BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Europäische Erfinderpreis ehrt Rainer Marquardt für sein Lebenswerk in der Leistungselektronik. Im Mittelpunkt steht der Modulare Mehrpunkt-Converter (MMC), der sich durch modulare Skalierbarkeit und effiziente Umwandlung von Energie auszeichnet. Die Auszeichnung des Europäischen Patentamts rückt damit eine Technologie in den Fokus, die für Netze, Industrieantriebe und Energieumwandlung zunehmend zentral wird. Zum Festakt am 2. Juli in Berlin dürften auch Entscheider aus Wirtschaft und Forschung aufmerksam zuhören.

Europäischer Erfinderpreis für Rainer Marquardt: MMC revolutioniert Leistungselektronik
Europäischer Erfinderpreis für Rainer Marquardt: MMC revolutioniert Leistungselektronik (Foto: IT BOLTWISE)
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Leistungselektronik wirkt oft wie die „unsichtbare Infrastruktur“ moderner Energiesysteme: Ohne passende Umrichter lassen sich erneuerbare Quellen, Energiespeicher und industrielle Netze nicht zuverlässig koppeln. Dass der Elektroingenieur Rainer Marquardt nun mit dem Europäischen Erfinderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, ist daher mehr als eine persönliche Anerkennung. Im Zentrum steht seine Arbeit am Modulare Mehrpunkt-Converter (MMC), der als Weiterentwicklung klassischer Umrichterarchitekturen eine höhere Skalierbarkeit und präzisere Regelung über unterschiedliche Spannungs- und Lastbereiche hinweg adressiert. Gerade in Zeiten, in denen Netze wegen Volatilität und Lastsprünge flexibler werden müssen, erhält diese Richtung spürbar Rückenwind.

Technisch betrachtet bewegt sich der MMC in einer Generation von Umformern, die weniger auf „eine große Umrichter-Stufe“ setzen und stärker auf modulare Baugruppen. Das Prinzip: Viele einzelne Leistungsmodule können zusammen eine gewünschte Ausgangswellenform und Spannungsniveaus bilden, sodass sich Strom- und Spannungsverhalten fein abstimmen lassen. Der zentrale Vorteil liegt in der modularen Architektur, die nicht nur die Auslegung für höhere Stromleistungen erleichtert, sondern auch Wartungs- und Erweiterungsszenarien beeinflusst. Während konventionelle Umrichter häufig an Grenzen bei Skalierung und thermischer bzw. elektrischer Belastbarkeit stoßen, ermöglicht der MMC eine graduelle Vergrößerung der Leistung über Module.

Marquardt ist seit 1999 an der Universität der Bundeswehr München tätig und konzentriert seine Forschung auf Leistungselektronik. Schon die frühe Anmeldung eines ersten Patents für den Modularen Mehrpunkt-Converter im Jahr 2001 zeigt, dass es sich um eine langfristig gereifte Entwicklung handelt und nicht um einen kurzlebigen Prototyp. Für Unternehmen ist das besonders relevant, weil sich bei solchen Basistechnologien Wertschöpfung in mehreren Schichten ergibt: von der Umrichtertopologie über Steuerungsalgorithmen bis hin zu Fertigungs- und Testkonzepten. Der MMC-Ansatz kann zudem in unterschiedlichen Energieflüssen eingesetzt werden, etwa zur effizienten Umwandlung verschiedener Stromarten, Spannungen und Leistungsprofile in netznahe, steuerbare Größen.

In der Marktdynamik treffen solche Innovationen auf einen harten Wettbewerb. Während etablierte Anbieter wie ABB, Siemens oder auch Infineon entlang ihrer Wertschöpfungsketten an digitalen Regelungen, Halbleitern und Systemintegration arbeiten, steht die Topologie selbst im Wettbewerb mit alternativen Konzepten wie Cascaded H-Bridge oder Neutral-Point-Clamped-Varianten. Experten berichten, dass Entscheider in Energieprojekten zunehmend danach auswählen, welche Architektur über den Lebenszyklus die beste Mischung aus Effizienz, Regelgüte, Ausfallrobustheit und Integrationsaufwand liefert. Ein Ingenieur bringt es in der Diskussion um Umrichterkonzepte auf den Punkt: „Nicht die maximale Leistung entscheidet, sondern wie gut sich Leistung skalieren und kontrollieren lässt, wenn das Netz unruhig wird.“ Genau dort positioniert sich der MMC.

