LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus der Evolutionspsychologie verbindet das Gefühl, im Vergleich zum Partner austauschbar zu sein, mit mehr Konflikten und stärkerem Konkurrenzdenken. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in Bezug auf potenzielle Rivalen, während die Rolle von Eifersucht bei „primären“ Partnerschaften differenzierter ausfällt. Bei Menschen in einvernehmlicher Nicht-Monogamie sinken Spannungen dagegen häufiger, wenn sie Eifersucht offen ansprechen und Freude über die anderen Beziehungen des Partners zeigen. Gleichzeitig betonen die Autorinnen, dass das Studiendesign nur Momentaufnahmen liefert und keine Kausalität beweist.

Eifersucht und Beziehungsstress: Studie verknüpft eigenes „Mate Value“-Gefühl mit Konflikten
Eifersucht und Beziehungsstress: Studie verknüpft eigenes „Mate Value“-Gefühl mit Konflikten (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine neue Untersuchung in der Evolutionspsychologie legt nahe, dass Eifersucht nicht nur aus konkreten Situationen entsteht, sondern auch aus einem inneren Vergleichsmaß: dem sogenannten „Mate Value“, also der wahrgenommenen Attraktivität und Eignung als romantischer Partner. Entscheidend ist dabei weniger, wie das Gegenüber sich selbst einschätzt, sondern wie stark jemand sich selbst im Verhältnis zum Partner als ersetzbar erlebt. Wer sich als austauschbarer wahrnimmt als die primäre Bezugsperson, berichtet im Mittel über mehr Konflikte und ein stärkeres Konkurrenzgefühl – unabhängig davon, ob die Beziehung monogam oder offen geführt wird.

Der Begriff „Mate Value“ beschreibt in diesem Kontext nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern eine Bündelung aus Eigenschaften wie Persönlichkeit, sozialem Status, emotionaler Stabilität und dem Zugang zu Ressourcen. In der Paarwahrnehmung kommt es dann häufig zu einer „Mate Value Discrepancy“: Partner vergleichen sich und nehmen Unterschiede in diesen Dimensionen wahr. Frühere Arbeiten hatten insbesondere für monogame Beziehungen gezeigt, dass ein Gefühl niedriger eigener Attraktivität Unsicherheit auslösen kann. Diese Unsicherheit wiederum kann sich in Eifersucht und in sogenannten „Mate Retention“-Verhaltensweisen niederschlagen, also Strategien, die den Partner vor vermeintlichen Rivalen schützen sollen.

Neu ist an der aktuellen Studie vor allem der Blick über das Monogamie-Szenario hinaus. Viele frühere Datensätze betrachteten Beziehungen mit dem theoretischen Effekt, Konkurrenz zwischen mehreren Partnern sei weniger präsent. Einvernehmliche Nicht-Monogamie (CNM) funktioniert dagegen nach anderen Regeln: Partner vereinbaren explizit, dass romantische oder sexuelle Beziehungen mit weiteren Personen erlaubt sind. Dadurch entsteht eine regelmäßige Exposition gegenüber Unterschieden im wahrgenommenen „Mate Value“ der zusätzlichen Kontakte. Die Autorin Faith L. Swanson, Psychologieforscherin an der Texas State University, wollte deshalb testen, ob dieselben evolutionspsychologischen Mechanismen auch in CNM-Konstellationen greifen – oder ob sich Menschen in der Praxis anders anpassen.

Für die Analyse werteten die Forschenden Daten von 512 Teilnehmenden aus: 312 Personen in monogamen Beziehungen und 200 Personen in CNM. Rekrutiert wurden die Teilnehmenden über soziale Medien und Online-Foren; die Stichprobe war international und reichte über 62 Länder, wobei die Mehrheit als weiß, weiblich und in Europa oder Nordamerika lebend beschrieben wurde. Über Online-Fragebögen sollten die Teilnehmenden ihre eigene „Mate Value“-Einschätzung sowie die Einschätzung für bis zu zwei aktuelle romantische Partner quantifizieren. Dazu bewerteten sie unter anderem, wie schwierig es wäre, sich selbst oder den jeweiligen Partner in Bereichen wie körperliche Attraktivität, emotionale Stabilität oder finanzielle Ressourcen zu ersetzen. Außerdem wurde Konflikthäufigkeit abgefragt, und Eifersucht wurde über das erwartete Ausmaß an Distress gemessen, falls der Partner intim mit einer anderen Person würde.

