LONDON (IT BOLTWISE) – In Österreich sind im ersten Halbjahr 2026 laut EY-Analyse 472 Millionen Euro Risikokapital in Startup-Finanzierungen geflossen, mit 329 Prozent Wachstum zum Vorjahr. Die Verteilung zeigt jedoch eine deutliche Schieflage: 94,9 Prozent des Kapitals gingen an rein männliche Founding Teams. Gemischte Teams erhielten 4,8 Prozent, rein weibliche Teams lediglich 0,3 Prozent. Der Bericht ordnet das als strukturelles Problem des Kapitalmarkts ein, gerade in späteren Wachstumsrunden.

Das erste Halbjahr 2026 gilt in Österreich als Rekordphase für Startup-Finanzierungen: 472 Millionen Euro Risikokapital gingen in heimische Jungfirmen, und damit übertrifft das Volumen die Vorjahresperiode um 329 Prozent. Parallel stieg die Zahl der registrierten Finanzierungsrunden von 78 auf 97. Auf dem Papier passt das Bild zur Dynamik eines Standortes, der wieder mehr Risiko einpreist und damit Skalierung ermöglicht. Im gleichen Atemzug zeigt die Studie Female Start-up Funding Index H1/2026, wie stark diese positive Gesamtentwicklung an eine bestimmte Zusammensetzung von Gründungsteams gekoppelt bleibt.
Im Zentrum der Auswertung steht die Frage, wie viel Kapital tatsächlich bei welchen Teamprofilen ankommt. Für die Analyse wurden Startups mit Sitz in Österreich berücksichtigt, die im Zeitraum Jänner bis Juni 2026 eine Finanzierungsrunde erfolgreich abschließen konnten. Das Ergebnis fällt auch im starken Marktumfeld klar aus: Von dem ausgewiesenen Finanzierungsvolumen gingen 94,9 Prozent an rein männliche Founding Teams. Gemischte Teams erhielten 4,8 Prozent, rein weibliche Teams sogar nur 0,3 Prozent des Kapitals. „2026 ist bislang ein starkes Jahr für den österreichischen Startup-Standort. Gleichzeitig macht die aktuelle Analyse deutlich, dass der Aufschwung vor allem männlich geprägten Gründungsteams zugutekommt. Wer mehr Innovation und Wachstum will, muss dafür sorgen, dass Kapital künftig breiter verteilt wird“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich.
Technisch betrachtet entscheidet nicht nur die Verfügbarkeit von Kapital, sondern auch die Pipeline bis zu größeren Runden über die Verteilungswirkung. Laut Bericht wird die Finanzierung vieler größerer Runden häufig von etablierten Venture-Capital-Fonds getragen, die auf bereits vorhandene Netzwerke, frühere Investmenterfolge und bewährte Muster zurückgreifen. Genau diese späteren Phasen – also dort, wo Skalierungs- und Wachstumsfinanzierungen den Ausschlag geben – haben demnach den stärksten Einfluss darauf, wie sich Kapital auf die Teamzusammensetzung verteilt. In der Praxis heißt das: Wenn der Zugang zu Investorennetzwerken oder die Sichtbarkeit in Richtung Growth-Runden für Gründerinnen und gemischte Teams häufiger mit Hürden verbunden ist, verschiebt sich die Kapitalverteilung auch dann, wenn insgesamt mehr Geld im Markt unterwegs ist.
Daran wird die Schieflage besonders sichtbar, sobald man auf die Zahl der Teams statt nur auf das Volumen blickt. „Der Aufschwung hat ein Geschlecht“, sagt Lisa-Marie Fassl, Managing Partner von Fund F und Co-Gründerin von Female Founders. Der Bericht nennt zudem einen konkreten Größenbezug: Von den insgesamt 95 österreichischen Startups, deren Gründungsteams bekannt sind und die im ersten Halbjahr 2026 eine Finanzierung erhielten, verfügten 72 über ein ausschließlich männliches Founding Team (76 %). Weitere 20 Startups wurden von gemischten Teams gegründet (21 %), lediglich drei Startups hatten rein weibliche Gründungsteams (3 %). Bei diesen drei rein weiblichen Startups werden Factorymaker, Faund Social Dating Club und Recruitiverse als Beispiele genannt. Damit ist die Verteilung nicht nur ein Ergebnis „auf dem Deckel“, sondern spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der geförderten Gründungen.
Der Index macht außerdem sichtbar, dass sich die Ungleichheit über die Teamzusammensetzung in Prozentwerte übersetzt. Insgesamt umfassen die analysierten Gründungsteams mindestens 248 Personen: 217 Männer und 31 Frauen. Daraus ergibt sich, dass der Frauenanteil unter den Gründer: innen jener Startups, die erfolgreich eine Finanzierung erhielten, bei rund 13 Prozent liegt. Auffällig ist dabei die inhaltliche Klammer, die die Studie selbst setzt: „Die Zahlen widerlegen ein bequemes Narrativ: Es gründen genug Frauen – das Problem ist, wer von ihnen ans Kapital kommt“, sagt Natascha Fürst, CEO von Female Founders. Der Tenor lautet demnach nicht, dass Frauen als potenzielle Gründerinnen fehlen, sondern dass der Kapitalmarkt strukturell selektiert – und zwar so, dass der Aufschwung eben nicht automatisch zu mehr Gleichheit führt.
Für Unternehmen und Investor: innen ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck: Einerseits können sich Startups mit Blick auf Fundraising-Strategien nicht allein auf „mehr Aktivität im Markt“ verlassen, sondern müssen die eigene Zugangsstrategie zu den richtigen Geldgebern und Runden bewusst gestalten. Andererseits betrifft das Thema auch die Rolle von Kapitalgebern in etablierten Bewertungs- und Entscheidungsprozessen. „Die Studie zeigt kein Problem an der Gründungsbasis, sondern ein strukturelles Versagen des Kapitalmarkts. Und das lässt sich nicht wegdiskutieren“, so Fürst weiter. Besonders pointiert fasst Fassl die ökonomische Dimension zusammen: „Frauen dürfen gründen. Finanziert werden Männer.“ Wenn Vielfalt nicht nur als Compliance-Thema, sondern als Renditehebel verstanden wird, verschiebt sich auch die Messlogik: Dann wird nicht nur gefragt, ob ein Team gut ist, sondern auch, ob der Markt die richtigen Teams überhaupt sichtbar und investierbar macht.
Gleichzeitig bleibt der Bericht eine Momentaufnahme eines starken Marktabschnitts, in dem der Gesamtumsatz steigt, aber die Verteilung nicht mitzieht. Für die kommenden Quartale wird deshalb entscheidend sein, ob sich bei den later-stage Investitionen – dort, wo große Kapitalentscheidungen fallen – Bewertungs- und Netzwerkmechanismen tatsächlich weiterentwickeln. Der Index argumentiert, Vielfalt entstehe nicht automatisch, sondern müsse aktiv finanziert werden. Damit liefert die Studie einen klaren Prüfstein für die nächste Finanzierungswelle: Wo Kapital in Rekordhöhe fließt, aber in der Breite nur ein Teil davon bei bestimmten Teamprofilen ankommt, sollte jede Investitionsstrategie ihre eigenen Selektionspfade so lange hinterfragen, bis sie die Chancenverteilung real verbessert.
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