MOMBASA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die FAO meldet einen Rekord von 235 Millionen Tonnen Fisch und Aquakulturprodukte aus Wassertieren sowie Algen. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass ein großer Teil der Bestände nicht nachhaltig befischt wird. Das verschärft den Druck auf Politik und Wirtschaft, Fangquoten, Kontrollen und Rückverfolgbarkeit wirksamer umzusetzen. Für Unternehmen entsteht damit ein handfester Bedarf an datengetriebener Überwachung entlang der Lieferkette.

Die FAO zeichnet ein ambivalentes Bild: Noch nie wurden weltweit so viele Erzeugnisse aus Wassertieren, Algen und Meeresalgen produziert wie im jüngst veröffentlichten Bericht. Insgesamt werden 235 Millionen Tonnen genannt, aufgeteilt in 195 Millionen Tonnen Wassertiere sowie 40 Millionen Tonnen Algen und Meeresalgen. Doch während die Produktionsmengen ansteigen, bleibt die Nachhaltigkeit der traditionellen Meeresfischerei ein Problem. Das Management von Risiken verlagert sich damit zunehmend von reiner Mengensteuerung hin zu belastbaren Daten über Bestandszustände, Fangmethoden und Lieferkettenqualität.
Technisch betrachtet verschiebt sich die Grundlage der Versorgung: Aquakultur erreicht laut Bericht erstmals die symbolische Marke von 100 Millionen Tonnen tierischer Erzeugnisse und wächst damit um 8,4 Prozent gegenüber dem Stand vor zwei Jahren. Parallel steigt die Fangfischerei auf 92 Millionen Tonnen (+1,7 Prozent gegenüber 2022). Für die Branche bedeutet das: Während Aquakulturen bessere Planbarkeit versprechen, bleibt die ökologische und regulatorische Komponente in der Meeresfischerei hochkomplex, weil Bestände in Raum und Zeit stark schwanken. In der Unternehmenspraxis führt das zu Anforderungen an Qualitätsmanagement, Betriebsdatenerfassung und eine lückenlose Dokumentation, die sich auch bei Kontrollen schnell nachweisen lässt.
Ein entscheidender Marktpunkt ist die räumliche Verteilung. Dem Bericht zufolge stammen 89 Prozent der Aquakulturproduktion von Wassertieren aus Asien, wobei China die globale Spitzenposition einnimmt. Gleichzeitig bleibt die Meeresfischerei für Ernährung und Einkommen vieler Menschen elementar, selbst wenn sie unter Druck steht. Diese Gegenläufigkeit ist für Einkäufer und Verarbeiter relevant: Wer heute optimiert, muss gleichzeitig mit unterschiedlichen Regelsystemen und Datenreifegraden entlang der Wertschöpfungskette umgehen können. Genau hier setzen moderne Monitoring-Ansätze an, etwa bei der Kombination von Betriebsdaten, Hafenmeldungen und umweltbezogenen Signalen, um Risiken früh zu erkennen statt erst nachgelagert zu reagieren.
Bei der Nachhaltigkeit wird es konkret: Schätzungsweise 62,4 Prozent der weltweit befischten Bestände bleiben innerhalb biologisch nachhaltiger Grenzen, während fast 38 Prozent überfischt würden. Barange formulierte es sinngemäß als Warnung, dass dem Meer zu viel entnommen werde und die Lage regional stark variiere. Mehr als 50 Prozent der Bestände vor der nordwestafrikanischen Küste seien überfischt; zudem leide insbesondere der Atlantische Lachs unter der Verschlechterung seines Lebensraums, Überfischung und Schwankungen der Umweltbedingungen. Für Unternehmen entsteht dadurch ein unmittelbarer Business Case: Nachhaltigkeit wird vom Schlagwort zur messbaren Compliance-Anforderung, die sich ohne belastbare Datengrundlage kaum effizient managen lässt.
Aus Sicht des Naturschutzes kommt zusätzlicher Druck hinzu. Der WWF verwies darauf, dass neben Überfischung auch die Klimakrise den Rückgang von Fischbeständen begünstigen kann; eigene Berechnungen werden so beschrieben, dass der Bestand bis 2100 um bis zu 40 Prozent sinken könnte. In der Aussage eines WWF-Fischereiexperten, Mark Heuer, wird eine Trendwende nur gelingen, wenn Politik und Wirtschaft den Ernst anerkennen und durch drastische Fangbeschränkungen sowie strenge Kontrollen gegensteuern. Für die Marktseite heißt das: Unternehmen müssen nicht nur „nachweisen“, dass sie nachhaltig beschaffen, sondern auch damit rechnen, dass sich Bewertungsmodelle durch Klimaeffekte und neue wissenschaftliche Erkenntnisse weiter verschärfen.
Hier wird der Wettbewerb zwischen technischen Kontroll- und Transparenzansätzen spürbar. Neben staatlichen Systemen entstehen zunehmend datenbasierte Angebote, die Fangaktivitäten besser nachvollziehbar machen sollen. Ein prominentes Beispiel ist World Fishing Watch, das mit öffentlich verfügbaren und ergänzenden Daten arbeitet und damit für viele Akteure zur Referenz geworden ist, weil es die Sichtbarkeit von Aktivitäten erhöhen kann. In der Praxis konkurriert das mit stärker unternehmensinternen Ansätzen, bei denen Flotten- und Lieferketteninformationen unternehmensweit konsolidiert werden. Der Unterschied liegt oft in der Geschwindigkeit der Datenanreicherung: Wo externe Satelliten- und AIS-Daten schnell Hinweise liefern, kann eine interne Traceability-Plattform eine feinere Zuordnung zu Chargen und Standorten leisten.
Historisch ist die Spannung nicht neu. Schon seit Jahrzehnten beschäftigen sich FAO-Veröffentlichungen und wissenschaftliche Gremien mit der Frage, wie Fangquoten, Managementpläne und marine Schutzstrategien zusammenwirken. In den letzten Jahren hat sich allerdings ein Wandel beschleunigt: Die Kombination aus verbesserten Fernerkundungsdaten, digitaler Logbuchführung und stärkerer regulatorischer Verdichtung (Stichworte wie IUU-Vermeidung und strenge Nachweispflichten in der EU) erhöht die Bedeutung von Datenqualität. Das ist für IT-Teams besonders relevant, weil „gute“ Daten nicht nur Genauigkeit brauchen, sondern auch Governance: Rollen, Aufbewahrungsfristen, Audit-Trails und klare Verantwortlichkeiten, damit Traceability bei Prüfungen belastbar bleibt und zugleich Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen erfüllt.
Der Ausblick zeigt, wo in den nächsten Jahren der Hebel liegen dürfte. Angesichts des Marktwachstums in der Aquakultur wird der Wettbewerb um Rohstoffe, Futtermittel und Standortgüte weiter zunehmen; gleichzeitig wird die Meeresfischerei politisch stärker reguliert werden müssen, wenn der Anteil überfischter Bestände sinken soll. Unternehmen sollten daher frühzeitig in KI-gestützte Analyse von Umweltdaten, in die Auswertung von Fang- und Bewegungsdaten sowie in automatisierte Plausibilitätsprüfungen investieren, um Lieferkettenrisiken zu reduzieren. Entscheidend ist, dass diese Systeme nicht als reines Reporting enden, sondern operative Entscheidungen unterstützen: von Einkaufskorridoren über Risikostaffelungen bis hin zur Planung von Alternativen. Damit wird aus dem FAO-Zahlenbild eine konkrete Roadmap für nachhaltige Beschaffung und skalierbare Compliance.
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