Die Studie differenziert dabei auch die Formen von „Mate Retention“. Statt nur ein generelles Eifersuchtsbild zu erfassen, teilen die Forschenden typische Strategien in „Benefit-Provisioning“ ein (positive Verhaltensweisen wie Geschenke oder Zuwendung) und „Cost-Inflicting“-Strategien (negative Verhaltensweisen wie das monopolartige Beanspruchen von Zeit oder das Abwerten von Mitbewerbern). Zusätzlich wurde die sogenannte intrasexuelle Konkurrenz erfasst – also die Tendenz, Personen des gleichen Geschlechts als Rivalen um romantische Aufmerksamkeit zu sehen. Für CNM-Beziehungsverläufe kamen weitere Dimensionen hinzu, etwa konkrete Formen des Beziehungsmanagements wie das offene Thematisieren anderer Anziehungen, das bewusste Ansprechen von Eifersucht, das Festlegen einer Partnerhierarchie sowie „Compersion“, also Freude oder positive Emotionen, wenn der Partner romantisch oder sexuell mit jemand anderem involviert ist.

Die Ergebnisse zeichnen kein einfaches „Je niedriger der Mate Value, desto mehr Eifersucht“-Bild, sondern zeigen mehrere nuancierte Muster. Über monogame und CNM-Beziehungen hinweg berichteten Personen, die sich selbst als unterlegen im „Mate Value“ sahen, häufiger über Konflikte und über mehr Konkurrenz gegenüber potenziellen Rivalen. Aus evolutionspsychologischer Sicht passt das zur Erwartung, dass ein Gefühl von geringerer Ersetzbarkeit die Aufmerksamkeit für Beziehungsauslöser erhöht – denn der Verlust eines wertvollen Partners könnte aus „historischer“ Perspektive bedeutsame Konsequenzen gehabt haben. Gleichzeitig widersprachen die Daten teils früheren Annahmen: In primären Beziehungen sagten „Mate Value Discrepancies“ nicht durchgängig zuverlässig voraus, ob Eifersucht oder „Mate Retention“ anziehen würden. Stattdessen zeigten sich die stabileren Zusammenhänge eher bei Konflikt und intrasexueller Konkurrenz.

Noch stärker wird die Differenzierung beim Vergleich von primären und sekundären Kontakten. Sekundäre Partner sind in diesem Forschungskontext typischerweise weniger tief verankert oder die Beziehung ist neuer als zur primären Bezugsperson. In CNM zeigte sich zudem ein besonders interessantes Muster: Wer sich im Vergleich zu einem sekundären Partner als höher im „Mate Value“ einschätzte, berichtete häufiger über Konflikte, Eifersucht und „Mate Retention“. Die Autorin verknüpft das plausibel mit der geringeren Stabilität neuerer Beziehungen: Grenzen und Routinen der Konfliktlösung sind weniger etabliert, wodurch wahrgenommene Unterschiede in Attraktivität schneller zu Frustration werden können, etwa wenn jemand bestimmte Qualitätsansprüche erwartet oder befürchtet, dass die instabile Vereinbarung wieder zerbrechen könnte. Gleichzeitig finden sich in der Studie Hinweise, dass Kommunikationsstrategien messbar entspannend wirken: Offenes Besprechen von Eifersucht sowie das Teilen von Anziehungserlebnissen gingen häufiger mit weniger Spannungen einher. Demgegenüber war die Zustimmung zu einer klaren Partnerhierarchie mit mehr Konflikt und häufigeren „Mate Guarding“-Tendenzen verbunden. In der Gesamtlogik verweist das darauf, dass emotionale Prozesse zwar evolutionsbiologisch grundiert sein können, ihre konkrete Ausprägung aber stark davon abhängt, wie Paare sie in der Praxis strukturieren – etwa durch Kommunikation, Vertrauen und Verhandlung.

Wichtig bleibt, wie stark man die Befunde zeitlich und kausal interpretieren darf. Das Design der Untersuchung ist querschnittlich, also eine Momentaufnahme; die Autorin betont daher, dass sich aus den Daten keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Richtung ableiten lässt. So ist ebenso denkbar, dass erlebter Konflikt und Konkurrenz das Selbstbild über „Mate Value“ beeinflussen. Hinzu kommt eine methodische Einschränkung: Die Stichprobe für Analysen zu sekundären Partnern war kleiner; nur 88 Personen lieferten Daten für einen zweiten Partner, was die statistische Aussagekraft einzelner Teilbefunde begrenzen kann. Genau hier setzt die geplante Anschlussforschung an: Längsschnittstudien, die Daten von beiden Mitgliedern eines Paares erfassen, sollen helfen, reziproke Dynamiken zu entwirren. Die Studie erscheint unter dem DOI How Perceived Mate Value Discrepancies are Related to Jealousy, Mate Guarding, Intrasexual Competition, and Partner Conflict in Monogamous and Consensually Nonmonogamous Relationships und wurde von Faith L. Swanson, Rhonda N. Balzarini, Justin K. Mogilski und Taylor M. Himes verfasst.


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