KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutschen Flüsse haben im hydrologischen Jahr 2025/26 über Monate hinweg nur sehr wenig Wasser geführt. Eine Auswertung des Science Media Center nennt Niedrigwasser als deutlich häufiger als in früheren Jahren und stützt sich dabei auf Messdaten des Niedrigwasserinformationssystems (NIWIS). Für neun große Flussgebiete wurde das Jahr durch Niedrigwasser geprägt; bereits im Januar 2026 galt rund ein Fünftel der Abflüsse als sehr oder extrem niedrig. Als Ursache rücken vor allem hitze- und trockenheitsbedingte Sommerphasen statt klassischer Winter-Ereignisse in den Fokus.

Im hydrologischen Jahr 2025/26, das jeweils am 31. Oktober endet, hat sich in Deutschland ein Muster verdichtet, das langfristig nicht gut für Ökosysteme und Infrastruktur aussieht: Über Monate hinweg liefen viele Flüsse mit ungewöhnlich wenig Wasser. Laut einer Auswertung des Science Media Center sei Niedrigwasser in diesem Zeitraum deutlich häufiger aufgetreten als in den Vorjahren. Das Entscheidende daran ist weniger die einzelne Wetterlage, sondern die Kombination aus anhaltendem Wasserdefizit und einem Jahresverlauf, der die natürlichen Speichermechanismen schwächt. In der üblichen Winterphase würden sich die Wasservorräte nach und nach wieder auffüllen, weil im Winterhalbjahr vergleichsweise wenig verdunstet und Niederschläge häufig als „Speicherladung“ wirksam werden. Genau dieses Auffüllen habe es in 2025/26 aber nur eingeschränkt gegeben, weshalb Böden, Grundwasser und Flüsse bereits im Winter mit großen Defiziten gestartet seien.
Als Datenbasis nennt das Science Media Center das Niedrigwasserinformationssystem (NIWIS). Für das hydrologische Jahr 2025/26 habe das System in neun großen Flussgebieten Deutschlands Niedrigwasser gemessen. Besonders auffällig sei die Verteilung über die Zeit: Bereits im Januar 2026 sei rund ein Fünftel der Abflüsse, also der Wassermengen, die pro Sekunde einen Flussquerschnitt passieren, als „sehr niedrig“ oder „extrem niedrig“ eingestuft worden. Im Sommerhalbjahr habe sich das Niveau weiter verfestigt: Im August und September lag der Anteil dieser beiden Kategorien den Angaben zufolge bei 35 Prozent. Die Einstufung beruht dabei auf einem statistischen Vergleich mit den Werten derselben Jahreszeit aus dem Referenzzeitraum 1991 bis 2020. Praktisch heißt das: „Sehr niedrig“ bedeutet, dass der Abfluss zu den niedrigsten fünf Prozent der Vergleichswerte gehört; „extrem niedrig“ fällt, wenn er unter das niedrigste ein Prozent sinkt. Diese Definition macht deutlich, warum die Meldung nicht nur gefühlt, sondern in den Messreihen begründet ist.
Welche Mechanismen hinter dem Verlauf stecken, wird im Bericht durch zwei Perspektiven ergänzt: eine klimahydrologische und eine wasserbaulich-ökologische. Enno Nilson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) ordnet Niedrigwasser historisch ein und verweist darauf, dass Niedrigwasser am Rhein früher häufig ein Winterphänomen gewesen sei – ausgelöst durch strenge Kälte, Eis und Schnee. „Dass wir heute nur noch hitze- und trockenheitsbedingte Sommerniedrigwasser erleben, passt in das Bild, das wir unter den Rahmenbedingungen des fortschreitenden Klimawandels projiziert haben“, so Nilson. Damit verschiebt sich die Erwartung an die Jahreszeiten: Der nun beginnende Winter sei eigentlich die Zeit, in der die Gewässer wieder auffüllen, doch ob das diesmal wirklich eintritt, müsse man abwarten. Klar sei vor allem, dass lange und intensive Landregen nötig sind, um die Gewässer „wirklich“ aufzufüllen. Nilson betont zugleich den Blick über die Saison hinaus: Projektionen zeigten, dass es zwar auch künftig aufs ganze Jahr gesehen in Deutschland weiter Wasser geben werde, jedoch deutlich ungleich verteilt zwischen den Jahreszeiten. „Ausgeprägtere Dürren und Niedrigwasserphasen im Sommerhalbjahr werden durch höhere Niederschläge und Abflüsse im Winterhalbjahr im Jahresmittel teilweise kompensiert“, prognostiziert Nilson. „Damit würde sich nicht unbedingt ein Wassermengenproblem einstellen, sondern ein Verteil-Problem zwischen Regionen und zwischen den Jahreszeiten.“
