LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Beobachtungsstudie aus der NutriNet-Santé-Kohorte verbindet unregelmäßige Essenszeiten mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Pro zusätzlicher Stunde Zeitverschiebung zwischen Werktag und Wochenende steigt die Gefahr um 14% (Hazard Ratio 1,14). Besonders deutlich fällt der Effekt bei Männern aus: Für koronare Herzkrankheiten liegt die Erhöhung bei 21%. Die Daten legen zudem nahe, dass Schlafdauer und allgemeine Ernährungsqualität den Zusammenhang nicht vollständig erklären.

Essens-Jetlag erhöht KHK-Risiko: Studie nennt 14% mehr Gefahr je Stunde
Essens-Jetlag erhöht KHK-Risiko: Studie nennt 14% mehr Gefahr je Stunde (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn der Alltag an Werktagen noch halbwegs durchgetaktet ist, das Wochenende aber mit späteren Mahlzeiten beginnt, entsteht für den Körper schnell ein Rhythmusbruch. Genau dieses Muster untersucht die aktuelle Beobachtungsstudie näher: den sogenannten Essens-Jetlag, also die zeitliche Differenz des Essfensters zwischen Werktagen und Wochenende. Die Kernaussage ist dabei weniger „magischer“ Lifestyle-Effekt als vielmehr ein messbarer Zusammenhang zwischen Timing und Herzgesundheit, der im Datensatz auch dann sichtbar bleibt, wenn man andere Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt.

Die Analyse basiert auf der französischen NutriNet-Santé-Kohorte mit insgesamt 104.806 Erwachsenen, die zwischen 2009 und 2023 rekrutiert und begleitet wurden. Im Schnitt waren die Teilnehmenden 42 Jahre alt, wobei 79% Frauen waren. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 8,1 Jahren traten 2.368 neue Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Davon entfielen 1.270 Fälle auf koronare Herzkrankheiten (KHK) und 1.098 Fälle auf zerebrovaskuläre Erkrankungen, darunter Schlaganfälle. Die in der Fachpublikation Communications Medicine veröffentlichte Studie ordnet damit eine große Zahl real beobachteter Gesundheitsereignisse einem detaillierten Muster der Essenszeiten zu.

Aus der statistischen Auswertung ergibt sich ein klarer Risikoanstieg mit zunehmender Verschiebung: Pro zusätzlicher Stunde Essens-Jetlag steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um den Faktor 1,14. Das entspricht einer relativen Erhöhung von 14%. Für koronare Herzkrankheiten wird der Zusammenhang bei Männern sogar noch deutlicher: Hier liegt die Risikozunahme bei 21% (Hazard Ratio 1,21) pro zusätzlicher Stunde Zeitverschiebung zwischen Werktag und Wochenende. Bemerkenswert ist zudem, dass sich bei weiblichen Studienteilnehmern in dieser Auswertung keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen unregelmäßigen Essenszeiten und Herzerkrankungen zeigen.

Auch die Richtung der Verschiebung spielt laut den Ergebnissen eine Rolle. In der Kohorte hatten 71% ein stabiles Essensprogramm, etwa 24% verlegten ihre Mahlzeiten am Wochenende später, und rund 5% nahmen sie früher ein. Die Studie berichtet damit nicht nur über „mehr oder weniger“, sondern auch über „vorverlegt oder hinausgeschoben“: In der Advance-Gruppe, die das Essfenster um etwa 2 Stunden nach vorne verlagert, steigt das KHK-Risiko um 44%. In der Delay-Gruppe, deren Verzögerung rund 1 Stunde und 40 Minuten beträgt, liegt der Anstieg bei 36%. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Männern, deren Wochenendessenszeiten etwa 2 Stunden früher lagen als an Werktagen; hier wurde ein um 68% erhöhtes KHK-Risiko ermittelt.

Technisch betrachtet ist diese Art Ergebnis für die Präventionsdebatte deshalb interessant, weil es nicht vollständig über „was“ gegessen wird erklärt werden kann. Die Studie stellt explizit heraus, dass der beobachtete Zusammenhang unabhängig von der allgemeinen Ernährungsqualität und der Schlafdauer der Teilnehmenden bestand. Das spricht dafür, dass die zeitliche Konsistenz der Nahrungsaufnahme selbst einen eigenständigen Einflussfaktor darstellt. Für Betroffene bedeutet das ganz praktisch: Selbst wenn das Wochenende „nur“ um ungefähr eine Stunde und vierzig Minuten abweicht, zeigt der Datensatz bereits ein messbar höheres KHK-Risiko. Wer also seine Routine kennt, kann sie gezielt stabilisieren, statt die Abweichung am Samstagabend als reines „Gewohnheitsthema“ abzutun.

Der medizinische und gesellschaftliche Kontext verschärft die Relevanz: Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen global zu den größten Gesundheitslasten. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation verursachten sie 2022 weltweit etwa 19,8 Mio. Todesfälle. In dieser Größenordnung reicht es nicht, nur auf einzelne Risikofaktoren wie Cholesterin oder Bewegung zu schauen; zeitliche Verhaltensmuster könnten als zusätzlicher Hebel in Präventionsstrategien an Bedeutung gewinnen. Für Unternehmen und die digitale Gesundheitsbranche folgt daraus ein klarer Bedarf an messbaren, alltagstauglichen Ansätzen: Essens-Timing lässt sich protokollieren, vergleichen und schließlich in Routinen überführen, ohne zwingend Ernährungspläne komplett neu zu schreiben.


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