Vergleicht man die Wettbewerbslage, wird auch das Timing verständlicher: Moderne Netzinfrastruktur benötigt Umrichter, die mit wachsenden Anforderungen an Stabilität, getakteten Leistungsflüssen und zunehmender Elektrifizierung umgehen können. Branchenanalysen zeigen zudem, dass sich Investitionsbudgets in Richtung digitaler Steuerung, Telemetrie und Lifecycle-Optimierung verschieben, nicht nur in Richtung „mehr Hardware“. Für Betreiber und Systemintegratoren wird damit entscheidend, wie sich Umrichterkomponenten in bestehende Plattformen einbinden lassen. Hier können die Vorteile modularer Bauweisen indirekt zu Wettbewerbsvorteilen führen, weil sich Projekte schneller skalieren lassen und Anpassungen an neue Netzbedingungen mit geringerem Risiko umzusetzen sind.

Neben der reinen Technik gewinnt in diesem Kontext auch die IP- und Sicherheitsdimension an Bedeutung. Patente schützen nicht nur Erfindungen, sondern strukturieren auch die späteren Lizenz- und Implementierungswege in industriellen Projekten. Gleichzeitig entstehen bei großen Leistungselektroniksystemen Datenschutz- und Sicherheitsfragen indirekter Art: Umrichter sind zwar primär Hardware, aber ihre Steuerung wird zunehmend softwareseitig ergänzt, etwa durch Monitoring, Fernwartung oder Zustandsdatenanalyse. Für Unternehmen bedeutet das, dass Entwicklungs- und Betriebsteams Sicherheitsmaßnahmen entlang der gesamten Kette mitdenken müssen, von abgesicherten Kommunikationskanälen bis hin zu gesicherten Update-Mechanismen. So lässt sich verhindern, dass die Leistungsfähigkeit durch vermeidbare Cyberrisiken oder unkontrollierte Updates beeinträchtigt wird.

Der Europäische Erfinderpreis wird jährlich in mehreren Kategorien vergeben und fokussiert auf herausragende Innovationen. Die öffentliche Wahrnehmung dieser Auszeichnung wirkt in der Regel doppelt: Sie unterstreicht einerseits die technische Glaubwürdigkeit einer Lösung, andererseits verbessert sie die Signalwirkung gegenüber potenziellen Partnern und Förderern. Der Festakt am 2. Juli in Berlin dürfte deshalb auch für Investoren interessant sein, die Technologieentwicklungen frühzeitig einordnen wollen. In der Praxis kann das zu mehr Kooperationsanfragen, zu beschleunigten Transferprojekten an Hochschulen sowie zu Nachfragen nach industriellen Pilotierungen führen. Für den Standort Deutschland ist das ein zusätzlicher Hebel, weil F&E-Exzellenz hier häufig direkt mit Industriekompetenz und Lieferkettenfähigkeit verknüpft ist.

Mit Blick nach vorn deutet die Entwicklung des MMC auf einen klaren Trend: Leistungselektronik wird stärker modular, softwareintensiver und stärker auf Skalierung entlang realer Betriebsprofile ausgerichtet. Künftige Systeme werden wahrscheinlich noch stärker auf lernfähige Überwachungsstrategien setzen, um Effizienz und Lebensdauer zu optimieren, ohne die Sicherheit zu gefährden. Zugleich wird die Auswahl der Umrichterarchitektur bei Großprojekten stärker von messbaren Eigenschaften wie Regelgüte, Wirkungsgrad unter Teillast und der Fähigkeit zur adaptiven Reaktion auf Netzstörungen abhängen. Marquardts Auszeichnung macht damit auch für Entwickler und Systemintegratoren eines deutlich: Wer MMC-nahe Steuerungs- und Integrationskompetenz aufbaut, schafft sich eine wiederverwendbare Grundlage für Projekte im Energiesektor und in der Industrie. Damit wächst nicht nur das technische Angebot, sondern auch der Wettbewerb um die bestmögliche Umsetzung in realen Anlagen.


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