Technisch und ökologisch verschärft sich dieses Verteilproblem durch die Art, wie Flüsse in Deutschland historisch ausgebaut wurden. Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) hält die Periode 2025/2026 für die abflussärmste seit Beginn der Pegelaufzeichnungen. Niedrige Pegelstände seien dabei nicht nur meteorologisch bedingt, sondern auch eine Folge menschlichen Eingreifens: Seit dem 19. Jahrhundert seien viele Flüsse begradigt, verkürzt, befestigt und als Wasserstraßen ausgebaut worden. Dadurch fließe das Wasser schneller ab und die Flussdynamik verliere Raum. Wolter beschreibt die Folge als strukturelles „Tiefenerniedrigungs“-Risiko: „Stattdessen tieft sich ihre Sohle um mehrere Meter ein.“ Noch kritischer werde es, wenn Niedrigwasser mit hohen Temperaturen zusammentreffe, weil dann die physikalischen und biochemischen Bedingungen gleichzeitig kippen. Niedrigwasser könne so die gesamte ökologische Funktionsfähigkeit eines Flusses beeinträchtigen. Der Ansatz, der im Bericht genannt wird, ist dabei nicht primär die „Verwaltung“ der Wasserstände, sondern die Wiederherstellung von Funktionsfähigkeit: „Die wirksamste Maßnahme zum Schutz von Flussökosystemen und ihrer Artenvielfalt ist die Revitalisierung der natrlichen Fließgewässerdynamik“, riet Wolter. „Niedrigwasser können wir also nicht einfach wegplanen oder wegbaggern.“ Für den Verkehrskontext ergänzt er außerdem: Eine klimaangepasste Verkehrspolitik müsse Infrastruktur und Schifffahrt stärker an natürliche Wasserverhältnisse anpassen. Dazu gehöre etwa, dass Schiffe mit geringerem Tiefgang genutzt werden können. Staustufen, so seine Argumentation, seien keine Lösung, weil sie die Flusslandschaft zerstörten, Verdunstung förderten und das Dürreproblem stromab verlagerten.
Dass die Lage nicht nur national bleibt, sondern ein europäisches Muster abbildet, wird durch die Einordnung von Thorsten Wagener und Thomas Hein unterstrichen. Wagener von der Universität Potsdam bestätigt den Befund, dass das Abflussvolumen in vielen europäischen Flüssen den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten erreicht habe. Als Ursache verweist er auf das Zusammenspiel von Klimawandel und Speicherverlusten in Gebirgsregionen: „Durch den steigenden Einfluss des Klimawandels verlieren wir die natürlichen Schnee- und Gletscherspeicher in Gebirgsregionen“, sagte der Professor für hydrologische Systeme. Dieser Speicherverlust trifft laut seiner Darstellung auf trockenen Winter und Frühling sowie hohe Verdunstung in Hitzesommern. „Überlagert sich dieses Problem mit trockenem Winter und Frühling, und mit hoher Verdunstung im Hitzesommer, dann haben wir einen perfekten Sturm – oder vielmehr eine perfekte Dürre.“ Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur Wien warnt zusätzlich vor den Folgen lang andauernder Niedrigwasserphasen in stark regulierten Gewässern: Dann sinken die Lebensräume entlang der Flussufer und in den angrenzenden Flussauen massiv. Damit wird aus einem kurzfristigen Niedrigwasserereignis ein Problem für die Strukturvielfalt und damit auch für den gesamten Stoff- und Energiehaushalt des Gewässers. Hein empfiehlt Renaturierungsmaßnahmen wie eine verbesserte Anbindung an Auen oder Moorvernässungen, räumt aber ein, dass diese Eingriffe Zeit brauchen, bis sich die gewünschten hydrologischen Effekte stabil einstellen.
Für Entscheider in Kommunen, Wasserwirtschaft und Infrastrukturplanung liegt der Schwerpunkt damit weniger auf einer einzelnen „Abhilfemaßnahme“, sondern auf dem Systemblick: Wenn es künftig häufiger zu ausgeprägten Sommerniedrigwasserphasen kommt, müssen Flussmanagement, Gewässerschutz und die Planung von Logistik zusammen gedacht werden. Die Datenlogik des NIWIS macht das messbar, doch die Konsequenzen reichen in den Betrieb hinein: Schifffahrt reagiert empfindlich auf Tiefgangsgrenzen, Ökologie auf Temperatur- und Wasserstandsfenster, und auch Landwirtschaft sowie Trinkwasseranlagen sind indirekt betroffen, wenn Bodenfeuchte und Grundwasserneubildung dauerhaft zu wenig Puffern. Der Bericht liefert dafür einen klaren roten Faden: Nicht „mehr Wasser“ allein ist das Ziel, sondern die Verteilung über das Jahr und die Wiederherstellung von Dynamik in den Flusslandschaften. In diesem Sinne sind Revitalisierung und klimaangepasste Verkehrskonzepte keine konkurrierenden Schlagworte, sondern zwei Seiten derselben Aufgabe – die Funktionsfähigkeit von Flüssen unter veränderten Randbedingungen zu erhalten.
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