BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zur Belebung europäischer Börsengänge diagnostiziert das Kernproblem bereits vor dem Listing. Europäische Unternehmen seien beim IPO im internationalen Vergleich häufig zu klein, wodurch Liquidität und Anlegerinteresse nicht automatisch nachziehen. Als Ursache nennt die Untersuchung eine europäische Scale-up- und Wachstumsunterstützungslücke statt nur einen vermeintlich einfachen Regulierungsfehler. Der Bericht schlägt vor, Kapital aus Ersparnissen stärker in Aktien zu lenken, Fragmentierung im Handel zu reduzieren und mehr börsenreife Unternehmen aufzubauen.

Europas IPO-Problem startet vor dem Börsengang: Studie sieht Scale-up-Lücke
Europas IPO-Problem startet vor dem Börsengang: Studie sieht Scale-up-Lücke (Foto: IT BOLTWISE)
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Europa verliert im Wettlauf um Börsengänge an Dynamik – und zwar nicht erst während des Listing-Prozesses, sondern bereits in der Phase davor. Die Studie „How to revive Europe’s stock market listings“ der Bertelsmann Stiftung, des Centre for European Reform und des Jacques Delors Centre beschreibt das Problem als Scale-up-Problem: Aus innovativen Startups würden zwar erfolgreiche Unternehmen, doch häufig fehle der letzte Entwicklungsschritt, um als ausreichend große Emittenten an den Kapitalmarkt zu gehen. Der Blick auf Kennzahlen unterstreicht die Diagnose. Zwischen 2014 und 2025 lag der Wert der ausgegebenen Aktien bei 72 Prozent der europäischen Börsengänge unter 100 Millionen Euro; in den USA waren es 49 Prozent.

Wenn kleine Emissionen dominieren, verschiebt sich zwangsläufig auch die Anlegerbasis. In den USA erreichten 29 Prozent der Unternehmen bei ihrem Börsengang eine Marktkapitalisierung von mindestens einer Milliarde Euro, in Europa waren es lediglich zwölf Prozent. Das hat aus Marktsicht weniger mit „zu hohen Hürden“ allein zu tun, sondern mit einem frühen Kapitalkreislauf: Ohne ausreichend Wachstumskapital in späteren Finanzierungsrunden gelangen Firmen oft nicht in die Größenordnung, in der institutionelle Investoren routinemäßig größere Positionen aufbauen. Gleichzeitig ist der IPO-Markt in Europa dadurch weniger in der Lage, als sichtbarer „Exit“-Mechanismus zu funktionieren, der wiederum neues Wagniskapital und Private Equity anzieht. Genau diese Koppelung – Risiko- und Wachstumsfinanzierung auf der einen Seite, Exit-Fähigkeit über öffentliche Märkte auf der anderen – wird in der Studie als Grundlogik behandelt.

Auch der häufig diskutierte Reflex „einfach Zulassungsanforderungen senken“ wird in der Untersuchung differenziert eingeordnet. Die Argumentation lautet: Mehr Börsengänge allein schaffen nicht automatisch mehr Liquidität. Ebenso wenig führt eine rein regulatorische Anpassung zwingend zu einer stärkeren Nachfrage institutioneller Anleger. Stattdessen müsse Europa Unternehmen helfen, vor dem Börsengang skalierbarer zu werden. Das leitet direkt zu drei Handlungsfeldern über: Erstens sollen Europas Ersparnisse stärker mobilisiert werden – etwa über Rentenreformen und mehr private Aktienanlagen. Wenn mehr Haushaltsvermögen in Aktien fließt, steigt tendenziell auch die Nachfragebasis, die wiederum Bewertung und Liquidität stabiler machen kann.

Zweitens fordert der Bericht, Fragmentierung im Börsenhandel zu verringern. Der zentrale Gedanke ist dabei technisch-praktisch: Marktgetriebene Integrationsschritte könnten die Liquidität erhöhen und größere IPOs anziehen. Entscheidend ist, dass eine höhere Handelstiefe und bessere Preisbildung nicht nur kurzfristige Platzierungen begünstigen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Emittenten langfristig in europäischen Märkten bleiben. Dazu passt auch die Empfehlung, dass die Politik einen gesamteuropäischen Wachstumsmarkt für junge Unternehmen prüfen sollte – ein Instrument, das Brücken vom frühen Wachstum hin zur späteren Börsenreife schlägt und damit den Engpass im Übergang adressiert. Der dritte Schwerpunkt zielt auf „Börsenreife“: Der Binnenmarkt muss vollendet, Wachstumskapital für spätere Phasen bereitgestellt und Anreize für größere, hochwertige IPOs gesetzt werden.

Die Aussagen der genannten Policy-Vertreter setzen dabei die Tonlage: Claudia-Dominique Geiser, Senior Expert für EU-Wirtschaftspolitik, bringt die Diagnose auf den Punkt, indem sie betont, dass europäische Unternehmen für bessere öffentliche Aktienmärkte zu klein seien, wenn sie an die Börse gehen. Aus ihrer Sicht führt ein reines „Mehr IPOs durch Lockerungen“ nicht automatisch zu mehr Liquidität; nötig sei Unterstützung, damit Firmen wachsen können. James Green, Research Fellow beim Centre for European Reform, verknüpft das mit dem Innovations-Ökosystem: Ausbildung und Talente seien zwar ein Fundament, doch ein gut funktionierendes Risikokapital-Ökosystem müsse den Innovationsmotor speisen. Und Marlene Schoerner, Policy Fellow für EU-Finanzmärkte am Jacques Delors Centre, ordnet eine mögliche „gesamteuropäische Börse“ ebenfalls ein: Sie sei zwar attraktiv, könne jedoch vom „Pferd von hinten“ kommen, wenn fragmentierte Regulierung und fehlende grenzüberschreitende Infrastruktur den Handel weiterhin verteuern.

Für Unternehmen und deren Finanzierungsplanung bedeutet das eine Verschiebung im Erwartungsmanagement. Wer in Europa ein Listing anstrebt, sollte nicht nur die formalen Kriterien im Blick behalten, sondern auch die Kapitalstruktur, die operativen Wachstumsschritte und die Roadmap in Richtung einer Marktkapitalisierung, die für den öffentlichen Handel wirklich tragfähig ist. Gleichzeitig adressiert die Studie einen Marktmechanismus: Wenn öffentliche Aktienmärkte weniger sichtbar oder weniger liquide sind, wird der Übergang vom Wagniskapital zu späterem Wachstumskapital schwieriger – und damit wiederum die Zahl großer IPOs kleiner. Für Regulatoren und Marktgestalter liegt die Herausforderung daher weniger in einem einzelnen Stellhebel, sondern im Zusammenspiel: private Ersparnisse als stabile Nachfragequelle, Integration für mehr Liquidität sowie Kapitalangebote, die Unternehmen in Finanzierungsphasen tragen, die typischerweise vor dem Börsengang liegen. Genau hier beginnt die „Belebung“, die der Bericht nicht als Werbekampagne für den IPO-Markt versteht, sondern als Wiederaufbau des Innovationskreislaufs – von der Gründung über das Wachstum bis zur Finanzierung der nächsten Unternehmensgeneration.


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