UTAH / LONDON (IT BOLTWISE) – Am Bonneville-Salzsee hat ein britisches Team mit dem JCB Hydromax einen neuen FIA-Landgeschwindigkeitsrekord eingefahren. Das wasserstoffbetriebene Fahrzeug erreichte 406,320 mph, gefahren von Andy Green. Parallel werden FIA-Archivbestände mit mehr als zwei Millionen Dokumenten und Bildern für die Öffentlichkeit digitalisiert. Damit rückt eine über ein Jahrhundert gewachsene Technik- und Risikokultur wieder stärker in den Fokus.

FIA digitalisiert Archive zu Land-Speed-Rekorden: von Hydromax bis ThrustSSC
FIA digitalisiert Archive zu Land-Speed-Rekorden: von Hydromax bis ThrustSSC (Foto: IT BOLTWISE)
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Die jüngste Bestmarke auf den Bonneville-Salt-Flats wirkt wie ein Zeitsprung: Während das Salz unter den Reifen knirscht, wird zugleich sichtbar, was die Rekordjagd technisch und menschlich über Generationen geprägt hat. Am Dienstag meldete die FIA den Erfolg mit dem JCB Hydromax, einem wasserstoffbetriebenen Land-Speed-Fahrzeug, das 406,320 mph erreichte. Als Fahrer agierte Andy Green, der als ehemaliger RAF-Wing-Commander nicht nur diesen Lauf, sondern auch den aktuellen Outright-Rekord von 763,035 mph hält – aufgestellt 1997 im ThrustSSC. Der historische Kontext ist deshalb mehr als Kulisse: Er zeigt, warum sich das Regelwerk, die Motorik und selbst die Messmethoden ständig weiterentwickeln mussten.

Technisch steht beim Hydromax vor allem die Frage im Raum, wie Wasserstoff als Energieträger unter extremen Beschleunigungs- und Lastbedingungen zuverlässig funktioniert. Land-Speed-Rekorde sind nicht einfach „schnell fahren“; sie verlangen definierte Rollout-Profilen, eine stabile Leistungsabgabe und ein Setup, das auch dann funktioniert, wenn Luftreibung, Reifenaufstand und Temperaturfenster ihre Grenzen austesten. Dass die Bestmarke in der FIA-Logik erreicht wird, hängt zudem an der Qualität der Datenerfassung: Genau deshalb ist die nun gestartete Digitalisierung so bedeutend. Laut der Meldung digitalisiert die FIA für die öffentliche Einsicht mehr als zwei Millionen Dokumente und Bilder aus dem Archiv.

Ein zentraler Teil kommt dabei aus dem FIA-Speicher in Valleiry, Frankreich: Die Sammlung mit Bezug zu den Land Speed Records gehört zu den ersten Projekten, die der Öffentlichkeit „kurz“ zugänglich gemacht werden sollen. Genau dieser Schritt erklärt, warum die Rekordhistorie bislang teils in Kartons verschwunden war: Neben Fotos und technischen Unterlagen liegen auch handschriftliche Notizen, Briefe und offizielle Aufzeichnungen bei, jeweils annotiert von Personen, die bei Versuchen beteiligt waren oder sie beobachteten. In der Praxis schafft das eine Lücke, die Fachwissen und Zeitzeugenstimme zusammenführt – etwa wenn man historische Logbücher nicht nur als Ergebnisprotokolle, sondern als Prozessbeschreibung liest.

Die digitale Wiederentdeckung setzt zeitlich nicht bei der Moderne an, sondern direkt beim Beginn des Wettbewerbs um Geschwindigkeit: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, kurz nach der Erfindung des Motorwagens, wurde das Thema zunächst unter elektrischer und Verbrennungstechnologie ausgetragen. Der französische Graf Gaston de Chasseloup-Laubat stellte 1898 mit 39,24 mph eine erste Marke im Jeantaud-Fahrzeug auf, doch die „Stafette“ wechselte schnell. Camille Jenatzy übernahm den Platz mit dem 100-km/h-Sprung in der „La Jamais Contente“ – einem torpedoartigen Aufbau, in dem Jenatzy aus der Kniehöhe deutlich aufgerichtet saß. Diese frühen Fahrzeuge wirkten aus heutiger Sicht ungewöhnlich, aber sie markieren die grundlegende Erkenntnis: Aerodynamik, Antriebswahl und Fahrerposition waren schon damals Teil der Leistungsformel.

