LONDON (IT BOLTWISE) – Europa nutzt Künstliche Intelligenz intensiver als die USA, doch die Gewinne fließen größtenteils nach Amerika. Ein neuer Bericht zeigt, dass Europa zwar über viel Talent und Nutzung verfügt, jedoch an Kontrolle und Wertschöpfung verliert. Die strukturellen Herausforderungen und die Rolle der US-Plattformen werden dabei besonders hervorgehoben.

Europa steht im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz (KI) vor einer paradoxen Situation. Trotz einer intensiven Nutzung von KI-Technologien und einem reichen Talentpool fließen die Gewinne überwiegend in die USA. Ein Bericht von Prosus und Dealroom.co beleuchtet diese Diskrepanz und zeigt auf, dass Europa zwar kein Nachzügler in Sachen KI-Talent und -Nutzung ist, jedoch systematisch Kontrolle und Wertschöpfung an die USA verliert.
Ein zentraler Punkt des Berichts ist die intensive Nutzung von KI in Europa. In vielen europäischen Ländern liegt die KI-Adoption über dem Niveau der USA, mit doppelt so vielen monatlich aktiven Nutzern von großen Sprachmodellen. Dennoch stammen die dominanten Systeme aus den USA und China, was bedeutet, dass europäische Nutzer fremde Ökosysteme trainieren und finanzieren. Diese Abhängigkeit könnte dazu führen, dass ausländische Plattformen künftig Schnittstellen, Distribution und Datenfluss in Europa kontrollieren.
Ein weiteres Problem ist die Verteilung des KI-Talents. Während Europa und die USA in etwa gleich viele KI-Fachkräfte haben, arbeiten in Europa 53 Prozent dieser Talente in traditionellen Industrien wie Beratungsunternehmen und Banken, im Gegensatz zu nur 40 Prozent in den USA. In digital-nativen Techfirmen sind in Europa lediglich 33 Prozent der Fachkräfte beschäftigt, während es in den USA 46 Prozent sind. Dies zeigt, dass Europas KI-Problem nicht an den Universitäten, sondern in den Arbeitgeberstrukturen liegt.
Obwohl Europa eine vergleichbare Anzahl an KI-Startups wie die USA hervorbringt und 2025 ein Rekordjahr bei KI-Venture-Capital verzeichnete, öffnet sich die Finanzierungslücke in der Wachstumsphase massiv. Im sogenannten Breakout-Stadium investiert Europa dreimal weniger als die USA, im Late-Stage-Bereich sogar neunmal weniger. Mehr als die Hälfte des späten Kapitals für europäische KI-Startups stammt aus dem Ausland, vorwiegend aus den USA. Dies führt zu der zugespitzten Formel: „Europa bringt die Startups hervor. Amerika gehören sie.“
Strukturell zeigt der Bericht weitere Defizite auf. Europa beherbergt zwar rund 16 Prozent der weltweiten Rechenzentren, kommt bei spezialisierter KI-Recheninfrastruktur jedoch auf weniger als fünf Prozent des globalen AI-Compute. Zudem entfallen nur drei Prozent der weltweit neuen KI-Patente auf Europa, gegenüber 70 Prozent in den USA und 14 Prozent in China. Diese Zahlen verdeutlichen die Herausforderungen, vor denen Europa steht, um seine technologische Souveränität zu stärken.
Die EU versucht, gegenzusteuern. Initiativen wie die „Apply AI Strategy“ sollen KI als strategisches Asset in Industrie und Verwaltung einbetten. Doch Kritiker warnen, dass Europa weiterhin als Absatzmarkt für amerikanische KI-Technologien fungieren könnte, statt eigene technologische Souveränität aufzubauen. Die fehlende Infrastruktur und die fragmentierte Regulierungslandschaft mit über 100 technologiebezogenen Gesetzen und 270 Regulierungsbehörden bremsen den Fortschritt zusätzlich.
Das größte Problem Europas ist wohl die mangelnde Infrastruktur. Es fehlen Konzerne wie Google, Amazon oder NVIDIA, die Milliarden in den Aufbau gigantischer Rechenzentren investieren. Selbst wenn die EU beim Know-how auf akademischem Level konkurrieren könnte, hinkt die Infrastruktur für Entwicklung und Betrieb Jahre hinterher. Ein EU-einheitlicher Ansatz scheint hier vielversprechend, ist aber komplex in der Organisation.
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