VADUZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Seit einer großen Durchsuchungswelle im Oktober 2022 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den deutschen Unternehmer Florian Fritsch und zwei weitere Beschuldigte wegen Untreue. Parallel werden Vorwürfe zu Betrug, Geldwäsche und der Bildung einer kriminellen Organisation geprüft. Im Zentrum steht offenbar ein Macht- und Vertrauenskonflikt, der aus einem früheren Founder-Netzwerk und konkreten Kapitalzusagen hervorging. Für Unternehmen ist der Fall vor allem deshalb relevant, weil Governance-Mechanismen, Vertragsgestaltung und Kontrollrechte hier direkt in den Strafrechtskontext rutschen.

Fall Fritsch: Streit um Macht im Startup eskaliert zur Untreue-Anklage
Fall Fritsch: Streit um Macht im Startup eskaliert zur Untreue-Anklage (Foto: IT BOLTWISE)
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Was wie ein klassisches Startup-Märchen über Netzwerk, Sympathie und „Deal-by-Trust“ beginnt, endet im Strafverfahren: In Liechtenstein laufen seit den Hausdurchsuchungen im Oktober 2022 Ermittlungen gegen Florian Fritsch, einen weiteren Beschuldigten und eine dritte Person wegen Untreue. Die Unschuldsvermutung gilt dabei ausdrücklich. Wie die Staatsanwaltschaft den Sachverhalt beschreibt, werden jedoch nicht nur einzelne Pflichtverletzungen diskutiert, sondern auch mehrere strafrechtlich eigenständige Vorwürfe, darunter Betrug, Geldwäsche und die Bildung einer kriminellen Organisation. Für Beobachter ist weniger die Frage, ob am Ende „ein Schuldiger“ gefunden wird, sondern wie früh sich aus Governance-Unsicherheit reale finanzielle Risiken entwickeln können.

Der Ausgangspunkt liegt laut Darstellung im Umfeld einer Unternehmensgründung mit internationaler Beteiligung: 2015 sollen sich der Delivery-Hero-Mitgründer Markus Fuhrmann und Fritsch in Berlin kennengelernt haben. Später wird Fuhrmann demnach das Bau-Tech-Startup Gropyus aufgebaut haben. Aus dieser Konstellation heraus seien nach Ermittlungsstand mehrere unternehmerische Bindungen entstanden, darunter über 6 Millionen Euro an Darlehen. Hinzu kommt eine Rolle als Aufsichtsratschef sowie ein gemeinsames Family-Office im Vaduzer Städtle. Genau hier setzt der spätere Konflikt an: Wenn Kapital, Kontrollrechte und persönliche Beziehungen gleichzeitig wirksam werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Differenzen über Fakten (Kompetenz, Umsetzung, Rückzahlung) in Machtfragen verwandeln.

Die Staatsanwaltschaft zeichnet den Bruch dann mit einem typischen Muster nach, das in Wirtschaftsstrafverfahren wiederholt auftaucht: anfängliches Vertrauen wird durch Zweifel an der fachlichen Eignung des Immobilienentwicklers ersetzt, ein Immobilienprojekt läuft schief, und Rückzahlungen bleiben aus. Der Bericht spricht davon, dass sich „nach und nach“ Zweifel an der fachlichen Kompetenz entwickelt hätten. Gerade diese zeitliche Dynamik ist entscheidend, weil sie die Grenze zwischen unternehmerischem Risiko und vorsätzlicher Täuschung, ungetreuer Vermögensverwaltung oder anderen Pflichtverstößen markiert. In solchen Verfahren müssen Gerichte regelmäßig klären, ob es sich um Fehleinschätzungen im Projektverlauf handelt oder ob Verträge und Entscheidungsprozesse bewusst so gestaltet wurden, dass eine Vermögensverschiebung zu Lasten einer Gesellschaft oder anderer Beteiligter wahrscheinlicher wurde.