In den 1920er- und 1930er-Jahren erreichte die Rekordjagd eine Phase, die man fast als „Mainstream“ der Technikpresse lesen könnte. Kenelm Lee Guinness setzte nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Sunbeam 350HP einen Erfolg, und später prägte Malcolm Campbell das Bild des britischen Duells: Erst mit mehreren weiteren Erfolgen, dann in den 1930ern, als Campbell mit George Eyston und John Cobb in einem Tempo-Ringen lag. Dass der Abstand zwischen Rekord und Lebensrisiko real war, zeigt die Archivebene besonders scharf. Bei Cobb etwa sprechen technische Berichte von einer „ungewöhnlich rauen“ Strecke; bei Campbell findet sich 1935 am Bonneville-Foto des Zeitnehmers und Rechners eine handschriftliche Notiz („early morning – clothes not yet removed“) – und zugleich ein Bild, auf dem Campbells Blue Bird über das Salz schießt.

Noch deutlicher wird die Gefahr im Rückblick, den die Archivunterlagen überliefern: Für 1935 beschreibt Campbell, wie sich ein Ölfilm auf der Windschutzscheibe bildet und gefährliche Abgase in den Fahrerraum dringen. Er schildert außerdem, dass sich kurz vor dem Ende der Meile eine Explosion ereignete, weil der vordere Vorderreifen platzte; während die Scheibe zunehmend undurchsichtig wurde, müsse er das Auto wieder unter erschwerten Bedingungen kontrollieren. Diese Passage bringt zwei Aspekte zusammen, die auch im heutigen Kontext gelten: Erstens, dass Geschwindigkeit immer mit unvorhersehbaren Material- und Sicherheitsfragen verknüpft ist. Zweitens, dass Rekorde nicht nur von Ingenieurskunst, sondern von Testkultur und Risikoakzeptanz abhängen.

Auch die Motorsportgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt im Archiv nachvollziehbar, etwa über zeitbasierte Ausdauerläufe. Für 1959 führt die Sammlung eine internationale Klasse G mit einem besonders „unwahrscheinlichen“ Kandidaten an: einen Austin-Healey Sprite mit aerodynamischem Aufbau. Der Versuch lief über 12 Stunden bei 1.665 Meilen und durchschnittlich 138,75 mph; die Details wurden laut Textangabe minutiös per Hand dokumentiert, bis hin zu einer knappen Bemerkung zum Spin eines Fahrers, als sich bei 135 mph die Motorhaube löste. In den 1960er-Jahren verschob sich das Spiel dann drastisch: Weg von wheel-driven Systemen hin zu Jet- und Rocket-Antrieben, die nicht nur Leistung, sondern auch Regelwerkslogik neu sortierten – und damit auch den Wettbewerb zwischen Craig Breedlove und Art Arfons in neue Bahnen lenkten.

Für die Gegenwart bedeutet die Archiv-Digitalisierung mehr als Nostalgie: Sie schafft eine überprüfbare Grundlage, um technische Entscheidungen nachvollziehbar zu machen – vom Wandel der Antriebstechnologien bis hin zur Frage, welche Rekordarten innerhalb der FIA-Regeln anerkannt werden. Genau diese Linie zieht sich vom ThrustSSC-Umfeld, in dem Andy Green 1997 die Schallmauer auf Land durchbrach, bis zur jüngsten Kombination aus Wasserstoffantrieb und modernen Mess- und Dokumentationsanforderungen. Und während „dieser Sport“ laut Roger Banowetz als einzigartig beschrieben wird, weil man Träumen, Bauen und Rennen tatsächlich verbinden könne, liefert die FIA-Archivarbeit den dazugehörigen Beleg: Nicht nur die Rekordzahl bleibt sichtbar, sondern auch die handfesten Schritte auf dem Weg dorthin.


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