ein Taktgeber: Sobald die Finanzierungssicherheit ins Wanken gerät, frieren Bauherren Projekte ein. Genau dieses Risiko adressiert die Bundesregierung offenbar mit einem spürbaren Signal an die Planungssicherheit. Berichten zufolge stockt das Bauministerium den Fördertopf für Effizienzhäuser mit dem Standard EH55 bis Jahresende auf, nachdem das ursprünglich eingeplante Budget von 800 Millionen Euro nach Angaben aus dem Ressort sonst bereits vor Ende des Jahres ausgeschöpft gewesen wäre. Ziel sei, dass Bauherren nicht leer ausgehen und damit genehmigte, aber noch nicht realisierte Neubauvorhaben nicht weiter aufgeschoben werden.
Technisch knüpft die Förderung an klare energetische Kennwerte: Gefördert werden Neubauten, die nur 55 Prozent der Energie verbrauchen, die ein Standardhaus laut EH-Referenz benötigt. Zusätzlich müssen Bauvorhaben die Wärme zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien erzeugen. Damit sind Häuser mit klassischen Öl- oder Gasheizungen aus dem Programm ausgeschlossen. Für viele Projekte bedeutet das eine frühe Weichenstellung bei der Wärmeerzeugung, weil die Entscheidung zwischen Wärmepumpe, regenerativer Versorgung und Anlagenkonzepten eng mit der Auslegung von Gebäudehülle und Haustechnik zusammenhängt. Auch die formalen Voraussetzungen sind anspruchsvoll: Bei Antragstellung muss die Baugenehmigung bereits vorliegen.
Über die finanzielle Mechanik heißt es, dass die Förderung über zinsverbilligte Kredite der KfW erfolgt. In der Praxis ist das weniger ein „Zuschussversprechen“ als vielmehr eine Strukturfrage für die Wirtschaftlichkeit: Die Zinskosten beeinflussen die Annuität, damit wiederum Mietkalkulationen, Investitionsentscheidungen und das Timing in der Projektpipeline. Zwar betont Bauministerin Verena Hubertz (SPD) die gestiegene Nachfrage und dass Bauherren mit Baugenehmigung bis zum Jahresende weiter auf die Förderung setzen können, doch das Ministerium nennt in der Mitteilung keine konkrete Höhe der zusätzlichen Mittel. Ebenso bleibt nach derzeitigem Stand offen, wie sich die KfW-Zinssätze bis Jahresende entwickeln werden, was für Unternehmen mit enger Liquiditätsplanung ein relevanter Unsicherheitsfaktor bleibt.
Die politische Dimension wird besonders deutlich, wenn man den jüngeren Kurswechsel im Blick behält: Laut Angaben im Text hatte die Ampel-Regierung die EH55-Förderung zwischenzeitlich eingestampft. Für Investoren bedeutete das, dass viele Planungen nicht nur verzögert, sondern teils „auf Eis“ gelegt wurden. Hubertz versucht nun, genau an diesem Punkt anzusetzen, indem sie nicht nur Neubauanträge adressiert, sondern die Lücke bei bereits vorhandenen Projekten verkleinern will. Als konkrete Größenordnung nennt der Bericht rund 52.100 Wohnungen, die genehmigt, aber nicht gebaut waren, jetzt jedoch in der Umsetzung seien. Im Kern geht es damit um die Entkopplung von Förderlogik und Bauausführung: Genehmigungen sollen nicht länger ins Leere laufen, wenn die Finanzierungssicherheit wiederhergestellt wird.
Auch die Branche ordnet die Maßnahme in erster Linie als Liquiditäts- und Planungssignal ein. Der Präsident des Verbands der Bauindustrie, Olaf Demuth, erklärt, dass das ursprüngliche Förderbudget ohne Nachsteuerung bereits in der kommenden Woche ausgeschöpft worden wäre, wodurch zusätzliche Verunsicherung am ohnehin unruhigen Wohnungsmarkt entstanden wäre. Dem steht die Sicht des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft (GdW) gegenüber, der von 250 Millionen Euro Extra-Geld ausgeht. Präsident Axel Gedaschko unterstreicht dabei die Notwendigkeit, dass bereits genehmigte Bauvorhaben realisiert werden können, und fordert eine möglichst unterbrechungsfreie Verfügbarkeit der Förderung, damit Wohnungsunternehmen langfristig planen können. Für die Praxis ist das entscheidend, weil selbst genehmigte Projekte durch Lieferzeiten, Fachkräfteengpässe und Ausschreibungszyklen ohnehin unter Zeitdruck stehen.
Parallel verschiebt sich jedoch der Kostendruck im Neubau weiter nach oben, was die EH55-Förderung zwar stützt, aber nicht jede wirtschaftliche Hürde automatisch nivelliert. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts lagen die Preise für den Neubau normaler Wohngebäude im August 5,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Besonders stark stiegen dem Bericht zufolge Dacharbeiten; auch Zimmer- und Holzbauarbeiten verteuerten sich. Nicht ganz so stark zogen hingegen Mauer- und Betonarbeiten an. Im Innenausbau treiben außerdem Elektroanlagen und Heizanlagen die Kosten, sodass selbst bei geförderter Energieeffizienz die Budgetierung für Haustechnik und Gewerke weiterhin sensibel bleibt. Genau hier kann sich die Programmlogik bemerkbar machen: Wer die Wärmeerzeugung auf erneuerbare Energien auslegt, muss dennoch mit steigenden Investitionssummen rechnen.
Für Unternehmen in der Wohnungswirtschaft und für Projektentwickler ist damit die zentrale Frage weniger, ob EH55-Förderung „existiert“, sondern wie belastbar die Förderbedingungen bis zum Jahresende wirklich sind. Die technisch klare Ausrichtung auf 100 Prozent erneuerbare Wärme und die bereits notwendige Baugenehmigung helfen zwar bei der Vorhersagbarkeit, doch zwei Stellschrauben bleiben: die Höhe der zusätzlichen Mittel und die konkrete Zinsentwicklung bei den KfW-Krediten. In der Projektpraxis bedeutet das, dass Finanzierungszusagen möglichst früh gesichert werden müssen, während gleichzeitig die energetische Auslegung (insbesondere für die Heizung) feststeht. Sobald diese Parameter klarer werden, dürfte sich auch die Investitionsbereitschaft für bereits geplante Vorhaben erhöhen – zumindest dort, wo Förderfähigkeit und Baufortschritt zusammenpassen.
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