Aus dem technischen und operativen „Projektstress“ wird anschließend ein juristisch greifbarer Machtkampf: Schlichtungstreffen sollen keine Lösung gebracht haben. In der Akte tauchen laut Darstellung auch Details auf, die das Eskalationsniveau plastisch machen, etwa eine Uhr für 120 000 Euro sowie die Behauptung heimlich belauschter Gespräche. Gleichzeitig wird berichtet, dass Fuhrmann Personalrochaden vorangetrieben habe, jedoch 2021 den Aufsichtsratsvorsitz verloren habe. Anschließend soll ein Aktionärsbindungsvertrag aufgetaucht sein, der Fuhrmanns Stimmrechte an die Fritsch AG bindet; der von der Anklage genannte Wert liegt bei mindestens 108 Millionen Euro. In der Logik der Strafverfolgung ist die Kernerzählung deshalb nicht nur „Geld fehlt“, sondern „Entscheidungsmacht wurde verlagert“ – und zwar zu einem Zeitpunkt, in dem die Beteiligten offenbar bereits unterschiedliche Bewertungen der Sachlage hatten.

Solche Stimmrechtsbindungen sind aus Governance-Sicht ein sensibles Instrument: Sie können legitime Interessen ausbalancieren, etwa um strategische Kontinuität zu sichern, sie können aber auch faktisch dazu führen, dass ein Investor oder Mitgründer bei zentralen Beschlüssen praktisch entmachtet wird. Für die strafrechtliche Bewertung dürfte damit eng zusammenhängen, ob die Vertragsannahme und deren zeitliche Durchsetzung mit vertretbaren Verfahren begründet wurde oder ob – wie die Staatsanwaltschaft formuliert – keine Notwendigkeit bestanden habe, den Vertrag „unbedingt bis zu Mittag des 12. Juli 2021“ durchzupressen. Diese Art der zeitlichen Kritik zielt auf die Einbettung in den Entscheidungsprozess: Nicht nur der Vertrag selbst, sondern auch seine Prozessführung, Transparenz und Alternativen werden relevant.

Neben den klassischen Dokumentenfragen spielen im Verfahren auch Kommunikationsspuren eine Rolle. Der Bericht verweist darauf, dass der dritte Beschuldigte den Vertrag aufgesetzt haben soll und danach an Fritsch geschrieben haben soll: „Never try to fuck a fucker.“ Ob die drei Angeklagten schuldig sind, entscheidet schließlich das Landgericht; bis dahin gilt die Unschuldsvermutung. Parallel laufen weitere Verfahren in Liechtenstein, der Schweiz und Österreich. Für Unternehmen und Aufsichtsgremien ist das mehr als ein lokaler Fall: Die parallele Verfahrensführung zeigt, dass sich Geschäftsvorfälle und Beteiligungsstrukturen in DACH- und Kleinstaaten-Räumen häufig über mehrere Rechtsordnungen erstrecken. Damit wird die Frage nach Zuständigkeit, Beweisaufnahme und Koordination der Akten in der Praxis selbst zu einem eigenen Risikofaktor.

Technisch, organisatorisch und marktbezogen betrachtet, lässt sich aus dem Fall vor allem ein Lernpunkt ableiten: Startup-Governance ist kein reines Formalthema. Wenn Darlehen, Aufsichtsfunktionen, Stimmrechte und Vertragsmechanik zugleich auf Personenbeziehungen aufbauen, entsteht im Konfliktfall eine Gemengelage aus juristischer Angreifbarkeit und wirtschaftlicher Unübersichtlichkeit. Genau das unterscheidet Unternehmensstreitigkeiten, die „nur“ zivilrechtlich entschieden werden, von Fällen, in denen Staatsanwälte Betrug, Geldwäsche oder Untreue prüfen. Für Gründerteams heißt das: Frühzeitige Due Diligence, saubere Entscheidungsprotokolle, nachvollziehbare Kriterien für Kompetenz- und Projektbewertungen sowie transparente Vertragsverhandlungen sind nicht bürokratischer Ballast, sondern eine Absicherung gegen spätere Narrative, die Machtverschiebungen als Pflichtverletzung oder Täuschung darstellen könnten.


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