DUBLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission prüft, ob der chinesische Online-Marktplatz Temu Ermittlungen behindert. Dabei geht es unter anderem um eine mögliche unrechtmäßige staatliche Unterstützung, die den europäischen Binnenmarkt verzerren könnte. In Dublin liefen dafür aus Sicht der Behörde Prüfungen bei Temus Eigentümerin PDD und deren Tochter WhaleCo. Temu kann nun auf die Bedenken reagieren, während das Verfahren weiterläuft.

EU-Kommission prüft Temu wegen möglicher Behinderung und staatlicher Hilfe
EU-Kommission prüft Temu wegen möglicher Behinderung und staatlicher Hilfe (Foto: IT BOLTWISE)
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Temu hat in Europa längst eine Debatte über Preisgestaltung, Produktsicherheit und Marktmacht ausgelöst. Jetzt kommt eine zweite Ebene dazu: Die EU-Kommission bewertet Hinweise, die auf mögliche unrechtmäßige staatliche Unterstützung eines großen Akteurs hindeuten. Damit verschiebt sich der Fokus von einzelnen Angeboten hin zu der Frage, ob hinter dem Geschäftsmodell Rahmenbedingungen stehen, die innerhalb der EU einen fairen Wettbewerb systematisch verzerren. Laut Behörde wird das chinesische Online-Shoppingportal in der EU über den Konzern PDD und dessen Tochter WhaleCo betrieben.

Im Zentrum der aktuellen Prüfung steht die Darstellung der Kommission, wonach Temu Ermittlungen nicht vollständig ermöglicht habe. Die Brüsseler Behörde wollte Anfang Dezember 2025 Hinweisen nachgehen, dass möglicherweise staatliche Mittel in den Konzern geflossen seien, um den Marktzugang oder das Wachstum in Europa zu stützen. Für die Prüfung sollte sie zunächst unangekündigt Unterlagen und Geschäftsbücher bei Temus Eigentümerin PDD sowie bei WhaleCo im irischen Dublin einsehen. Nach Angaben der Kommission hätten die Unternehmen jedoch nicht alle angeforderten Dokumente vorgelegt, darunter bestimmte Unterlagen, sodass die Behörde nicht alles prüfen konnte.

Der rechtliche Hebel liegt dabei nicht nur im Inhalt der Vermutung, sondern auch in den Verfahrensbedingungen. Wenn die Kommission zu dem Schluss kommt, dass ein Verstoß gegen EU-Recht vorliegt, kann sie eine Sanktion verhängen, die bis zu einem Prozent des Gesamtumsatzes betragen kann. Diese Obergrenze ist vor allem deshalb relevant, weil sie Unternehmen mit sehr großen weltweiten Erlösen empfindlich treffen kann, selbst wenn der konkrete Streit vornehmlich einen Teilmarkt betrifft. Temu wird nach der Darstellung der Behörde nun die Möglichkeit haben, auf die Bedenken zu reagieren und die aus Sicht der Kommission als problematisch bewerteten Aspekte zu adressieren.

Unabhängig von diesem Strang untersucht die EU-Kommission weiter, ob Temu staatliche Gelder bekommen hat, die den Binnenmarkt verzerren könnten. Dieser Teil ist auch technisch und wirtschaftlich komplex, weil es in der Praxis oft um die Abgrenzung geht: Welche Leistungen gelten als staatliche Beihilfe, wie ist ihre Zielsetzung einzuordnen, und welche Gegenleistungen stehen dem Unternehmen gegenüber? Gerade bei Konzernstrukturen mit Tochtergesellschaften wie WhaleCo und einem übergeordneten Eigentümer wie PDD hängt viel an der Dokumentationslage. Im Kern geht es darum, ob finanzielle Unterstützungsmechanismen so ausgestaltet waren, dass sie einen Wettbewerbsvorteil schaffen, der nicht marktüblich ist.

Zusätzlich zeigt die Historie, warum die Kommission die Angelegenheit so hart anfasst. Im Mai hatte die Behörde bereits eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro gegen Temu verhängt, und zwar wegen illegaler Produkte auf dem Online-Marktplatz. In demselben Zusammenhang nannte die EU-Kommission außerdem, dass der Anbieter zu diesem Zeitpunkt 130 Millionen Kunden in Europa erreicht habe. Für Deutschland ist die Relevanz ebenfalls hoch: Laut Behörde zählt Temu hier zu den größten Onlinehändlern. Solche Zahlen erhöhen den politischen und wirtschaftlichen Druck, weil eine große Reichweite auch bedeutet, dass Probleme bei Compliance, Produktqualität oder Wettbewerbseffekten schneller skaliert werden können.

Aus Markt- und Branchenperspektive hat das mehrere Konsequenzen. Einerseits beobachten andere Anbieter, wie die EU Ermittlungs- und Sanktionslogik operationalisiert, also wie stark sie bei Dokumentenanforderungen auf Vollständigkeit pocht und welche Schwelle zur Annahme eines prozeduralen Hindernisses gesetzt wird. Andererseits wird bei Unternehmen, die auf grenzüberschreitenden Onlinehandel setzen, der Aufwand steigen, die Nachweise über Geldflüsse, Entscheidungswege und finanzielle Zuwendungen so vorzuhalten, dass sie auch bei unangekündigten Prüfungen belastbar sind. Für die Einkaufsketten in Unternehmen, die sich über Plattformen mit Ware eindecken, kann das indirekt sogar die Liefer- und Preisstabilität beeinflussen, wenn regulatorische Maßnahmen zu Anpassungen in Angebot und Vermarktung führen.

Technisch betrachtet sind solche Verfahren eng mit der Art verknüpft, wie Konzerne Daten, Rechnungslegungsbelege und Governance-Informationen strukturieren. Wenn Dokumente nicht in der geforderten Form oder nicht vollständig bereitgestellt werden, entstehen Lücken, die sich später kaum noch schließen lassen. Die Kommission kritisiert hier genau diesen Punkt: Sie habe nicht alles prüfen können. In der Praxis entscheidet deshalb oft weniger die Größe des Datenbestands als die Frage, wie schnell und konsistent die relevanten Ausschnitte identifiziert, rechtlich eingeordnet und übermittelt werden. Für Temu bedeutet das, dass die Reaktion auf die Bedenken nicht nur juristisch, sondern auch operativ auf die Auswertung der konkreten Dokumentenanforderungen hinausläuft.

Wie der Fall ausgeht, ist noch offen: Die EU-Kommission hat nach eigenem Verfahren weiter im Blick, ob staatliche Gelder flossen, die den Binnenmarkt verzerren könnten. Gleichzeitig läuft das Verfahren zur Bewertung eines möglichen Rechtsverstoßes, der bei einer abschließenden Entscheidung im Extremfall mit einer Strafe von bis zu einem Prozent des Gesamtumsatzes verbunden sein kann. Für den europäischen E-Commerce ist die Botschaft jedenfalls klar: Der Markt kann wachsen, aber die Spielregeln in Bezug auf faire Wettbewerbsbedingungen und die Mitwirkung in Ermittlungen werden stärker überwacht. In den nächsten Schritten wird entscheidend sein, wie Temu und der Konzern die angeforderten Informationen nachreichen und welche Bewertung die Kommission daraus ableitet.


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