IMPERIAL COLLEGE LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende nutzen KI, um aus 7.900 bioaktiven Molekülen 110 Kandidaten mit krebshemmenden Ähnlichkeiten zu bekannten Wirkstoffen herauszufiltern. Die Treffer stammen überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln wie Tee, Weintrauben, Karotten, Zitrusfrüchten und Kohl. Entscheidend: Der Ansatz ersetzt keine Krebstherapie, könnte aber Prävention ergänzen. Klinische Daten aus Kohortenstudien liefern dafür zusätzliche Plausibilität.

Forscherinnen und Forscher am Imperial College London haben mit Künstlicher Intelligenz (KI) eine systematische Suche nach potenziell krebshemmenden Lebensmitteln angestoßen. Ausgangspunkt waren rund 7.900 bioaktive Moleküle, die in Lebensmitteln vorkommen. Die KI ordnete diese Moleküle anhand von strukturellen und funktionalen Gemeinsamkeiten ein – und zwar nicht abstrakt, sondern im Abgleich mit Profilen etablierter Krebswirkstoffe. So entstand eine Liste mit 110 „Hyperfoods“, also Kandidaten, die zwar keine Medikamente sind, aber chemische Muster tragen, die an Wirkmechanismen bekannter Therapien erinnern.
Technisch spannend ist dabei, wie ähnlich die Vorgehensweise der Wirkstoffforschung im Kleinen wirkt: Das Team um Dr. Kirill Veselkov ließ KI-Algorithmen Molekülprofile aus Lebensmittelkomponenten mit Wirkstoffmustern aus einem Referenzset abgleichen. Dabei ging es nicht nur um „Ähnlichkeit der Form“, sondern auch um funktionale Übereinstimmungen, die im Labor oft mit bestimmten biologischen Effekten korrelieren. Im Fokus der plausibelsten Kandidaten standen insbesondere Flavonoide und Terpenoide. In Pflanzen sind diese Klassen häufig für entzündungshemmende Effekte bekannt und könnten außerdem die Zellvermehrung indirekt regulieren – als Baustein im Präventionskonzept, nicht als Ersatz für medizinische Behandlung.
Der direkte Markt- und Forschungsbezug entsteht, weil die KI-gestützte Auswahl die klassische Frage beschleunigt: Welche Substanzen verdienen überhaupt Priorität? In der pharmazeutischen Praxis ist genau das der Engpass, weil viele Kandidaten aufgrund von Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit aussortiert werden müssen. Novartis hat in diesem Kontext wiederholt die Erwartung geäußert, dass KI die Entwicklungszeit neuer Medikamente von durchschnittlich 12 Jahren auf etwa 7 bis 8 Jahre drücken kann. Auf die Zulassungen bezogen wird in der Debatte teils sogar eine Verdopplung der Erfolgsquote von 8 auf 16 Prozent diskutiert. Gleichzeitig zeigen Tests von KI-Anbietern wie Anthropic, dass solche Systeme selbst bei seltenen Krankheitsbildern schnell Kandidaten verdichten können, was die Schnittstelle zwischen Medizin und Datenkompetenz stärkt.
Historisch ist das Ganze kein „plötzliches“ Thema, sondern die konsequente Weiterentwicklung: Schon lange untersucht die Ernährungswissenschaft, welche Mikronährstoffe Entzündungsprozesse und damit chronische Krankheitsrisiken beeinflussen. Neu ist vor allem die Skalierung: KI kann große Molekül- und Literaturmengen durchsuchen und nichtlineare Muster finden, die Menschen mit rein manuellen Filtern übersehen würden. Genau hier kommt die Evidenz aus Kohortenstudien ins Spiel. Eine in Nature veröffentlichte Studie im Februar 2026 berichtet, dass eine vegetarisch orientierte Ernährung das Risiko für mehrere Krebsarten senkt, darunter Brust-, Prostata-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Noch direkter wird es durch Daten der UK Biobank mit rund 93.000 Frauen: Eine flavonoidreiche Kost reduzierte das Brustkrebsrisiko um 15 Prozent, selbst bei genetischer Vorbelastung, wobei Flavanone aus Zitrusfrüchten sowie Proanthocyanidine aus Äpfeln und Beeren als besonders wirksam hervorgehoben werden.
Auch die Risiken der „westlichen“ Ernährungsweise werden parallel als Gegengewicht sichtbar. Das betrifft nicht nur einzelne Lebensmittel, sondern typische Muster: verarbeitetes Fleisch, stark zuckerhaltige Snacks und frittierte Speisen werden mit ungünstigen Effekten auf Tumorwachstum in Verbindung gebracht. In den zusammengefassten Daten erhöhten bereits 50 Gramm verarbeitetes Fleisch täglich das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent. Bei zuckerhaltigen Getränken steigt das Leberkrebsrisiko pro Glas am Tag um 10 Prozent. Ergänzt wird das Bild durch Lebensstilfaktoren: Die University of Glasgow wertete Daten von über 91.000 Personen aus; stundenlang ununterbrochenes Sitzen erhöht das Krebssterberisiko um 10 Prozent pro Stunde, während bereits fünf Minuten intensivere Aktivität dieses Risiko um 22 Prozent senken können. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das: Prävention ist ein Ökosystem aus Ernährung, Verhalten und messbarer Biologie.
Für die praktische Umsetzung bleibt jedoch der entscheidende regulatorische und medizinethische Rahmen: Die Liste der Hyperfoods ist ein Forschungsergebnis, keine Therapieanweisung. Der Verzehr dieser Lebensmittel ersetzt keine Krebstherapie, sondern soll – wenn überhaupt – als ergänzender Baustein in Präventionsprogrammen dienen. Gleichzeitig wächst die Chance für die Industrie, KI-gestützte Ernährungs- und Pharmadaten enger zu verzahnen: Initiativen wie Ginkgo Datapoints zielen darauf, die Datenqualität in der KI-gestützten Zellpharmakologie zu verbessern, damit computergenerierte Wirkstoffvorhersagen verlässlicher werden. Der nächste Schritt wird wahrscheinlich sein, dass aus „möglichen Molekülähnlichkeiten“ konkrete Wirkannahmen und Studiendesigns werden, die Wirkungsketten von Inhaltsstoffen bis zu messbaren klinischen Endpunkten nachweisen. Wenn das gelingt, entsteht mittelfristig ein neuer Wettbewerbsraum zwischen Ernährung, Bioanalytik und KI-gestützter Wirkstoffentwicklung – mit klaren Anforderungen an Transparenz, Datenschutz und wissenschaftliche Validierung.
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